Ein Ort der Forschung mit internationaler Anerkennung: die Bibliothek der Stiftung Werner Oechslin. Bild Archiv EA
Ein Ort der Forschung mit internationaler Anerkennung: die Bibliothek der Stiftung Werner Oechslin. Bild Archiv EA

Dies & Das

«Nun aber erleben wir die Erdrosselung unserer Idee und Institution»

Am 4. August berichtete der Einsiedler Anzeiger über die finanziellen und strukturellen Probleme der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin. Aufgrund der Bedeutung der Institution veröffentlicht unsere Zeitung eine Stellungnahme von Werner Oechslin im Wortlaut.

Was der ehemalige Präsident unserer Stiftung sagt, der innerhalb von drei Tagen seine Kündigung ausgesprochen und dann vollzogen hat, ist eine massive Verzerrung der Geschehnisse und des Sachverhalts. Die Familie Oechslin hat sich nicht bedroht gefühlt «und abgelehnt»; bedroht wurde und wird hingegen die Existenz und die Eigenständigkeit der Bibliothek mit ihren wissenschaftlichen und kulturellen Zielsetzungen, ihren Besonderheiten der Ausrichtung und Aufstellung und ihrem langfristig geschützten Standort; all dies ist (war) durch die Gründungspapiere geschützt und in den Kooperationsvertrag mit der ETH vom 9. Oktober 2009 eingeflossen, den die ETH jetzt gekündigt hat. Dieser Vertrag war vom Respekt vor unseren Leistungen und Kompetenzen geprägt; die ETH wollte sich sogar nach aussen für unsere Belange einsetzen: «1. Allgemeines: 1.1. Die ETH hat ein Forschungsinteresse an der BWOe und ist daran interessiert, deren Bestand für die Forschung zu sichern und als Forschungsinstrument zu erhalten, insbesondere für das D-Arch. Dabei soll deren Identität als eigenständige wissenschaftliche Institution gewahrt bleiben und ihr Fortschritt und Erfolg gesichert werden.» «8 . Wahrung der Identität: ETH und Stiftung sorgen in Zusammenarbeit dafür, dass die BWOe auch in ihrer Aussenwahrnehmung als eigenständige Bibliothek erscheint, unter Wahrung ihrer Zielsetzungen gemäss der Festlegung in den Statuten.»

Im Widerspruch zur Stiftung


Am 9. März 2019 hatten sich beteiligte Partner aus Politik und Wissenschaft zusammengefunden und sich zur Behebung der Probleme bereiterklärt. Die Sitzung fand nach dem Zeugnis von Teilnehmern in einem Klima von höchster Anerkennung und Bewunderung der Bibliothek statt. Doch dann folgten die Protokolle, in denen lediglich Forderungen aufgelistet waren, insbesondere auch jene, die im Widerspruch zu den Vereinbarungen von Stiftern und Stiftung stehen, die ein längeres Leben der Bibliothek als die des jetzigen institutionellen Rahmens vorsehen. Doch jetzt sollte gelten: «Bei Auflösung der Stiftung gehen alle Bücher ins Eigentum der ETH Zürich über.» Des Weitern sollten die Beiträge der ETH – im Vergleich zum jetzigen unbefristeten, kündbaren Vertrag – neu auf fünf Jahre befristet sein und eine Fortsetzung bei erfolgreicher Evaluation erwogen werden. Es folgten Verhandlungen, bei denen die Stifterfamilie nie direkt beteiligt war. Am 23. Dezember 2019 schien alles gelungen; die Stiftung hatte schon zugestimmt, als der zuständige Vizepräsident für Infrastruktur die zuvor gestellte Forderung auf Rückfall der Bücher an die ETH in nochmals verschärfter Form stellte, mit zusätzlichen Forderungen versah und den einseitigen Abbruch der Verhandlungen verfügte. Daran, an der immer wieder vorgebrachten Frage des letztendlichen Besitzes der Bücher, sind die Verhandlungen gescheitert.

