Literatur

Henseler: «Die Schwyzer waren ja selbst die Vögte»

Nathalie Henseler eröffnete am Mittwochabend das Marchring-Jahresprogramm in Lachen und stellte liebgewonnene Schwyzer Gründungsmythen in Frage, gestützt auf ihre Dissertation «Die Schwyzer Familiennamen».

Wer verstehen will, warum Schwyz so stimmt, wie es stimmt, warum die Bezirke nicht abgeschafft werden, warum Inner- und Ausserschwyz manchmal aneinandergeraten, der braucht, so Nathalie Henseler, einen Blick ins Mittelalter. Die Linguistin und Namenforscherin aus Rickenbach hat 290 Landleutegeschlechter aus den Statuten der Schwyzer Korporationen und Genossamen, den alteingesessenen Schollenverbindungen, untersucht. Diese Rechtsgemeinschaften bewirtschaften seit dem Hochmittelalter gemeinsam Land und bestehen bis heute. Wer ihnen angehörte, besass das Landrecht, die historisch entscheidende Zugehörigkeit, die jährlich erneuert werden musste: Hof und Herkunft waren nachzuweisen. Das erklärt einen überraschenden Befund: Im Schwyzer Raum sind Namen schon seit Anfang des 13.Jahrhunderts stabil. Bereits 1217 tauchen in Schwyz mehrere Personen mit Zweinamigkeit trotz alpin-ländlicher Gegend, weitab der grossen Zentren, auf: Chûnradus Hunno, Uolricus Kesseler, Wernherus Weibel. Henseler bezeichnet das als «historisch fast eine Sensation». Dies deute auf intensive Kontakte mit dem Süden hin, denn die Zweinamigkeit entstand im 9. Jahrhundert in Venedig. Die Dreiteilung in Landleute, Beisassen und Tolerierte prägte das Selbstverständnis bis ins Mark: «Die Korporationsbürger identifizieren sich noch heute über die Bezirke, weil man sich über die Korporation identifiziert.»

 

Nicht nur arme Bauern, sondern gezielte Expansion

Das Bild der freiheitsdurstigen und armen Bergbauern, die nur mehr Holz wollten und deshalb das Gebiet des Klosters Einsiedeln annektierten, ist für Henseler, die sich pointiert und differenziert ausdrückte, nicht haltbar. Grossvieh sei gezielt gestohlen worden, um die Konkurrenz zu schädigen, denn es gibt viele Hinweise darauf, dass der Viehhandel mit Italien schon vor 1000 stattgefunden habe. Auch die Beziehung zu Zürich, zum Beispiel als Getreidelieferant, denn im Kanton Schwyz wurde kaum Getreide angebaut, sei «viel dichter gewesen, als man denkt». Für Schwyz das wichtigere Dokument als der Bundesbrief sei der Freiheitsbrief von 1240, ausgestellt vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Friedrich ll., dem Enkel von Barbarossa. Die Delegation, die damals im September nach Faenza in Italien reis-te, um dem Kaiser mehr Autonomie abzutrotzen, könne nicht aus Bauern bestanden haben: «Der Landwirt hatte im September zu Hause auf dem Hof viel Arbeit zu tun. Er hätte sich auch kaum für Territorialpolitik interessiert, die Bewirtschaftung der Existenzgrundlage gab den Takt an.» Es waren wohl eher abtrünnige Habsburger, die «Diplomatie höchster Klasse» betrieben, um selbst ein Herrschaftsgebiet zu bekommen, vermutet Henseler. Die Expansion Richtung March, Appenzell, Küssnacht, Ägeri und Zug war gezielt: Via Ausburgerschaft vergab Schwyz Landrecht an Auswärtige und integrierte so deren Bevölkerung und Land. Als Zürich und Luzern die Praxis verboten und sich die Schwyzer nicht daran hielten, drohten die Eidgenossen mit Krieg. Aus dieser Zeit käme die noch heute verbreitete Geisteshaltung: «Uns hat niemand etwas zu sagen, wir waren schon immer da.»

 

Vom Regen in die Traufe

Den Demokratiemythos demontierte Henseler mit einer schlichten Zahl: In den 100 Jahren zwischen 1300 und 1400 gehörten die Landammänner nur gerade vier verschiedenen Geschlechtern an. Auf den Gefallenenlisten von Marignano fehlen die Herrengeschlechter fast vollständig. Über Plakate gegen «fremde Vögte» müsse sie schmunzeln: «Die Schwyzer waren ja die Vögte», im Tessin, im Gaster, in Sargans und im Rheintal sowie in der March und in den Höfen. Die Verklärung, dass in Schwyz alle seit Jahrhunderten gleichgestellt sind, sei nicht dienlich, weder für ein ehrliches Selbstbild noch für ein verständnisvolles Miteinander von Innerschwyz und Ausserschwyz. Den Abend schloss Henseler mit einem Appell für die Mundart: Wie wäre es mit Schullektionen, die Kindern die alten Schwyzer Begriffe und das kostbare Sprachgut wieder näherbringen? Vorstandsmitglied Franz-Xaver Risi fasste den Vortrag treffend als einen «Husarenritt» zusammen.

 

Buchinfos

Die Schwyzer Familiennamen
(Deutung und Bedeutung der Landleutegeschlechter des Kantons Schwyz)
Autorin Nathalie Hensler
ISBN: 978-3-7965-5361-5
Fester Einband, 559 Seiten
Schwabe Verlag Basel

Höfner Volkblatt und March-Anzeiger / Micha Brandstetter

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

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Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

13.03.2026

Webcode

www.schwyzkultur.ch/RTvm2k