Die Schreibstube von Blanca Imboden in sonnigem Gelb. Bild: Pius Amrein
Die Schreibstube von Blanca Imboden in sonnigem Gelb. Bild: Pius Amrein

Literatur

«Ich bin eine Unterhaltungstante»

Die Bestsellerautorin Blanca Imboden schreibt herzerwärmende Bücher, die sie in der Bergwelt ansiedelt. Für ihr nächstes Buch zieht sie zu Recherchezwecken für eine Woche ins Altersheim.

Mit Blanca Imboden sprach Melissa Müller


Melissa Müller: Blanca Imboden, Sie schrieben Ihren Roman «Arosa» wie Ihre Heldin Liz als «Artist in Residence» in einem Luxushotel in Arosa. Wollten Sie einfach gratis Ferien machen?


Blanca Imboden: Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass es möglich wäre, gratis in einem 5-Sterne-Hotel zu wohnen. Ich lernte vor zwei Jahren den Verwaltungsratspräsidenten des Hotels Kulm kennen. Er sagte bei einem Kaffee: «Wenn du mal etwas über Arosa schreibst, kannst du gratis in unserem Hotel wohnen.» Ich sagte: «Aber ich habe ja einen Mann zu Hause und könnte mir nicht mal das Essen bei euch leisten. Ich müsste ins Migros-Restaurant gehen.» Da bot er uns eine Juniorsuite mit Vollpension an. Ein verführerisches Angebot. Es waren die schönsten Ferien meines Lebens mit meinem Mann Hans. Und ich wusste da nicht, dass es unsere letzten sein würden. Vier Monate später ist Hans gestorben. Unsere Zeit in Arosa war einfach nur schön. Es hat da viele leichte Spazierwege. Und wir genossen das Hotel, das wir uns nie hätten leisten können. Dass immer so schön hinter uns hergeräumt wurde, war schon speziell. Sonst verbrachten wir unsere Ferien immer in Italien, in einem winzigen Zimmer. Er war ein Nachtmensch, ich ein Morgenmensch. Da muss man sich arrangieren und Kompromisse finden. In einer Juniorsuite kommt man hingegen gut aneinander vorbei.


Wird man als Bestsellerautorin denn nicht reich?


Ich verkaufe meine Bücher ja nur in der deutschen Schweiz, das ist ein kleiner Kuchen. Meine Lesungen sind eine wichtige Einnahmequelle, und dann arbeite ich noch als Seilbähnlerin bei der Stanserhornbahn. «Wandern ist doof», mein erfolgreichstes Buch, habe ich 30 000-mal verkauft. Es wird bald einmal verfilmt auf dem Stoos. Damit erfüllt sich ein grosser Traum. Ein weiterer wäre, dass meine Bücher übersetzt werden, ins Chinesische oder so.


Ihre Buchheldin Liz leidet unter einer Schreibblockade, kennen Sie das auch?


Früher habe ich Leute mit Schreibblockaden belächelt. Ich habe ja mal bei der «Neuen Schwyzer Zeitung» gearbeitet, die es leider nicht mehr gibt. Da musst du liefern, kannst dir eine Blockade gar nicht leisten. Schreiben ist aber nicht immer ein euphorisch-leichter Prozess, der einfach fliesst. Jeder Schreibende kommt an einen Punkt, wo es mühsam wird. Oft artet es halt in Arbeit aus. In diesem Jahr ist bei mir so viel passiert. Mein Mann und meine Mutter sind gestorben. Da konnte und wollte ich mich zeitweise nicht mehr zum Schreiben aufraffen. Und ich leide bei jedem Buch ein bisschen mehr, stelle immer höhere Ansprüche an mich selber.


Wie überwindet man Schreibkrisen?


Weitermachen. Den inneren Zensor ausschalten. Wenn man trotzdem denkt, das sei ein Mist, dann weglegen und später weiterarbeiten an dem Zeug.


Haben Sie einen Schreibtipp?


Ich hole mir irgendwelche Fotos aus dem Internet und gebe damit meinen Romanfiguren ein klares Gesicht. Jede Figur bekommt einen Steckbrief. Ich stelle mir alles vor, sogar die Kindheit meiner Figur, damit ich sie fest spüre. Ich liebe sie und lebe mit ihr. Wie die hier, das ist eine bekannte Schauspielerin. (Deutet auf ein Foto.) Es interessiert mich nicht, wer sie ist. Für mich ist das Nelly, die Hauptfigur in meinem neuen Buch, einem Altersheim-Roman. Hans sagte einmal: «Was willst du mit diesem Fussballerbild?» Ich erklärte, das sei Toni, der Bergführer. Es ist ein kindliches Vergnügen, diese Figuren zu erfinden. Das ist wie Spielen mit einem «Bäbihuus».


Wie ist diese Technik entstanden?


Das habe ich schon als Kind gemacht. (Sie nimmt ein Schulheft hervor, in feinsäuberlicher Schrift, vollgeklebt mit Fotos von Filmstars). Ich habe in der 5. Klasse angefangen, zu schreiben, um mich selber zu unterhalten, hätte lieber gelesen. Mein Vater war Schlosser, wir waren sieben Kinder und hatten kein Geld für Bücher. Die kleine Bibliothek in Ibach war nur so ein finsteres Loch im Pfarrhaus. Da habe ich Hefte mit meinen Geschichten gefüllt, sie später nummeriert. Meine Schulkameraden tauschten sie auf dem Pausenplatz aus. Das war meine erste Leserschaft.


