Der 68-jährige Hanspeter James Kälin bleibt vorderhand Präsident der Welttheatergesellschaft Einsiedeln: Die Stabsübergabe soll vermutlich nach der nächsten Aufführung des Theaters im Jahr 2024 über die Bühne gehen. Bild Welttheater
Der 68-jährige Hanspeter James Kälin bleibt vorderhand Präsident der Welttheatergesellschaft Einsiedeln: Die Stabsübergabe soll vermutlich nach der nächsten Aufführung des Theaters im Jahr 2024 über die Bühne gehen. Bild Welttheater

Bühne

«Ich glaube an das Welttheater»

Hanspeter James Kälin, Präsident der Welttheatergesellschaft Einsiedeln, nimmt Stellung zur Verschiebung der Spielzeit 2020 in das Jahr 2024.

Eine Verschiebung des Welttheaters auf das kommende Jahr mache keinen Sinn, findet Hanspeter James Kälin: «Das finanzielle Risiko wäre viel zu gross gewesen.» Dem Coronavirus zum Trotz glaubt der Präsident, dass die Perspektiven für die Welttheatergesellschaft Einsiedeln gut sind.

Magnus Leibundgut: Was hat Sie dazu bewogen, das Welttheater 2021 abzusagen?


Hanspeter James Kälin: Im Sommer hatte es noch gut ausgesehen: Nach dem Lockdown hatte der Bund Lockerungen beschlossen, aufgrund derer es uns möglich schien, das Welttheater im kommenden Jahr aufzuführen. Nun stellt uns aber das Erstellen eines Sicherheitskonzeptes vor grosse Probleme, ohne dass wir eine Garantie hätten, dass die Leute dann trotz der Angst vor dem Coronavirus das Welttheater besuchen kommen. Ohne eine Defizitrisikogarantie scheint uns das Unterfangen aus finanziellen Gründen als zu riskant. Weil unsere Reserven bald alle aufgebraucht sind, geraten wir in Gefahr, in einen Liquiditätsengpass hineinzulaufen. Ein Zuwarten mit einem definitiven Entscheid bis Frühjahr 2021 hätte grosse Investitionen ausgelöst, die wir bei einem späteren Abbruch nicht mehr hätten verantworten können. Darum schien es uns besser, jetzt schon Klarheit über die Situation zu schaffen.

Das Welttheater geht Open Air über die Bühne. Ist da eine Ansteckung mit dem Coronavirus weniger wahrscheinlich?

Auch an der frischen Luft wäre für die 2300 Besucher Pflicht gewesen, eine Maske zu tragen und ihre Daten für ein Contact Tracing bekannt zu geben. Wir hätten mit einem Riesenaufwand Sektoren auf den Tribünen einrichten und die Besucherströme kanalisieren müssen. Auch für die Spieler haben sich Probleme eröffnet, weil ihre Kostüme hätten desinfiziert werden müssen. Zudem wären separate Garderoben- und Vorbereitungsräume hinter der Bühne nötig gewesen

Haben die Behörden die Absage empfohlen?

Es ist unsere eigene Entscheidung, auf eine Aufführung des Welttheaters im Jahr 2021 zu verzichten. Bedingung für eine Aufführung wäre ein Sicherheitskonzept gewesen, das der Kanton Schwyz hätte bewilligen müssen. Aber das Umsetzen eines Sicherheitskonzepts wäre sehr kostenintensiv ausgefallen und mit zahlreichen Unwägbarkeiten verbunden gewesen. Abgesehen davon gibt es absolut keine Sicherheit, dass im Sommer 2021 grosse kulturelle Anlässe wie das Welttheater Einsiedeln überhaupt über die Bühne gehen können.

Wieso ist eine Verschiebung des Welttheaters in das Jahr 2022 nicht in Frage gekommen?

Das Coronavirus bleibt uns ja erhalten und wird frühestens in Schach gehalten werden können, wenn ein Impfstoff vorliegt. Wer gibt uns die Sicherheit, dass wir 2022 nicht wieder exakt vor derselben Situation stehen wie in diesem Jahr? Nochmals dasselbe erleben zu müssen wie heuer macht einfach keinen Sinn. Eine Verschiebung des Welttheaters Einsiedeln in das Jahr 2024 passt insofern, als dann die Welttheater-Tradition ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert. Abgesehen davon gewinnen wir mit dieser Verschiebung ins Jahr 2024 Zeit, um unsere Kräfte zu bündeln, in aller Ruhe vorauszuschauen, die Kosten zu analysieren und die Finanzierung auf eine neue Basis zu stellen.

Bleiben Stückauswahl, Autor und Regisseur in der Ausgabe des Jahres 2024 erhalten?

