Den technischen Widrigkeiten zum Trotz ist dem Schriftsteller Pedro Lenz (links) und dem Gitarristen Max Lässer ein eindrücklicher, stimmungsvoller Auftritt im Mauz Music-Club in Einsiedeln gelungen. Bild Alexander Suter
Den technischen Widrigkeiten zum Trotz ist dem Schriftsteller Pedro Lenz (links) und dem Gitarristen Max Lässer ein eindrücklicher, stimmungsvoller Auftritt im Mauz Music-Club in Einsiedeln gelungen. Bild Alexander Suter

Literatur

Musik

Wie Gitarren eine Geschichte zur Musik der Worte erzählen

Der Gitarrist Max Lässer spielte am Samstag im Mauz Music-Club in Einsiedeln den Soundtrack zu Pedro Lenz’ Geschichten vom Lebensgefühl im Mittelland. Sobald Lässer die Palette seiner Saiteninstrumente zum Klingen brachte, erhielten die Texte von Lenz eine neue Bedeutung.

Dem Coronavirus zum Trotz ging der Auftritt von Pedro Lenz und Max Lässer im Mauz Music-Club nun doch noch über die Bühne: Eigentlich war der Abend am 21. März geplant gewesen, kurz nachdem landesweit der Lockdown verhängt worden war. Nun wurde das Konzert, das gleichzeitig eine Lesung war, am Samstag nachgeholt – vor rund achtzig Zuhörern. André Kälin vom Mauz Music- Club schilderte, wie er im Jahr 1996 zum ersten Mal in seinem Leben Max Lässers Gitarrenklängen lauschte: «Und jetzt wird dieser Musiker am Sonntag siebzig Jahre alt und macht seit über fünfzig Jahren Musik.» Max Lässer begann in der Folkszene, war Roadie bei der legendären Band Krokodil, tingelte mit Werner Widmer alias Blues Max durch die Schweiz, tourte mit der Band des Kult-Harfenisten Andreas Vollenweider durch Europa und die USA und arbeitete mit Stephan Eicher zusammen.

Exotisches vereint mit Heimat


Für Pedro Lenz wiederum war es eine Rückkehr ins Klosterdorf, hat er doch schon vor Jahren in der St. Peter Bar in Einsiedeln eine Lesung gehalten. «Er schreibt über tragische Figuren, die es irgendwie schaffen, wieder auf die Beine zu kommen», sagte Kälin. So wurde Lenz’ Erzählung «Der Goalie bin ig» kongenial verfilmt. Im ersten Stück an diesem Samstagabend ging es um die beliebtesten Speisen in den SBB-Zügen: Thai Curry und Bündner Nusstorte ausgerechnet. «Da verbinden sich Heimweh mit Fernweh, Regionales mit Globalem», sprach Lenz, der darin eine faszinierende Fusion von Exotischem und Heimatlichem entdeckte. Heute gehe man an ein Schwingfest auf den Weissenstein und morgen zum Kite-Surfen nach Sri Lanka. Man könne heutzutage in Ibiza auf einen Tibetaner treffen, der Appenzeller Dialekt spreche, oder auf einen Aargauer, der sich in schleppendem Englisch mit seiner Frau aus Thailand unterhalte. Im Zug reise eine Trachtengruppe, darunter eine junge Frau, die mit dem Kopfhörer «Highway to Hell» von AC/DC höre, auf dass es die anderen fast runterfetze. «Äs lausigs Lied» handelte von einem furchtbaren geistlosen grauslichen Song, den man nicht mehr los werde, nicht mehr aus dem Hirn bringe. So wie etwa jedes zweite Lied, das am Radio gespielt werde ...

Storys in Musik übersetzt


Im Übergang zum dritten Stück bekam Max Lässer, der mit sieben verschiedenen Gitarren antrat, zum ersten Mal Probleme mit der Technik an diesem Abend. Diesen zum Trotz offenbarte sich alsbald, wieso Max Lässer als Virtuose und Teamplayer gilt: Unwiderstehlich ist sein Slide-Spiel, da ist er der Schweizer Ry Cooder. Max Lässer baute Folk, Blues- und Country-Elemente in sein Spiel ein und zeigte eindrücklich auf, auf welche Art und Weise er imstande war, die Geschichten von Pedro Lenz in Klänge und Töne zu übersetzen. Im dritten Stück ging es dann um einen Streit rund um das Schimpfwort «Sauhund», darüber sich ein Tierschützer aufregte, weil «Sauhund» gegen die Würde des Tieres verstosse – genauso wie «blödi Chue», «tummi Gans», «huere Aff» oder «Schoofseckel ». Ein anderer warf ein, «Sauhund» könne gar nicht gegen die Würde des Tieres verstossen, weil es ein solches Tier, einen Sauhund, eben gar nicht gebe, sondern eine Art Fabelwesen, eine Chimäre sei. Worüber der Dritte, sein Name sei Hase, einen Bärenhunger kriegte und einen Durst wie ein Kamel ...

