In letzter Zeit wurde es ruhig um den Schriftsteller Clemens Mettler. Er wird am Donnerstag 80 Jahre alt. Bild Verlag Pro Libro
In letzter Zeit wurde es ruhig um den Schriftsteller Clemens Mettler. Er wird am Donnerstag 80 Jahre alt. Bild Verlag Pro Libro

Literatur

Clemens Mettler zum 80. Geburtstag

Der Schriftsteller Clemens Mettler wird am 1. September 80. Das ist ein Grund für einen kurzen Blick auf sein grandios und subtil vielstimmiges Werk.

Da brennt ein junger Mann nach einer hübschen Frau, verknallt und begehrend. Doch die hübsche Frau ist ein erotisch magnetisierendes Wunschbild, hoch oben auf einem Berg, zu hoch. Nie kann der junge Mann sie wirklich erreichen; er rutscht immer wieder zurück, der Berghang ist ja auch aus Glas. Etwa so gibt sich ein altes Märchenmotiv. Clemens Mettler verwob es in seinen Roman «Der Glasberg», der erst vor einigen Jahren beim Verlag Pro Libro neu aufgelegt wurde. Das Buch ist also immer noch über den Ladentisch zu haben; viele andere seiner Bücher sind in Bibliotheken ausleihbar. Als «Der Glasberg» 1968 erstmals erschien, schlug er ein, irritierte auch, aber heilsam. Er traf genau die Aufbruchstimmung von damals. Kein Wunder. Denn er vernetzte, dieses Symboljahr passgenau treffend, prägnant die moderne Zeit, die ständig neue Wahrnehmungen auf uns einprasseln lässt. Und prasselnd prallen in diesem Buch denn auch ganz gegensätzliche Welten auf- und ineinander: Hier die alten Welten einer rigiden Bürgermoral, zum Beispiel des katholischen Milieus in der Innerschweiz – dort winkt aber schon eine faszinierend verführerische neue Welt, eine hohle Gasse öffnet in neue ungeahnte Freizügigkeiten, welche Wonne, welche Lust …

Verbote, Tabus, Reize

Da spielt auch die Erotik eine Rolle, wie zumeist in Epochenumbrüchen. Deren Verbote und Tabus waren ja nun plötzlich halb verschollen. Deren Reize indes lockten umso ungehemmter; ungebärdig erschienen sie vielen, zügellos und wild. Der Zusammenprall zweier Welten schob manch einen in gesellschaftliche Zwickmühlen. Verflixt noch mal: Wie komme ich da wieder raus? Diese Frage macht den Roman heute noch aktuell. Die dichten Bilder, die in Mettlers «Glasberg» vor unserem inneren Leserauge vorüberziehen, zeigen uns unsere Zwickmühlen im Alltag: Seht her, da drin stecken wir halt alle.

«Dauersprechweltrekordler»

Wie diesen Zwickmühlen beikommen? Wir müssten wohl erkennen, wie in der modernen Welt ein Sog des in immerwährenden Geredes und Gelabers alles wegzuspülen droht, auch was uns orientieren, was uns helfen könnte. Die vereinfachende Schlagwortwelt nimmt Clemens Mettler bereits 1968 mit kluger Kritik in den Blick. Lorenz Waser, die Hauptfigur im «Glasberg», redet wie ein Wasserfall; ein «Redner von Marathon» ist er, wie es einmal heisst, ein «Dauersprechweltrekordler», einer, «der schon hundert Jahre ohne Unterbruch spricht».

Ohne erotische Magnetkraft

Mit seinem «Überlaufen des Mundes» versucht er auch sich über die Runden zu bringen: «Musst auch dich selber unterhalten, dir über die Zeit hinweghelfen, dich über sie hintragen, nun einmal bis zum allerersten Ende dieser neuen Sehnsucht.» Diese neue Sehnsucht ist vorderhand konkret eine Journalistin, die Waser imCafé Troja treffen will. Er möchte sich «entschlossen zu ihr durchlieben». Doch die erotische Magnetkraft erweist sich als vergeblich. Eben wie am Glasberg: Der Mann rutscht immer zurück. Aus dem Durchlieben wird nur gerade ein Durchreden.

Um sich selber kreisen

So gerät er in ein eitles Münchhausen- Unterfangen. Waser will sich «forttragen am eigenen Schopf über die Stunden». Die Menschen versuchen, sich so selber zu erlösen, und das geht nicht. Sie kreisen um sich selber wie in einer ringförmigen Hölle. Aber auch wie nur zu oft in unserer modernen Ära. Clemens Mettler erschliesst uns in eindrücklichen Sprachbewegungen unsere eigene Welt. In letzter Zeit ist es ruhig geworden um Clemens Mettler. Hiermit sei an ihn erinnert und an seinen 80. Geburtstag am 1. September.

Der Roman «Glasberg»

ist 2007 in leichtüberarbeiteter Fassung neu aufgelegt worden undweiterhin beim Pro Libro Verlag Luzern erhältlich(ISBN 978-3-9523163-4-4).

Bote der Urschweiz (Daniel Annen)

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

30.08.2016

Webcode

schwyzkultur.ch/hnayFZ