Wenn es nach dem Vorstand der Welttheatergesellschaft Einsiedeln geht, soll 2024 das für 2020 geschriebene Stück gespielt werden. Entscheiden muss das aber die künstlerische Leitung des Welttheaters: Sie muss abklären, ob das terminlich auch für sie aufgeht. Ich hoffe auf eine schnelle Entscheidung seitens der künstlerischen Leitung, auf dass wir bis zu unserer Generalversammlung am 24. Oktober Bescheid wissen, was Sache ist.

Es wird also womöglich im Jahr 2024 eins zu eins dieselbe Veranstaltung über die Bühne gehen?

Ich glaube nicht, dass das Stück 2024 eins zu eins auf dieselbe Art und Weise über die Bühne gehen wird: Die Zeit steht nicht still, die Corona-Pandemie verändert die Welt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Lukas Bärfuss eine Aktualisierung des Stücks vornimmt und die Umsetzung neu konzipiert wird.

Mit welcher Besetzung wird das Stück in Angriff genommen werden?

Das ist komplett offen. Wir hatten sehr engagierte junge Leute mit dabei, die mitgemacht hätten am Welttheater 2020. Aber gerade für junge Leute sind vier Jahre eine lange Zeit: Wer weiss, ob sie denn 2024 wieder zur Verfügung stehen werden. Die Spielerwerbung, das Casting und die Proben würden vermutlich ähnlich ablaufen wie im Jahr 2019 mit einem Welttheatertag als Startveranstaltung im September 2023.

Wie hoch ist der finanzielle Schaden, den die Verschiebung mit sich bringt?

Die geplante Verschiebung des Welttheaters in das Jahr 2021 hat uns einen Verlust/Mehraufwand in der Höhe von 750'000 Franken eingebrockt. Weil die Ausgabe 2024 nun einen Neuanfang bedeutet und nicht nur eine blosse Verschiebung, ist der effektive Schaden grösser: Dieser Verlust wird sich nun wohl um einige Hunderttausend Franken zusätzlich erhöhen. Wir haben beim Kanton Schwyz bereits diesen Sommer ein Gesuch eingereicht, das nun angepasst wird, in der Hoffnung, dass ein grosser Teil des Schadens kompensiert werden kann.

Wie können Sie die restlichen Verluste wieder ausgleichen?

Ich kann Ihnen aktuell keine Informationen geben, wie es um unsere Reserven bestellt ist. Mit Sicherheit führt uns die aktuelle Situation in die Lage, dass wir in Zukunft eine Defizitgarantie benötigen, wenn wir verhindern wollen, dass wir in einen finanziellen Engpass hineinlaufen. Diese Defizitgarantie könnte mit öffentlichen und privaten Geldern erfüllt werden, auf dass die Welttheatergesellschaft Einsiedeln zukünftig wieder auf soliden Beinen stehen würde. Klar ist, dass wir bereits jetzt von der öffentlichen Hand, dem Bezirk und dem Kanton sowie Stiftungen und Firmen grosszügig unterstützt wurden.

Gehen Sie davon aus, dass der Klosterplatz bis zur nächsten Ausgabe des Welttheaters 2024 fertig erstellt sein wird?


Wir hoffen es nicht (lacht). Festhalten möchte ich, dass wir gar nicht unglücklich gewesen sind über die Baustelle auf dem Klosterplatz: Sie hätte es uns ermöglicht, Löcher in den Platz zu schlagen, um damit unsere Installationen zu befestigen. Das wird naturgemäss schwieriger, wenn der ganze Platz fertig gepflästert ist. Voraussetzung für die Platzbenutzung ist, dass zwischen Frühjahr und September 2024 keine Bauarbeiten stattfinden.

Wie haben Sie selber persönlich die Turbulenzen rund um die Corona-Pandemie erlebt?

Ich selber habe keine grossen Einschränkungen aufgrund des Coronavirus erfahren. Dass so viele Anlässe ausgefallen sind, bedauere ich sehr. Ich bin natürlich enttäuscht, dass kein Welttheater im Jahr 2021 über die Bühne gehen wird. Es ist dies auch für die Gastronomie und den Tourismus in Einsiedeln ein herber Verlust. Man kann davon ausgehen, dass in einer Welttheater-Spielzeit eine Wertschöpfung in der Höhe von 4,5 bis 5 Millionen Franken zustande kommt.

Trifft Sie selber die erneute Absage?

Ja, sicher. Ich bin aber auch erleichtert über den Entscheid. Denn ich habe in vielen Nächten nicht gut geschlafen in der letzten Zeit. Der Super-GAU wäre gewesen, wenn sich während der Aufführungen ein Spieler mit dem Coronavirus angesteckt hätte und es dann eine Woche lang keine Vorstellungen gegeben hätte. Es war enorm belastend, diese Verantwortung tragen zu müssen. Wie hätten wir ausreichend für die Sicherheit von Besuchern und Spielern sorgen können? Unter diesen befinden sich ja auch zahlreiche Personen, die zur Risikogruppe gezählt werden. Allgemein war diese Zeit von viel Angst besetzt. Von daher bin ich jetzt doch sehr erleichtert, dass wir diesen Entscheid gefällt haben: Ich bin sicher, es war richtig.