Fliege bringt um den Schlaf


Pedro Lenz gilt als genauer Beobachter des Lebens und von Begebenheiten, die sich im Mittelland abspielen. So lauschte er im Zug den Worten eines Mannes, der am Handy ein Gespräch auf Englisch führte, in dem er sich fürchterlich aufregte, dass die andere Person am Handy die halbe Nacht in der Disco war, obwohl am nächsten Tag eine wichtige Prüfung bevorstand. Möglicherweise war die andere Person am Handy eine Rumänin, und vielleicht gar seine Tochter, um die sich der Mann an sich wenig gekümmert hatte. Aber jetzt, wo sie die Prüfung vermasselt, muss er sie doch massregeln: Die halbe Nacht in der Disco vor einer solchen Prüfung, das geht nicht: «We are Switzerland, hey, we are Switzerland!» Die lustigste Episode folgte sogleich, als eine Fliege einen Mann am Einschlafen hindert mit ihrem Gebrumme. Und da dieser weder einen Pamir hat noch eine Augenklappe (bei Licht ist die Fliege still), brüllt dieser entnervt, diese Fliege soll jetzt endlich Ruhe geben. Alsbald ist Stille in dieser Nacht. Und der Mann findet erst recht keinen Schlaf, weil er sich die ganze Nacht Gedanken macht, wieso nur diese Fliege weiss Gott Schweizerdeutsch verstehe. Das nächste Stück an diesem Abend hiess «Warten auf Pedro»: Es zeigte auf, dass Pedro Lenz oftmals im Verzug war, wenn Max Lässer ihm tunlichst Melodien schickte, die Lenz mit Texten zu beantworten hatte. Denn oft war es gerade so, dass die Worte von Lenz eine Antwort auf die Musik von Lässer waren.

Cumulus- statt Silva-Punkte


Eine verhängnisvolle Geschichte drehte sich um jenen Mann, der nicht verstand, wieso seine Freundin von heute auf morgen aus der gemeinsamen Wohnung auszog, ohne den Auszug vorher anzukündigen. Dabei hätten sie sich doch so gut verstanden, den gleichen Musikgeschmack gehabt, dieselben Serien und Sendungen im Fernsehen geliebt. Jetzt verkaufe er halt dieses viel zu grosse Doppelbett auf Ricardo – und mit dem Geld gehe er an eine Swinger-Party in Oftringen. Etwas, was seine Freundin nie mitgemacht hätte mit ihm. Ein Stück voller Tragik offenbarte sich in jenem Mann, dem ein Weinverkäufer am Telefon ein paar Flaschen verkaufen wollte mit den Worten «Äs guets Glas Roote». Denn für den Mann bedeutet Genuss Rausch und Rausch Genuss. Und also könne ein Glas Rotwein nur ein Einstieg sein für ein zweites, ein drittes, ein viertes. Und wenn die Glückseligkeit da sei, müsse gleich noch ein Glas her. Einen Ausflug in die 70er-Jahre: Nichts weniger machte Pedro Lenz möglich, als er die Geschichte erzählte, als die Leute noch Mondo- und Silva-Punkte sammelten. Und in allen Stuben standen Bücher wie «Eisenbahnen der Welt», «Tiere aus fernen Ländern», «Das heilige Land». Da war die Welt noch in Ordnung. Heutzutage sammeln die Leute Cumulus- Punkte. Und in allen Küchen stapeln sich dieselben Pfannen, die gleichen Weingläser, überall dieselben Kuscheltiere.

Langenthaler auf dem Mond


Wundersam wie Lenz schildert, wie er als Kind angenommen hat, dass einer der Astronauten, die auf dem Mond landeten, ein Langenthaler sein muss, weil dieser dermassen einem Strassenputzer aus Langenthal geglichen hatte. Mittelland-Geografie für Fortgeschrittene gab es, als Pedro Lenz erzählte, wie entrüstet die Stadtberner reagierten, als er von der Aarestadt nach Olten zügelte: Wie könne er nur Bern verlassen, durch diese Stadt fliesse doch die wunderbare Aare. Um diese Leute nicht vor den Kopf zu stossen, erzählte er diesen extra nie, dass naturgemäss auch durch Olten die Aare fliesse ... Längstens war das Publikum im Mauz Music-Club begeistert vom Witz und Geist der Texte, vom virtuosen Gitarrenspiel. Als Zugabe gaben Max Lässer und Pedro Lenz, wie in jedem Stück an diesem Abend gemeinsam interpretierend, also Text und Musik parallel aufführend, eine Nummer zum Besten, die sich ganz um das Thema «Fäscht» drehte – «fäscht ufm Bode»: Fäschtkomittee, Fäschtverantwortlicher, Fäschtprogramm, Ehregäscht, Tribünegäscht, Fäschtässe, Fäschtaafang und Fäschtendi. Der Auftritt von Lässer und Lenz mündete derweil weniger in ein Fest. Vielmehr begleiteten die eindrücklichen, zum Nachdenken anregenden Texte und wundersamen Klänge die Besucher schliesslich in die Nacht hinaus.

Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur
  • Musik

Publiziert am

22.09.2020

Webcode

schwyzkultur.ch/Cp8sjR