«Wie wenn ich unverhofft Ferien hätte»: Madeleine Schönbächler zur Verschiebung der Ausstellung im Chärnehus in Einsiedeln. Foto: Victor Kälin
«Wie wenn ich unverhofft Ferien hätte»: Madeleine Schönbächler zur Verschiebung der Ausstellung im Chärnehus in Einsiedeln. Foto: Victor Kälin

Dies & Das

«Vollbremsung vor dem Ziel»

Madeleine Schönbächler äussert sich zur verschobenen Ausstellung über Einsiedeln im Zweiten Weltkrieg Die Gruppe Ortsmuseum des Vereins «Fürs Chärnehus » hätte morgen zur Vernissage ihrer Ausstellung «Leben und Überleben – Einsiedeln 1939 bis 1945» laden können. Darauf muss man nun ein Jahr lang warten.

Victor Kälin: Einsiedeln im Zweiten Weltkrieg: Warum überhaupt dieses Thema?


Madeleine Schönbächler: Das Thema schwirrt seit geschätzten 20 Jahren in unseren Köpfen herum. Doch immer kam etwas Aktuelleres dazwischen. Vielleicht auch, weil wir uns vor dem Thema Krieg «fürchteten»? Vor zwei Jahren, nach der letzten Ausstellung, sagten wir uns: Jetzt ist die letzte Möglichkeit, Zeitzeugen zu befragen. Und zusätzlich sind es in diesem Jahr 75 Jahre her, seit der Krieg zu Ende gegangen ist.

Was hätten die Besucher ab morgen Samstag im Chärnehus erwarten können?


Der Aufbau mit Ausstellung, Film und Schrift ist ähnlich wie in den Vorjahren. Der Film führt ins Thema ein: Anhand historischer Wochenschauen generell zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg; anhand der Zeitzeugen erfolgt der Bezug zu Einsiedeln. Thematisch gliedert sich die Ausstellung in vier Bereiche: Ziviles Leben, Kriegswirtschaft (Rationierung, Mehranbau), Militär (Präsenz in der Region, Festungsbau, Briefe aus dem Aktivdienst) und Luftschutz – mit zahlreichen Frauen. Der Fokus aller Bereiche liegt immer auf Einsiedeln. Wie in all den Jahren zuvor.

Wie lange hat sich die Ausstellungsgruppe mit dem Thema der Ausstellung beschäftigt?


Seit dem Ende der letzten Ausstellung – also zwei Jahre lang. Unsere Gruppe zählt zehn Personen; für den Aufbau und die Betreuung der Ausstellung unterstützen uns jeweils weitere Personen.

Wie kann man sich diese Vorbereitungsarbeit konkret vorstellen?


Sehr aufwendig! An den gemeinsamen Arbeitssitzungen koordinierten wir die Aufgaben, trafen Entscheide, klärten Fragen wie jene zum Alter der Zeitzeugen: Ab wann ist ein Zeitzeuge genügend alt? Wir mussten uns festlegen. 1936 war die jüngste Person, 1927 die älteste: Sie waren damals Kinder und Jugendliche, welche über ihre Erlebnisse, ihre Erinnerungen berichteten. Dessen mussten wir uns alle bewusst werden. Rund 30 Zeitzeugen und Zeitzeuginnen haben wir befragt. Diese aufschlussreichen Gespräche sind ein wichtiger Teil der Ausstellung, aber nicht der wichtigste.

Wie ist es mit den Archiven?


Das Bezirksarchiv gab nicht so viel her, das Staatsarchiv etwas mehr. In der Summe waren diese Sammlungen aber nicht sehr ergiebig. Der Einsiedler Anzeiger war für uns aufschlussreicher – vor allem zum Alltagsleben war die Lokalzeitung sehr wichtig. Sie ist eine gute Quelle mit Beiträgen und Inseraten. Für die Auswertung musste man aber wissen, dass es während der Kriegszeit auch in der Schweiz eine Zensur gab.

Hatten Sie auch Unterstützung von Nicht-Mitgliedern?


Ja, wir fragten Spezialisten an. David Mynall von der Schwyzer Kantonspolizei erschloss für uns weitere Quellen. Ähnlich war es mit Pater Gregor Jäggi: Auch er ist nicht Mitglied der Ausstellungsgruppe, verfasste aber auf unseren Wunsch einen Beitrag über das Kloster.

Was ist bei der Ausstellungsgruppe an Stunden etwa zusammengekommen?


Das ist schwierig zu sagen. Zehn Leute waren 18 Monate intensiv an der Arbeit. Das müssen über 5000 Stunden gewesen sein. Es war wirklich sehr intensiv ... Aber das war in den letzten Jahren immer so. Wir machen das ja aus eigenem Interesse: Recherchieren, zusammentragen, den Kern herausschälen ist nun einmal interessant und spannend.

Wie bewerten Sie aus lokaler Sicht den Dokumentationsstand?


Er ist gut. Wir konnten tatsächlich viel herausfinden und noch wichtiger: verdichten. Und gleichzeitig mussten wir akzeptieren, dass gewisse Themen nur sehr dünn dokumentiert sind.

Haben Sie Beispiele dafür?


Der Mehranbau. Die sogenannte Anbauschlacht fand ja auch in Einsiedeln statt. Wo, was und wie viel aber angebaut wurde, ist nur bruchstückhaft dokumentiert. Ansonsten sind wir aber zufrieden mit dem Erreichten.

Wie bewerten Sie die Faktenlage: Erlauben Ihre Recherchen eine Aussage, wie die Einsiedler von 1939 bis 1945 gelebt und überlebt haben?