Finden Sie selber Wege, das Ganze mit einer Art Galgenhumor zu nehmen?

Wenn ich jemals den Humor verloren hätte, hätte ich diesen Job nie machen dürfen. Ich habe viele Höhen und Tiefen in der Welttheatergesellschaft Einsiedeln erlebt – und bin doch Optimist geblieben. Ich glaube an das Welttheater! Abgesehen davon gab es immer wieder einmal Unterbrüche: Zwischen 1937 und 1950 gab es wegen des Zweiten Weltkrieges keine Theateraufführungen. Zwischen 1970 und 1981 sind diese auch ausgefallen: Die Nachwehen der 68er-Jahre machten ein neues Konzept notwendig, weil sich die Frage stellte, ob man nun Calderón in der Eichendorff’schen Übersetzung überhaupt noch spielen könne.

Haben Sie selber auch beim Welttheater mitgespielt?

Bereits als Kind habe ich mitgemacht. Ich habe auch Hauptrollen gespielt, einmal den Reichen, einmal den Bauer. Höhepunkt war im Jahr 2007, als ich einen durchgedrehten Mönch spielte, der einen lebendigen Geissbock als das Lamm Gottes in die Höhe stemmen musste. Der Geissbock war des Öftern ziemlich nervös: Einmal hatte er Durchfall, als er just in der Höhe schwebte – und so ergoss sich seine ziemlich stinkende Sosse auf mich herunter (lacht) ...

Führt das Coronavirus selber eine Art Welttheater auf?

Natürlich! Die Welt ist nicht mehr dieselbe, seit dieses Virus da ist. Wir sind ohnmächtig. Auch die Forscher wissen zu wenig über dieses Virus. Wir haben es nicht im Griff und müssen erst lernen, einen Umgang damit zu finden. Wir sind vollends auf dem falschen Fuss erwischt worden und wissen nicht, wohin uns der Weg führen wird. Das Virus hat auch seine guten Seiten: Es hat zu einer Entschleunigung geführt. Die Leute haben wieder mehr Zeit für sich selber und mehr Gelegenheit, Zeit zusammen mit anderen zu verbringen. Negativ zu Buche schlägt, dass sich die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie erst noch zeigen werden. Und dass Junge Angst haben, keinen Job zu finden, keinen Anschluss an das Berufsleben nach der Lehre zu haben.

Deuten Sie diese weltweite Corona-Pandemie als ein apokalyptisches Vorzeichen?

Ich sehe das Ganze eher pragmatisch: Ich möchte nicht Trübsal blasen und finde, dass wir uns der Situation stellen und vorwärts schauen müssen. Im Rückblick auf den Lockdown kann man auch der Ansicht sein, dass diese Massnahme womöglich übertrieben war.

Was bedeutet das «Einsiedler Welttheater» für das Klosterdorf selber?

Das Welttheater schafft einen Zusammenhalt im Klosterdorf und stiftet für die Einsiedler Identität. Das Welttheater ist ein Leuchtturmprojekt und hat als Unternehmen eine einmalige Dimension – zumindest für Schweizer Verhältnisse. Wer hat sonst so etwas? Vielleicht noch die Oberammergauer mit ihren Passionsspielen. In welchem Dorf machen 500 Leute regelmässig mit, verzichten auf ihre Ferien und halten einem Theater über hundert Jahre hinweg die Treue?

Wohin bewegt sich die Welt?

Es ist bedenklich, was für Staatsmänner riesige Länder führen wie die USA, Weissrussland oder die Türkei. Und wie das Völkerrecht missachtet und Andersdenkende diskriminiert und ins Gefängnis geworfen werden. Hoffnung gibt es nur für diese Welt, wenn der Zusammenhalt unter den Menschen gestärkt werden kann.

Sie selber bleiben der Welttheatergesellschaft auch noch bis ins Jahr 2024 erhalten?

Eigentlich wollte ich nach der Ausgabe 2020 das Präsidium in der Welttheatergesellschaft Einsiedeln abgeben und kürzertreten. Jetzt verschiebt sich die Stabsübergabe vermutlich über das Jahr 2024 hinaus. Ich nehme nun eins nach dem anderen und werde zusammen mit dem Vorstand die weiteren Schritte besprechen. Wir haben doch einige junge Leute in unserem Vorstand. Das stimmt mich zuversichtlich: Die Perspektiven für unsere Gesellschaft erachte ich als gut.

Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

02.10.2020

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schwyzkultur.ch/PuXZQy