Ein musikalischer Glanzpunkt: die Dresdner Kapellknaben in der Klosterkirche. Foto: Franz Kälin
Ein musikalischer Glanzpunkt: die Dresdner Kapellknaben in der Klosterkirche. Foto: Franz Kälin

Musik

Chorkultur vom Feinsten – die Dresdner Kapellknaben

Wer sich am Mittwochabend die Zeit genommen hat – und es waren erfreulich viele –, den ersten Auftritt der Dresdner Kathedralsänger in Einsiedeln mitzuerleben, der wurde aufs Reichste beschenkt.

Der lang anhaltende Applaus am Schluss war denn auch ein hörbares Zeichen dafür, dass der berühmte Funke gesprungen war und die glasklaren Knaben- und jungen Männer-Stimmen die Herzen ihres Publikums erreicht hatten.

Ein verhaltener Start

Der Start in den Konzertabend war eher verhalten und abtastend. Lag es an den Kompositionen so bedeutender Renaissance- und Frühbarock-Komponisten wie Monteverdi, Aichinger, Lasso, Scarlatti, Andrea Gabrieli und Heinrich Schütz (der Dresdner Hofkomponist schlechthin) oder am vorsichtigen Herantasten des Chores an die akustische Situation in der Klosterkirche?

Reichbefrachtetes Programm

Die Kommunikation mit dem Publikum war zudem etwas erschwert, weil das aufliegende Programm eher einer reichen Menükarte glich, aus der eine erträgliche Auswahl getroffen wurde. Ist es wohl nur dem Berichterstatter so gegangen, dass er den Satz «Es erklingt eine Auswahl» erst gegen Schluss des Konzertes im Programmheft gelesen hat? Pater Theo Flury setzte mit Bachs Präludium und Fuge BWV 547 aus dessen Leipziger Zeit auf der Marienorgel einen strahlenden Schlusspunkt hinter den ersten Gesangsblock.

In der Mitte ein Höhenflug

Ja, noch mehr. Pater Theos Bach schien die Dresdner richtig aus dem Busch zu klopfen. Sie setzten an zu einem kaum in Worte zu fassenden Höhenflug mit vier phantastischen Kompositionen der Moderne. Er begann mit einem interessanten Gemisch aus Singen und Sprechen im Ave Maria des Finnen Jaako Mäntyjärvi und setzte sich fort im lateinischen Vaterunser des oberfränkischen Komponisten Max Baumann, dessen Musik von Reger und Hindemith beeinflusst ist. Wie hier der Chor erstmals an diesem Abend die breite dynamische Palette bis in beide Extreme auslotete, war schlichtweg sensationell. Auch die beiden Werke von Walter Kraft und Eberhard Wenzel gerieten in diesem musikalischen Vollbrand aufs Schönste. Diesmal gaben die Kapellknaben dem begnadeten Meister (jetzt an der Mauritiusorgel) das Feuer weiter für ein improvisiertes Tongemälde, das nicht in Worte zu fassen ist. Dem Schreiber war, als sähe ich einen Dinosaurier, wie er langsam erwacht, seine knochigen Glieder durchschüttelt und zu einem infernalischen Gelächter ansetzt. Und dies alles notabene in gekürzter Sonatensatzform. Chapeau!

Ein ergreifend-schlichter Schluss

Den musikalischen Schlusspunkt setzten die Dresdner Kapellknaben mit einem dritten Teil, der Bruckner und Mendelssohn gewidmet war. Wie durchwegs an diesem Abend, war hier besonders die perfekte Intonation und der herrliche Chorklang zu bewundern. Ganz eindrücklich auch, wie meisterhaft und professionell auf Zwischenfälle reagiert wird, wenn nicht alle Sänger mitbekommen, welches Werk gesungen wird. Der Abend wurde abgeschlossen mit dem ergreifend schlichten Muttergottes-Hymnus Ave maris stella von Edvard Grieg. Ein musikalischer Glanzpunkt am Einsiedler Kulturhimmel – und das mitten in der Woche!

Einsiedler Anzeiger

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

11.06.2010

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