Es war ein Leben und Überleben. Einige Zeitzeugen sagten jedoch, dass im Bezirk Einsiedeln niemand wirklich Hunger leiden musste. Dennoch war die Zeit nicht einfach. Die Bauern waren eher an der Produktionsquelle; für sie war es wohl ein wenig besser. Auffallend war: Für alle Lebensmittel brauchte es irgendwelche Rationierungs-Marken. Wer allerdings kein Geld hatte, konnte sich nichts kaufen: Schuhe, Stoff, Seife, Lebensmittel … Eine arme Arbeiterfamilie musste «sehr knapp durch».

Wie war es mit der Angst? Die Schweiz war vom Krieg umzingelt ...


Die einen hatten mehr, die anderen überhaupt keine. Die Zeitzeugen erzählten, dass sie bei Flieger-Alarm entweder zu den Eltern ins Bett gekrochen oder in den Keller gestiegen sind. Die anderen wollten lieber nach draussen schauen gehen, was da passieren könnte ... Unsere Zeitzeugen waren während des Krieges jung an Jahren. Sie waren keine Erwachsenen und nahmen die Bedrohung anders wahr als diese.

Unterscheiden sich die Sorgen und Nöte der Einsiedler von anderen eher ländlichen Regionen? Gab es Spezifika in unserer Gegend, soziale Unruhen, Streiks, Proteste, gar Anschläge? 


So wie es in Einsiedeln war, war es auch in anderen ländlichen Gegenden. Ein Zeitzeuge erzählte, dass zu Kriegsbeginn viele Basler nach Einsiedeln «flüchteten mit Sack und Pack», da sie dachten, der Überfall der Nazis stehe kurz bevor. Sie blieben allerdings nicht lange, da Hitler für seinen Angriff auf Frankreich nicht den Weg über die Schweiz nahm, sondern durch die Benelux- Staaten. Über Unruhen oder Proteste ist mir aus Einsiedeln nichts bekannt.

Wie präsentierte sich die politische Lage? Gab es offene Sympathien für die Nazis? Gab es auch in Einsiedeln Fröntler, also Angehörige der Frontenbewegung, der Parallelorganisation zum Nationalsozialismus?


Ja, das gab es tatsächlich. Es gab sogar eine deutsche Kolonie in Einsiedeln. Wir wissen, dass ein Herr Gnädinger im Freihof wirtete und mit Nazi-Symbolen für sein Lokal warb. Wir haben weiter Zeugnis eines Buben, der in einer Sympathisanten-Familie aufgewachsen ist und statt in die Christenlehre jeweils nach Schindellegi fahren musste, um dort deutsches Liedgut einzuüben.

Traten die Fröntler irgendwie in Erscheinung – durch Schriften, Versammlungen, Aufrufe, durch Spionagetätigkeit oder gar Sabotageakte? Zu welchen Erkenntnissen führten Ihre Recherchen?


Von konkreten «umstürzlerischen» Aktionen ist uns nichts bekannt. Mehr weiss ich dazu nicht, denn es war David Mynall, der die Primär-Quellen für uns erschloss. Allem Anschein nach war der Respekt vor den Fröntlern aber weit verbreitet. Es gab Drohungen wie zum Beispiel: «Wartet nur, bis wir im Rathaus sind.» Da wurde mancher opportunistisch – oder einfach vorsichtig.

Wenn Sie auf die lange Vorbereitungszeit zurückblicken: Gibt es etwas, womit Sie nicht gerechnet hätten?


Nein, eigentlich nicht. Das überrascht mich aber kaum, beschäftigt sich die Ausstellungsgruppe doch seit Jahren mit Geschichte im Allgemeinen und jener von Einsiedeln im Speziellen.

Können Sie der Verschiebung um ein Jahr auch etwas Positives abgewinnen?


Es war eine anstrengende Zeit: recherchieren, schreiben, die Ausstellung organisieren. Und dann kam diese Vollbremsung kurz vor dem Ziel. Derzeit fühle ich mich, wie wenn ich unverhofft Ferien hätte. Wir nutzen den Zwischenhalt, um unsere Arbeit zu verfeinern. Das Ganze ist dennoch unschön. Viel lieber hätte ich die Ausstellung in diesem Dezember eröffnet.

Die Ausstellung


«Leben und Überleben – Einsiedeln 1939 bis 1945» der Gruppe Ortsmuseum des Vereins «Fürs Chärnehus» ist coronabedingt auf Mitte Dezember 2021/ Januar 2022 verschoben worden. Sie hätte morgen Samstag, 12. Dezember, eröffnet werden sollen.

Zur Person


Mit Jahrgang 1954 hat Madeleine Schönbächler, geborene Bingisser, den Krieg nicht erlebt. Ihr Vater (Jahrgang 1920) hingegen musste Aktivdienst leisten. Ihre Mutter hat an verschiedenen Stellen gearbeitet. Im Februar 1944 haben sie geheiratet. Entsprechend oft waren in späteren Jahren die erlebten Entbehrungen ein Gesprächsthema am heimischen Tisch. «Altes Brot ist nicht hart, aber kein Brot ist hart», hört Madeleine Schönbächler den Ausspruch ihrer Eltern noch heute in den Ohren. «Damals war man einfach froh um das, was man hatte. » Dass man nichts fortwirft, zu allem Sorge trägt und alles Mögliche wiederverwertet, gehört für Schönbächler zu den Prägungen aus ihrer Jugend in der Nachkriegszeit.

Einsiedler Anzeiger / Victor Kälin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

11.12.2020

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