«Langsam venezianische Züge»: Finale grande der drei Jugendorchester. Foto: zvg o
«Langsam venezianische Züge»: Finale grande der drei Jugendorchester. Foto: zvg o

Musik

Sensationeller Streichernachwuchs

Am frühen Dienstagabend fand im Grossen Saal des Klosters ein denkwürdiges und in dieser Form einmaliges Konzert statt. Drei Jugendorchester spielten ein buntes und vielfältiges Programm, wie man es in Einsiedeln in dieser Breite kaum jemals gehört hat.

Nach der Begrüssung durch Stiftskapellmeister Lukas Meister eröffnete die 15-köpfige Streichergruppe der Siebenjährigen (!) das Konzert. Myrtha Albrecht- Indermaur führte die Kleinen wie eine junge Mutter ihre Kinder mit sicherer Hand und zweimal auch mit der eigenen Violine durch fünf kurze Kompositionen und eine Zugabe. Was anfänglich noch etwas unsicher und zaghaft daher kam, wurde zunehmend lockerer und musikantischer. Das Publikum hatte seine helle Freude am Auftritt der Jüngsten.

Weibliche Übermacht


Schon in dieser ersten Formation fiel die weibliche Übermacht besonders auf. Dreizehn Mädchen standen zwei fast verlorenen Knaben gegenüber. Sie blieben im ganzen Konzert die beiden einzigen Vertreter des männlichen Geschlechtes und waren für den Berichterstatter so etwas wie die zwei heimlichen Helden des Abends. Ihre Kollegen verbringen ihre Freizeit wohl lieber auf dem Fussballplatz oder am Computer als mit dem zeitintensiven Erlernen eines Streichinstrumentes. Umso erfreulicher ist der phantastische Einsatz so vieler Mädchen. Mit strahlenden und sichtlich erleichterten Gesichtern räumte die Streichergruppe das Schlachtfeld für den Auftritt der 8 Mädchen vom Jugendorchester 1 unter der Leitung von Michael Köck. Sie spielten fünf bereits anspruchsvollere und längere Kompositionen. Besonders schön und mit sauberer Intonation gerieten die drei Zirkusstücke des tschechischen Mozart-Zeitgenossen Johann Baptist Vanhal und das «Don’t Stop Me Now» von Freddy Mercury, wo Chanelle Ott, die Tochter des früheren Musikschulleiters André Ott, mit einem Solo glänzte.

Von Höhepunkt zu Höhepunkt


Dann war die Bühne frei für die 16 Mädchen vom Jugendorchester 2, geleitet von Lukas Meister. Als erstes Stück spielten sie – zusammen mit dem Jugendorchester 1 – eine ansprechende Bearbeitung von First step aus dem Weltraumfilm «Interstellar». Zu den beiden Mädchen-Formationen traten mit Sarah Pellegrini ein weiteres Mädchen am Flügel (mit toll gelungenen Einsätzen zu Beginn und am Schluss der Bearbeitung), die ehemalige Stiftsschülerin Noortje Pellegrini am Kontrabass und ganz bescheiden und unauffällig im Hintergrund Bernard Corazolla, der erfolgreiche Bratschenlehrer der Musikschule. Anschliessend führte Lukas Meister sein Jugendorchester 2 von Höhepunkt zu Höhepunkt. Die Reise begann mit dem schwungvollen Militärmarsch von Franz Schubert. Der Bearbeiter setzte das Trio für eine singende Solovioline (von Sophie Schönbächler tadellos interpretiert) und durchsichtige Pizzicato-Begleitung. Dann folgte der erste Satz des Sommerkonzertes aus den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi. Er stellt den italienischen Sommer ausdrucksstark im Wechsel von drückender Hitze, plötzlichem Platzregen und schweren Gewittern dar – genau so, wie wir es zurzeit auch in Einsiedeln erleben. In der jungen Stiftsschülerin Anne-Sophie (nomen est omen!) Künzi aus Appenzell entpuppte sich eine Primgeigerin von bereits erstaunlichem Format. Ihre phantastischen Solopassagen wurden vom Solocello (Zoia Kroujiline) und vom Cembalo (Sarah Pellegrini) perfekt begleitet. Der venezianische Priesterkomponist Antonio Vivaldi war für den Berichterstatter eigentlich schon den ganzen Abend im Grossen Saal präsent. Er war bekanntlich in einem Waisenhaus für Mädchen tätig und schrieb all seine Hunderte von Konzerten für seine hochbegabten jungen Damen. Einziger Unterschied: Im Grossen Saal spielten keine weiblichen Waisenkinder (Elia und Joel natürlich mitgezählt und nicht vergessen!), sondern talentierter weiblicher Streichernachwuchs in erfreulich grosser Zahl, eingeführt in die grossartige Kunst des Violin-, Bratschen- und Cello-Spiels nicht durch einen Priester mit roten Haaren, sondern an diesem Abend durch Myrtha Albrecht-Indermaur, Michael Köck und Lukas Meister.

Die hohe Latte übersprungen


Mit dem leicht gekürzten ersten Satz des dritten Brandenburgischen Konzertes von Johann Sebastian Bach hatte Lukas Meister seinem Jugendorchester die Latte sehr hoch angesetzt. Das Wagnis hatte sich gelohnt. Die jungen Musikanten sprangen mit sichtlicher Freude über die Hürde und schenkten dem begeisterten Publikum einen Bach in jugendlicher Frische. Ziemlich ausgelassen und tänzerisch setzte sich die Reise fort mit dem Libertango von A. Piazzolla und dem lustigen Hoedown von G. Wharton. Im Tango profilierte sich mit der Cellistin Zoia Kroujiline, ebenfalls eine junge Stiftsschülerin, ein weiteres Ausnahmetalent.

Ein gemeinsames Finale


Dann kam es zum unvergesslichen Höhepunkt, als sich alle drei Formationen zum gemeinsamen Finale aufstellten. Ein Satz (Rigaudon) aus der berühmten Suite «Aus Holbergs Zeit» von Edvard Grieg bildete den kaum übertreffbaren Höhepunkt eines grossartigen Konzertes. Anne- Sophie Künzi und Alina Iten traten dabei mit solistischen Passagen hervor. Adrian Meyer, der Leiter der Musikschule, bedankte sich am Schluss bei allen Beteiligten und zeigte sich hoch erfreut über die fruchtbare Zusammenarbeit der Musikschule des Bezirkes und der Stiftsschule. Das Publikum spendete tobenden Applaus. Eine gewünschte Wiederholung des Grieg war nicht möglich, weil die Zeit zu fortgeschritten war. Nicht zu vergessen: die 38 hoffnungsvollen Mädchen und die 2 Knaben haben der Pandemie getrotzt, geduldig weiter geübt und auf ihren grossen Auftritt lange gewartet. Ein grosses Hoch auf die Streicherinnen und die zwei Streicher der Musikschule des Bezirkes und der Stiftsschule und ein ebenso grosses Hoch auf alle jungen Leute, die sich trotz vieler anderer lockender Angebote dem Erlernen eines Streichinstrumentes oder auch eines anderen Instrumentes widmen. Am gleichen Abend zur gleichen Zeit fand zum Beispiel im Museum Fram ein Konzert der Klavierklasse von Mirjam Wagner statt. Einsiedeln nimmt langsam venezianische Züge an! Bravo!

Einsiedler Anzeiger / Pater Lukas Helg

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

25.06.2021

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