Wie kamen Sie auf die Idee, Ihr nächstes Buch im Altersheim anzusiedeln?


Meine Themen stammen aus meinem persönlichen Umfeld. Meine Mutter wohnte im Altersheim, wo ich sie oft besuchte und lustige und nicht so lustige Geschichten mitbekam. Meine Mutter sagte: «Das musst du aufschreiben, und das auch!» Aber wir haben abgemacht, dass ich das Buch erst schreibe, wenn sie schon tot ist, damit sie mir alles erzählen kann. Zur Recherche werde ich diesen November eine Woche ins Altersheim ziehen. Die Chefin eines Altersheims in Affoltern am Albis sagte: «Wenn Sie einen Monat gratis im 5-Sterne-Hotel in Arosa wohnen durften, dann dürfen Sie jetzt auch gratis bei uns wohnen.»


Sie wurden schon als «Rosamunde Pilcher vom Vierwaldstättersee» bezeichnet. Ein Synonym für Trivialliteratur.


Ich habe nicht die Erwartung, einen Literaturpreis zu gewinnen. Ich sage immer, ich bin eine Unterhaltungstante. Das häufigste Kompliment meiner Leser ist, dass meine Bücher sie mit einem guten Gefühl zurücklassen. Damit ist schon viel erreicht.


Einige Dialoge in «Arosa» zwischen Liz und Jonas wirken holprig. Als wollten Sie möglichst viel Wissen über das Bergdorf vermitteln.


Kann schon sein, dass ich zu viele Infos reinpacken wollte. «Too much information. » Kann passieren, wenn man zu viel recherchiert.


Für Arosa Tourismus ist Ihr Buch eine willkommene Gratiswerbung. Warum machen Sie das?


Es wurde mir schon oft vorgeworfen, mit meinen Büchern Werbung zu machen. Aber ich lasse meine Geschichten lieber an einem realen Ort spielen. Es gibt Leser, die reisen auf jeden Berggipfel, den ich beschreibe. Hunderte wandern wegen mir auf den Stoos und den Urmiberg. Ein Leser, der wegen meiner Bücher in Arosa und Zermatt war, fragte mich schon, wo mein nächstes Buch spielt, damit er seine nächsten Ferien planen kann. Ich sagte ihm: «Das wird schwierig, denn dann musst du ins Altersheim.» (lacht)


In Ihrem Büro hängt der Spruch «Du bist ein Optimist, wenn du mehr Träume in dir trägst, als die Realität zerstören kann». Was bedeutet er Ihnen?


Als ich einmal abnehmen wollte, sagte ein Mentalcoach zu mir: «Träume gross.» Ich musste erst einmal lernen, mir das zu erlauben. Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Wir wurden ermahnt, bescheiden zu sein. «Erfolg haben andere», hiess es. Ich dachte, es sei arrogant, mehr vom Leben zu wollen, zum Beispiel einen Bestseller. Schon manch einer, der Literatur studiert hat, sagte zu mir: «Du hast schon noch Mut, einfach so zu schreiben. Dass du dir das zutraust.»


Wer sind Ihre literarischen Vorbilder?


Ich las immer gern die Bücher von Johannes Mario Simmel, hatte sogar Briefkontakt mit ihm. Er wohnte ja in Zug. Und die Schriftstellerin Milena Moser. Sie nahm dem Schreiben dieses Hypermystische, indem sie sagte: «Schreibe drauflos, es kann auch einfach nur Freude machen, es ist keine Wissenschaft.»


Sie verknüpfen selbst Erlebtes mit Erfundenem. Hat sich schon jemand als Romanfigur in einem Buch wiedererkannt?


Auf dem Urmiberg gab es einen schwierigen Bergrestaurant-Besitzer, er ist inzwischen gestorben. Im Roman «Gipfeltreffen » habe ich eine böse Besitzerin aus ihm gemacht. Er sagte zu mir: «Ich weiss genau, dass du da über mich geschrieben hast.» Ich sagte zu ihm: «Wenn das so ist, finde ich das traurig.»


Und was meinte der Hoteldirektor des «Kulm» dazu, dass er im Buch mit der Heldin im Bett landet?


Darüber wurden an der Buchvernissage natürlich ein paar Witze gerissen. Der damalige Direktor des Hotels Kulm ist aber fein raus. Der leitet jetzt in Kreuzlingen eine Schule für Hochbegabte.


In «Arosa» kommen Partnervermittlungsagenturen nicht so gut weg. Die beiden, die perfekt zueinanderpassen, verlieben sich nicht. Warum springt der Funke nicht?


Liebe kann man nicht planen.


Können Sie sich vorstellen, Onlinedating auszuprobieren?


Ich habe mich gerade angemeldet. Wenn es keinen Erfolg bringt, dann sicher Erlebnisse und Inspiration für meinen nächsten Roman.


Bote der Urschweiz / Melissa Müller

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

10.11.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/uiZEi9