Lukas Hartmann war mit seinem Werk «Auf beiden Seiten» zu Gast am Gymnasium Immensee. Bild David Coulin
Lukas Hartmann war mit seinem Werk «Auf beiden Seiten» zu Gast am Gymnasium Immensee. Bild David Coulin

Literatur

Von Geschichte und Geschichten

Während seine Frau Simonetta Sommaruga als Bundespräsidentin die Gegenwart mitprägt, gewährte Lukas Hartmann am Gymi einen Blick hinter die Kulissen der Geschichte.

«Auf beiden Seiten» heisst der neue Roman von Lukas Hartmann. Darin lässt er die Zeit rund um den Mauerfall von Berlin aufleben. Dabei wählte er die Perspektive der Erinnerung. Nun ist es mit dem Gedächtnis aber so eine Sache. Es funktioniert nämlich sprunghaft. Das bekamen die Schülerinnen und Schüler des Gymis Immensee bei der Lektüre schnell zu spüren.

Immer wieder Zeitsprünge

Da gab es zwischen den verschiedenen Handlungssträngen immer wieder Zeitsprünge, sodass sich die Geschichte wie ein Puzzle zusammenfügt. Da ist die Geschichte von Deutschlehrer Gubser, der ganz in der Welt des konservativen Spiessbürgertums gefangen ist und sich schlussendlich sogar als Mitglied einer geheimen Widerstandsorganisation gegen den Kommunismus outet. Da ist Mario, sein Musterschüler, der sich aber langsam von dieser Denkwelt verabschiedet (Gubser sagt: «sich von den Parolen der 68er-Bewegung einseifen lässt») und in der Tochter seines Deutschlehrers eine Verbündete findet. Und da ist Karin, die Tochter des Hauswartes der Schweizer Geheimdienstloge P26. Nach der Auswertung von dreissig ausführlichen Interviews mit Zeitzeugen habe er sich drei Wochen nach Wien zurückgezogen, sagt Lukas Hartmann.

Zu Kapiteln zusammengefügt

Dutzende von Szenen, die auf kleinen Zettelchen aufskizziert waren, hat er auf einem Tisch herumgeschoben, zu Kapiteln zusammengefügt, mit Figuren besetzt. Damit machte er den Schülerinnen und Schülern klar: Schriftstellerei ist auch ein Handwerk, nicht unähnlich dem Komponieren eines Musikstücks. Am meisten beschäftigte die Schülerinnen und Schüler die Frage, ob die Figuren echt seien, ob er damit die Charaktere von real existierenden Personen nachgezeichnet hatte. Ja und nein, sagte Lukas Hartmann. So wollte Mario Schriftsteller werden, wie auch Lukas Hartmann. Nur gab Mario diesen Wunsch viel schneller auf als Lukas Hartmann. «Als Jugendlicher gab ich ein kurzes Manuskript meinem Onkel zu lesen. Er war der Einzige in der Familie, der überhaupt Bücher las», sagte Hartmann. «Das kannst du unmöglich geschrieben haben», war dessen Kommentar.

Von der Schriftstellerei leben

Diese Reaktion beleidigte Lukas Hartmann so sehr, dass er erst viele Jahre später zum ersten Mal ein Manuskript an diverse Verlage schickte. Ohne Erfolg. Erst als er, der sich als Lehrer und Jugendberater über Wasser hielt, einige Lebensgeschichten von Menschen, mit denen er es zu tun hatte, in Kurzgeschichten goss, fand er ein Verlagshaus und konnte seine ersten 800 Bücher verkaufen. Da war er schon über dreissig Jahre alt. Bis er von der Schriftstellerei wenigstens teilweise leben konnte, vergingen nochmals 15 Jahre. «Da war immer diese innere Stimme, dieser Traum des Schriftstellerlebens, der mich durch alle Durststrecken hindurchtrug», sagt Lukas Hartmann rückblickend. Lebe deinen Traum, versuche, die Puzzlesteine deiner Ressourcen und Neigungen zusammenzufügen zu einer stimmigen Lebensgeschichte – das geriet so zur eigentlichen Botschaft einer Veranstaltung, die als Lesung begann und als Lebenskundelektion aufhörte.

Bote der Urschweiz (pd/red)

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

09.05.2015

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