«Die Bücher kaufen und ihr in den Besitz geben …»


Ein früherer Präsident der ETH hatte zuvor das Dossier Bibliothek Oechslin – ohne vorherige Konsultation mit uns – an die ETH Bibliothek delegiert, wo schon immer der grösste Widerspruch gegen unser Projekt bestand, und somit unter die heutige Obhut des VP für Infrastruktur gestellt. Das ist die «Konstellation », in der die jetzige Krise entstanden ist und in der die Inhalte, unsere Forschung, unsere internationalen Erfolge, die Einbindung eines hervorragenden wissenschaftlichen Beirates bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Am 20. August 2018 richtete die ETH-Bibliothek eine Empfehlung an die Schulleitung der ETH, sie möge die Bücher kaufen und ihr in den Besitz geben, sie würde sich dann um alles andere (auch die Forschung) kümmern. Doch unsere Philosophie im – forschungsnahen – Umgang mit Büchern, den Quellenschriften insbesondere ist eine andere. Während wir Provenienzen, Paratexten, dem einzelnen Exemplar nachspüren, entsorgt die ETH Doubletten und gab noch vor wenigen Jahren schon mal ihr Tafelsilber, das Exemplar der «Principia» von Newton mit dem Aufdruck Sternwarte, dem ersten Kern wissenschaftlicher Forschung an der ETH, im Tausch weg.

Kompetenz im Umgang mit den Quellenschriften


Unsere Bibliothek könnte sehr wohl – in ihrer Eigenständigkeit und mit ihren besonderen Kompetenzen – eine Ergänzung und Bereicherung für die ETH sein. Doch das ist in der jetzigen «Konstellation » nicht erwünscht. Mit der Stiftungsgründung ging ein uneingeschränktes Nutzungsrecht der Bücher an die Stiftung, die auf einem Grundstück mit einem auf 100 Jahre gegeben kostenlosen Baurecht die Botta-Bibliothek erstellte. Es steht einer optimalen Nutzung der Bücher nichts im Wege. Es betrifft auch den – anderswo sehr schwierig gewordenen – unproblematischen Zugang zu den Originalen. Und wir sind jetzt zuversichtlich, dass die vom neuem System SLSP eröffneten Möglichkeiten unseren besonderen Bedürfnissen im Blick auf die Gesamtheit unserer Bestände als Ganzes, das wir in direktester Zusammenarbeit von Forscher und Bibliothekar, auf Wissensformen und Wissensordnungen ausgerichtet, aufgebaut haben und weiterentwickeln wollen, entgegenkommen. Dieser enge Zusammenhang von Forschung und Bibliotheksarbeit bildet den Kern unserer Bemühungen. Inzwischen schreibt der Direktor der ETH-Bibliothek in seiner Postille «Library Essential» selbst: «Forscher besser verstehen, heisst das Profil der Bibliothek schärfen». Und zuvor 2019 stellte er fest: «Es ist dringender Foto: Archiv EA denn je, dass gerade wegen der Unmengen an freien Informationen strukturgebende, (aus) sortierende und vor allem unabhängige Institutionen und Instanzen für die dringend notwendige Fokussierung sorgen.» Das passt perfekt zu dem, was wir seit 20 Jahren vor den Augen der ETH-Bibliothek tun. Doch in ihrer unmittelbaren Nähe wollen sie Kontrolle und Macht, das ist dieser neuen «Konstellation» geschuldet. Wir sind eine Forschungsbibliothek, unsere internationale Anerkennung basiert wesentlich auf unserer besonderen Kompetenz im Umgang mit den Quellenschriften. Und diese Kompetenz und diese Besonderheit und Andersartigkeit würde sehr wohl in die helvetische Bibliothekslandschaft passen. Nun aber erleben wir die Erdrosselung unserer Idee. Und neuerdings geht es auch um die Erdrosselung der Institution. Von einem Sanierungsprojekt, das jetzt verunmöglicht worden sei, kann nicht die Rede sein. Der neugewählte Stiftungsratspräsident war meist in Singapur, sodass wir uns nach 2017 anderswo um Hilfe bemüht haben und sie beim ehemaligen Präsidenten des Schweizerischen Nationalfonds und einem ehemaligen Rektor der Hochschule St. Gallen gefunden haben. Sie haben die Situation analysiert, Partner zusammengeführt, Lösungsvorschläge entwickelt. Aus diesen Bemühungen ist auch das so vielversprechende Treffen vom 9. März 2019 entstanden. Ihre Liste der anstehenden Probleme betrafen die fünf Punkte: 1. Entschuldung des Gebäudes; 2. Bücherkauf durch Stiftung; 3. Unterfinanzierung; 4. Betriebsbudget; 5 Leitung. Doch in der Folge ging es lediglich um die geforderte Rückzahlung einer Hypothekarschuld an die ETH und immer wieder um den Bücherkauf, bei dem es um 50-Prozent-Kauf und 50-Prozent Schenkung der noch nicht durch bereits erfolgte Schenkungen und Erwerb in den Besitz der Stiftung gelangten Bücher und damit verbunden insbesondere um die Rückfallklausel. Von einem angemessenen Betriebsbudget, von den für die (dringende) Bestellung eines Direktors notwendigen Geldern, von einer soliden Grundlage unserer Arbeit für die Zukunft war keine Rede.

