Die grosszügigen Raumverhältnisse der Klosterkirche boten die passenden Voraussetzungen für das «venezianische» Konzert. Foto: Franz Kälin
Die grosszügigen Raumverhältnisse der Klosterkirche boten die passenden Voraussetzungen für das «venezianische» Konzert. Foto: Franz Kälin

Musik

Venedig zu Besuch in Einsiedeln

Willaert, di Lasso, Gabrieli – die Musikzeichen standen beim Bettagskonzert auf «venezianisch». Eindrücklich führte Giovanni Bria die beteiligten Sänger und Instrumentalisten. Der Abt meditierte über Talent und den «guten Eifer».

Um 1600 wurden in Venedig musikalische Akzente gesetzt, die unter dem Begriff «Venezianische Schule» in die Musikgeschichte eingehen sollten. Ihre Vertreter experimentierten mit Klangfarben und nutzten die grosszügigen Raumverhältnisse, die ihnen der Markusdom bot. Es entwickelten sich neue Formen der Instrumentalmusik und die sogenannte «Venezianische Mehrchörigkeit».

San Marco im Kloster zu Gast

Dank dem «Musiksommer am Zürichsee» kam am Bettagabend diese Musik und Zeit als «musikalische Vesper» im Kloster Einsiedeln zu Besuch. Ganz der Mehrchörigkeit verpflichtet präsentierten sich die beteiligten Ensembles. In der Mitte das Berner Brass Quintett, dahinter die Kleine Einsiedler Choralschola, die beiden Chöre zur linken und rechten Seite, ebenso die beiden Organisten. Und einer stand einsam im Zentrum: Giovanni Bria. Der Gesamtleiter sollte die Koordination der verschiedenen Beteiligten zur einheitlichen Musikdarbietung garantieren.

Aufgabe meisterlichgelöst

Bria löste diese schwierige Aufgabe hervorragend, ja meisterlich. Zwar wirkte sein Dirigat mit seinen weit ausholenden Armbewegungen etwas kantig, doch dieses präzise Leiten und seine genauen Einsätze ermöglichten erst diese überzeugende gemeinsame Leistung. Ihre Grundlage war der gleiche Puls und der ausgewogene Klang. Kein Nebeneinander und keine Dominanz.Der Abt brachte dies auf den Punkt: «Fantastische Musik in einem fantastischen Kirchenraum!»

Miteinander und Dialog

Abt Martin Werlen nutzte diese Feststellung in seiner Meditation. Jeder bringe seine Talente ein, trotz verschiedenartigen Erfahrungshintergründen finde sich alles «in der Sprache der Musik». Nicht Egoismus oder Abschottung machten das Leben reich, sondern die Bereitschaft zum Miteinander und Dialog. Der Benediktiner zitierte dazu «Der gute Eifer der Mönche», die Regel 72 des Ordensgründers. Den Gedanken des Abtes folgte der einzige Vortrag aus einer anderen Zeitepoche. Eindrücklich schlicht wirkte der mittelalterliche Gesang der Einsiedler Mönche. Pater Theo Flury spielte mit Rossis Toccata hingegen wiederum ein typisches Werk der Renaissance. Diese Musikform nahm ihren Anfang in San Marco. Das debutierende Berner Brass Quintett gestaltete mit den drei Madrigalen von da Venosa ebenfalls einen Einzelvortrag. Angenehm weich der Klang und die Ausgewogenheit dieser Formation, die zwei weitere Werke mit den beiden Orgeln spielte. Die beteiligten Organisten, den zweiten Orgelpart übernahm Nicola Cittadin aus Rovigo, Italien, setzten ihr Instrument sehr dezent ein. Die beiden Doppelquartette «Solisti vocali Helvetici» und «Solisti vocali Transilvani» präsentierten ihr Können im ersten Teil mit zwei Psalmen von Adrian Willaert, im zweiten mit dem Magnificat von Orlando di Lasso, in dem sich der schlichte Gregorianische Gesang der Schola mit dem mehrstimmigen Gesang der beiden Ensembles geschickt verband.

Architektur beeinflusst Musik

An diesem Abend wurde man sich bewusst, wie wichtig die architektonische Gestaltung des Aufführungsraums sein kann. In der Klosterkirche konnte sich der strahlende Charakter dieser Literatur wirkungsvoll entfalten. Im Eingangs- und Schlusswerk beteiligten sich die fünf Gruppen, alle fern voneinander aufgestellt. Zum Höhepunkt der musikalischen Darbietung wurde «Regina coeli» von Claudio Merulo, die Bearbeitung besorgte Mugurel Scutareanu hervorragend. Dem Chorvortrag folgte ein Alleluja, das mit jeder Wiederholung klangliche Verstärkung erfuhr, die sich zum mächtig wirkenden Schlussakkord steigerte. Sein Hall durfte bis zur totalen Stille ausgekostet werden. Ein herrlicher Schlusspunkt! Lange währte der herzliche Applaus des zahlreich erschienenen Publikums und verdankte dem Dirigenten, den Instrumentalisten und Sängern ihre konzentriert vorgetragenen Darbietungen.

Einsiedler Anzeiger

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

21.09.2010

Webcode

schwyzkultur.ch/ADY7Tm