Strassenmusik: Daens haben es ausprobiert. Bild: Aaron Imlig
Strassenmusik: Daens haben es ausprobiert. Bild: Aaron Imlig

Musik

«Hunger hatten wir schon einige Male»

Selina Camenzind hat als Maturaarbeit ein Magazin erarbeitet. In diesem hat sie auch die Band Daens mit Nico Hunziker und Daniel Beltrametti interviewt. In einem Auszug davon erzählen die Musiker im «Bot-au-feu», wie es ihnen als Strassenmusiker erging.

Selina Camenzind aus Gersau hat als Maturaarbeit am Theresianum Ingenbohl das Magazin «Hier und Jetzt» herausgebracht. Der «Bote»
hat einen Ausschnitt des Interviews mit Daens veröffentlicht. Das Magazin ist erhältlich über selina28@me.com. Mit Nico Hunziker und Daniel Beltrametti sprach Selina Camenzind.


Die kratzige Stimme hört man schon von Weitem, die schnellen Drums dröhnen durch die Wände, und allen ist klar, wer heute ein Konzert spielt: Daens, eine junge zweiköpfige Band, die in Brunnen und Seedorf ihren Ursprung hat. Der Sänger: ein Lockenkopf mit einer Stimme, die klingt, als wäre er schon jahrelang auf Tour. Über seiner Schulter hängt eine Gitarre an einem dünnen Faden, und zwischen seinen Schuhen und den aufgekrempelten Hosen blitzen knallend gemusterte Socken hervor. Der Drummer sitzt auf dem Cajón und hat ein grosses Grinsen im Gesicht. Die Freude an der Musik sitzt beiden sehr tief im Herzen, das ist klar. Doch was steckt sonst noch hinter all den Äusserlichkeiten?


Selina Camenzind: Was bedeutet Ihnen Musik?


Nico Hunziker: Freiheit, Ferien, Liebe. Habe ich einen stressigen Tag und viel um die Ohren, kann ich dank der Musik runterfahren. Es ist eine Lebenseinstellung.


Daniel Beltrametti: Man kann seine Emotionen ausdrücken. Ohne Musik könnte ich nicht leben. Ob beim Texteschreiben oder Musizieren, dauernd werden wir von Dingen in unserem Leben inspiriert.


Wer oder was inspiriert Sie?


Daniel: Oftmals inspirieren wir uns gegenseitig. Spielt Nico etwas Neues, Cooles auf dem Schlagzeug, will ich auch etwas ausprobieren. So entstehen verschiedene Dinge, und wir feiern es meistens, egal wie scheisse es klingt. Meine Texte handeln eigentlich immer von der Liebe. Ich kann einfach nichts anderes schreiben, da mein Englisch nicht gut genug ist. Damit man sich voll in den Text hineinfühlen kann, muss man sich in das Thema hineinversetzen können, und das ist für mich zum Beispiel bei politischen Themen einfach viel zu schwierig.


Nico: Sehr inspirierend für einen Musiker ist auch der Moment, wenn man auf der Bühne steht, das Lied zu Ende ist und das Publikum applaudiert. Dann merken wir, dass wir mit unserer Passion Freude machen können. Das treibt mich an. Ausserdem inspiriert uns natürlich auch die Musik von anderen Künstlern.


Im vergangenen Sommer haben Sie sich als Maturaarbeit auf eine Reise gewagt. Sie haben ausschliesslich von der Strassenmusik gelebt, also nur von dem Geld, das Sie jeden Tag durch Ihre Musik verdient haben. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?


Daniel: Ich musste meine Abschlussarbeit schreiben. Mir war von Anfang an klar, dass ich etwas mit Musik machen will. Zudem wollte ich etwas erleben. So kam ich auf die Idee, Strassenmusik zu machen und gleichzeitig zu reisen. Dies wollte ich aber natürlich nicht alleine tun, da ich nicht so gerne Musik alleine mache. Ausserdem hätte meine Mutter nicht wirklich Freude gehabt, wenn ich alleine ohne Geld im Ausland reisen würde. So habe ich Nico gefragt. Er sagte sofort zu.


Wo sind Sie überall hingekommen auf dieser Reise?


Daniel: In Altdorf beim Telldenkmal hat alles begonnen. Von Flüelen gings nach Basel, dort haben wir kurz gespielt, dann fuhren wir mit dem Zug weiter nach Mannheim.


Nico: In Mannheim haben wir in einem etwas gruseligen Park am Fluss das Zelt aufgeschlagen und geschlafen. Am Morgen spielten wir noch ein bisschen Musik und gingen weiter nach Frankfurt.