Werner Oechslin

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Möglichkeiten in der Schweiz – die Gretchenfrage


Es stellt sich die Frage, ob und was für Möglichkeiten eine Bibliothek wie die unsrige im akademischen Machtgefüge der Schweiz hat. Nach 20 Jahren ist diese Frage und deren Beantwortung dringlich. Der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR) hat die Bibliothek als «für die Schweiz und weltweit einmalige Ressource» bezeichnet, deren «nationale und internationale Bedeutung speziell für die Architektur- und Kunstgeschichte nicht hoch genug eingeschätzt werden» kann. Doch der SWR, das höchste Gremium dieser Art in der Schweiz, hat nur beratende Kompetenz. Es betrifft auch den Art. 15 der Hochschulgesetzgebung, mit dem der Gesetzgeber die Möglichkeit der Förderung von Institutionen mit Leistungen auf Hochschulniveau, die jedoch ausserhalb der bestehenden Hochschulen tätig sind (wie zum Beispiel das SIK in Zürich oder potenziell unsere Bibliothek), vorsieht. Doch im zuständigen Staatsekretariat ist dieser Art. 15 mutiert worden und dient gemäss Ziffer a) in erster Priorität Dienstleistungen im technologischen Bereich. Man müsste seine Phantasie entfachen und einsehen wollen, dass Bücher Instrumente, Hilfsmittel, «Dienstleister» im alten Sinn der «techné» sind; so könnten wir in den Genuss einer Unterstützung nicht erst nach erfolgter Lösung unserer finanziellen Probleme, sondern zu deren direkten Erledigung gelangen.

Einsiedeln


1997 in einer Volksabstimmung hat sich Einsiedeln für die Existenz unserer Bibliothek ausgesprochen. Wir sind dafür dankbar und haben jetzt zwei Jahrzehnte trotz vieler Schwierigkeiten mit viel Erfolg und internationaler Anerkennung dafür gekämpft. Einsiedeln passt zu uns und wir passen zu Einsiedeln. Der genius loci überzeugt! Wir fühlen uns an unserem Bildungsstandort und in der Nachbarschaft der bedeutenden Klosterbibliotheken wohl. Und das bedeutet auch, dass die Standortfrage und die Eigenständigkeit unserer Bibliothek nicht zur Disposition stehen. Also bleibt die Gretchenfrage bestehen, die schlicht so lautet: Ist es möglich, dass die Bibliothek, die wir in einem halben Jahrhundert aufgebaut haben, die wir seit 1998 uneingeschränkter Nutzung zugeführt haben und die längst internationale Anerkennung und Bewunderung gefunden hat, in der Schweiz überleben kann oder nicht. Nach 22 Jahren erfolgreicher, international beachteter Tätigkeit – und in «gekündigter» Position – stellt sich diese Frage jetzt unweigerlich.

Werner Oechslin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

14.08.2020

Webcode

schwyzkultur.ch/6XgJpx