«Tschau – und auf Wiedersehen»: Die Tolggen verabschieden sich mit einem rekordverdächtig langen Potpourri. Bilder Viktor Kälin
«Tschau – und auf Wiedersehen»: Die Tolggen verabschieden sich mit einem rekordverdächtig langen Potpourri. Bilder Viktor Kälin
Als ewig nörgelnde Kommentatoren lieferten Fredi Lienert (links) und Reto Hensler eine überzeugende Leistung.
Als ewig nörgelnde Kommentatoren lieferten Fredi Lienert (links) und Reto Hensler eine überzeugende Leistung.
Nicht enden wollender Applaus: die Alpenrösli-Jodler mit ihrem «Alpenrösli-Blues».
Nicht enden wollender Applaus: die Alpenrösli-Jodler mit ihrem «Alpenrösli-Blues».
Erkennt man sie? Der Bezirksrat als Geisterhuus auf der Bühne. Ein Hingucker sondergleichen!
Erkennt man sie? Der Bezirksrat als Geisterhuus auf der Bühne. Ein Hingucker sondergleichen!

Volkskultur

Die Fasnacht war der Star des Abends

Witzig, bunt und überraschend war die Tolggä-Party. Vor vollem Haus feierte der Chor nicht sich selbst, sondern die Einsiedler Fasnacht. Zwölf weitere Gruppen zeigten, wie richtig die Tolggen damit lagen.

Es war ein Abend, der lange noch in Erinnerung bleiben wird. Er belegte, dass sich selbst die an und für sich unbändige Einsiedler Fasnacht durchaus orchestrieren lässt – auch in einem nüchternen Saal wie jenem des Kultur- und Kongresszentrums. Man braucht nur die richtige Rezeptur. Und diese haben die Tolggen am letzten Samstag für ihren 40. Geburtstag offensichtlich gefunden.


Meisterlicher Hochseilakt


Die Gastgeber feierten nicht sich selbst, wenngleich sie mit ihren 40 Jahren reichlich Grund dafür gehabt hätten. Für die Gratulationen waren andere besorgt. Zuallererst einmal das Publikum. Über 600 Fasnächtler kamen, die meisten fantasievoll verkleidet und gut gelaunt. Ein herrlich-buntes Bild, lange schon bevor auf der Bühne der Vorhang sich erstmals öffnete. Und als es dort pünktlich losging, richteten sich zuerst alle Blicke auf die «Helden des Abends»: Auf die beiden Tolggen Reto Hensler und Fredi Lienert, die in Anlehnung an die legendären Muppets Waldorf und Statler das Geschehen von ihrem Hochsitz herab gnadenlos herablassend kommentierten. Ein geniales Duo, immer nahe am Abgrund, aber ohne zu fallen. Ein meisterlicher Hochseilakt.


Es gibt sie, die Rathaus-Geister!


Meisterlich war auch das Programm, ein kurzweiliges, teilweise absolut hochstehendes Potpourri an Ideen, wie sie eben nur zur Fasnachtszeit gedeihen. Gerade darin lag der Reiz des Abends: Die beste, kreativste Seite der Fasnacht abzurufen. Und der Ruf der Tolggen verhallte bei den zwölf geladenen Gruppen nicht ungehört. Fernab bekannter Pfade sang und reimte die Fasnachtsgesellschaft Goldmäuder, wie es ihre Vorväter in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts bereits getan hatten. Die Bürgerwehr wiederum führte trichlerbewehrt einen Line-Dance auf und selbst der Jodlerklub Alpenrösli begab sich mit dem umjubelten «Alpenrösli-Blues» nicht nur visuell, sondern auch musikalisch auf unbekannte Pfade. Den «Vogel» schoss aber der in corpore anwesende Bezirksrat ab. Er zeigte ein für allemal, was es mit dem «Geisterhuus» auf sich hat: «Die Geister schaffed nu hüt im Hindergrund – drum lauft bi üs au alles rund!» Wann sonst steht die Exekutive vereint auf der Bühne, ulkig und selbstironisch, wenn nicht an der Fasnacht? Schön, dass so etwas möglich ist. Bezeichnend für die freigesetzte Kreativität war auch die auf Grossleinwand eingespielte Werbung für das hiesige Gewerbe. Hier übertrafen sich die Tolggen selbst. Oder haben Sie jemals erlebt, dass nach einem Werbeblock «Zugabe» gefordert wurde? Einfach genial.


Die Konkurrenz hat das Wort... 


Selbstredend war auch die «Schnitzelbank-Konkurrenz» geladen. Die Humirosis lobten die Tolggen zwar über Mass, doch konnten die adrett gekleideten Damen deren «Charme gerade noch widerstehen». Die Güselgusler strapazierten die Lachmuskeln: Je monotoner sie gratulierten, desto verrückter wurden die filmischen Einspielungen ihrer Stras- senumfrage. Und Frau Antje gelang es, für einmal das Mitgefühl der beiden Kommentatoren zu gewinnen: Die einzige Gruppe mit «Migrationshintergrund» empfahl das ansonsten ungnädige Duo Hensler/Lienert zur Einbürgerung. Ewig jung wie die Fasnacht scheinen auch «The Ex-77-Dancers» zu sein, für deren Beine anscheinend auch «ewig» gilt – ewig hoch. Die Rabäschränzer, die Trichlergruppe Einheit, die Nachthämpliballmusig und die Edelwyss-Trichler lieferten weitere Anhaltspunkte, wie facettenreich die Einsiedler Fasnacht doch ist. Und dass diese selbst einen Fabian Unteregger auf die hiesige Bühne zu holen vermag – mithin einen der derzeit gefragtesten Comedians des Landes. Weshalb das so ist, zeigte Unteregger mit seinem gut viertelstündigen Auftritt: Treffsicher setzte er Pointe um Pointe, und flocht dabei überraschend viel Lokalkolorit in seine Sketches ein. In Einsiedeln, so Unteregger, seien die Würste in der Walhalla; in Zürich jedoch in der Regierung. Und auch Impotenz auf Einsiedlerisch konnte der begnadete Parodist formulieren: «Er hätt en Schlapprig.» Wenn der so weitermache, fanden Hensler/Lienert, «ist er in zwei bis drei Jahren ein Kandidat fürs Tolggä-Chörli». Um die Zukunft der Einsiedler Fasnacht muss man sich nach diesem bezaubernden Abend also keine Sorgen machen. Dem Tolggä-Chörli und allen Mitwirkenden sei Dank.


Einsiedler Anzeiger / Vi

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

16.02.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/Mahuqd