Daniel: Dort haben wir im Hostel geschlafen und reisten mit dem Flixbus nach Köln, das war günstiger als mit dem Zug. Dort waren wir vier Nächte. Die letzte Etappe war Amsterdam.


Das klingt ganz schön abenteuerlich. Hatten Sie nie Angst, Probleme oder einfach kein Geld?


Daniel: Angst hatten wir eigentlich nicht. Aber Hunger hatte ich schon einige Male. Wir haben uns total ungesund ernährt, da die Fastfood-Ketten halt einfach am günstigsten sind. Ein grosses Problem war, dass mir einige Gitarrensaiten kaputtgingen, obwohl mir das sonst nie passiert. Wenn du auf der Strasse am Spielen bist und viele Menschen um dich herumstehen, dann musst du einfach weitermachen, auch wenn eine Saite kaputtgegangen ist.


Nico: Aber das grösste Problem war, dass Daniel ab Köln total heiser war. Ab Mittwoch konnten wir keine Musik mehr machen, da seine Stimme nach wenigen Minuten weg war. Wir konnten es nicht weiter riskieren, denn ein Tag nach unserer Heimreise waren wir für ein Konzert in der Region gebucht. Zudem gibt es keine deutsche Bank, welche Nichtkontoinhabern Kleingeld wechselt. So schleppten wir die ganze Zeit eine Box voller Cent-Stücke mit.


Wie haben die Menschen auf der Strasse auf Ihre Musik und Ihr Projekt reagiert?


Nico: Es gab viele Leute, die einfach vorbeiliefen, Kopfhörer in den Ohren hatten, uns gar nicht zuhörten, aber trotzdem in ihrem hastigen Lauf uns noch ein paar Euro zuwarfen. Dass sie sich nicht einmal kurz Zeit nahmen, uns zuzuhören, wenn sie uns schon Geld gaben, war echt schade. Es gab Zeiten, da blieb niemand stehen. Einmal in Köln hatten wir einen Kreis mit etwa vier Reihen Menschen um uns herum. Das war ein tolles Gefühl, genau das war die ganze Woche lang schon unser Wunsch gewesen.


Daniel: Es war total spannend zu sehen, wie die Menschen reagieren, da bei der Strassenmusik die Musik zu den Menschen geht und nicht die Menschen zur Musik. Einige sind zu uns hingekommen und haben mit uns geplaudert oder sogar gesungen, als ich keine Stimme mehr hatte.


Sie konnten nicht wissen, wie viel Geld Sie am jeweiligen Tag verdienen. Lebt man da wirklich im Hier und Jetzt?


Nico: Ja sehr, das habe ich noch nie so stark gemerkt wie auf dieser Reise. Sonst will ich immer alles organisiert haben. Ich habe gelernt, dass nicht immer alles eine Struktur haben muss. Man kommt am Bahnhof an, hat keine Ahnung wie der nächste Tag aussehen wird, wo man schläft oder wen man trifft.


Daniel: Ja wir haben einfach im Moment gelebt. Ich denke, wir Schweizer sind einfach zu durchstrukturiert, alles muss geplant sein. Auf dieser Reise taten wir einfach irgendetwas, egal wie dumm oder peinlich es war. Wir waren einfach wir und das im Jetzt.


Nico: Während der Reise haben wir uns über die kleinsten Dinge riesig gefreut. So kamen wir in das Hostel, und dort war eine Dusche. Wir hatten so eine grosse Freude an dieser Dusche.


Könnten Sie sich vorstellen, nur von Strassenmusik zu leben?


Daniel: Man braucht sehr viel Übung, bis man das wirklich kann. Man muss die guten Plätze einer Stadt und die besten Uhrzeiten kennen. Momentan kann ich mir das nicht vorstellen.


Was bleibt von dieser Reise?


Nico: Die Reise hat sicher unsere Freundschaft gestärkt. Musikalisch haben wir einfach das getan, was wir immer tun.


Daniel: Auf sozialer Ebene haben wir viel gelernt, besonders, dass man immer offen sein und ohne Vorurteile sein soll. Wir hatten viel mit Obdachlosen zu tun. Wir sprachen oft mit ihnen. Als ich einer obdachlosen Frau nach unserem Gig ein paar Münzen geben wollte, lehnte sie ab, es sei unser selbst verdientes Geld. Solche Momente waren eindrücklich.


Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

13.03.2019

Webcode

schwyzkultur.ch/sQkUgh