Ein Dieb geht um im Flüchtlingsheim: Oscar Bingisser als Heimleiter Hans Obrecht. Bilder SRF / Sava Hlavacek
Ein Dieb geht um im Flüchtlingsheim: Oscar Bingisser als Heimleiter Hans Obrecht. Bilder SRF / Sava Hlavacek
«In der ganzen Welt toben Kriege unentwegt» - 1
«In der ganzen Welt toben Kriege unentwegt» - 1

Film

«In der ganzen Welt toben Kriege unentwegt»

Ab Sonntag läuft im Schweizer Fernsehen die historische Dramaserie «Frieden». Der Einsiedler Oscar Sales Bingisser spielt in dieser Serie den Heimleiter Hans Obrecht: Dieser kümmert sich um jüdische Kinder, die im KZ Buchenwald inhaftiert waren und dem Nazi-Regime entronnen sind.

Magnus Leibundgut: Welche Figur verbirgt sich hinter Herrn Obrecht, den Sie in der Serie «Frieden» spielen?


Oscar Sales Bingisser: Hans Obrecht ist ein Heimleiter in einem Institut auf dem Zugerberg, das jüdische Kinder aufnimmt, die während des Zweiten Weltkriegs im KZ Buchenwald inhaftiert waren. Hans Obrecht ist ein strenger, korrekter und gerechter Leiter des Flüchtlingsheimes, Disziplin und Ordnung stehen bei ihm im Fokus.

Wie sind Sie zu dieser Rolle gekommen?

Ganz einfach: Ich wurde gecastet. Die Regie hat mich auf der Suche nach einem Schauspieler, der gut zu dieser Rolle dieses Heimleiters passen würde, ausgewählt. So bin ich in dieser Serie des Schweizer Fernsehens gelandet.

Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?

Gedreht wurde im Greyerzerland im Kanton Freiburg, wo sich ein Sanatorium befindet. Die Atmosphäre während der Dreharbeiten im Flüchtlingsheim war der Hammer: Die Stimmung unter der Crew war ausserordentlich gut.

Wie kommt die Geschichte bei Ihnen selber an?

Als ich das Drehbuch der Autorin Petra Volpe gelesen habe, war ich begeistert: Der reinste Page Turner. Ich konnte nicht anders als das Buch von Anfang bis zum Schluss durchzulesen – in einem Zug. Die Geschichte der Serie «Frieden» ist sehr spannend und nimmt einen in den Bann.

Können Sie den Plot der Serie schildern?

Ich will da nicht zu viel verraten. So viel vorneweg: Es geht um eine traditionelle Fabrikantenfamilie, die sich den neuen Gegebenheiten nach dem Krieg anpassen muss. Und in einem zweiten Strang um ein Heim, in dem von der Schweiz Knaben und junge Männer aufgenommen wurden, die das KZ Buchenwald überlebt hatten.

Ist Frieden möglich für ein Land, das selbst gar keinen Krieg erlebt?

Man darf nicht vergessen, dass die Schweiz umzingelt war von den Achsenmächten und ganz Europa am Schluss in Trümmern lag: Diese Ereignisse gingen nicht spurlos an der Schweiz vorbei. Das Land war unter einem enormen Druck. Angst, Verzicht und auch Verzweiflung prägten auch den Alltag in der Schweiz zu jener Zeit. Etwas, das wir heute kaum nachvollziehen können. Somit befand sich auch die Schweiz im Kriegszustand, ohne die verheerende Zerstörung des übrigen Europas.

Was haben Sie selber via Ihre Eltern von dieser Zeit mitbekommen?

Ich bin 13 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren worden: Der Krieg lag also noch nicht allzu lange zurück. Mein Vater gehörte der Aktivdienst-Generation an. Meine Grosseltern führten das Hotel Drei Könige in Einsiedeln, in dem amerikanische Soldaten nach dem Krieg Ferien machten.

Wie würden Sie den Zeitgeist beschreiben, der im Anschluss an die Zeit des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz herrschte?

Ich möchte da dem Film nicht vorgreifen: Die Serie «Frieden» bringt atmosphärisch und in faszinierenden Bildern diesen Zeitgeist in meinen Augen ziemlich gut auf den Punkt. Man taucht in eine Zeit ein, die längst Vergangenheit zu sein scheint und eigentlich doch noch so nahe ist.

In der Geschichte tauchen Nazis auf und spielen Flüchtlinge eine Rolle. Erleben wir derzeit gewissermassen ein Déjà-vu?

Oh, das wäre wohl etwas zu weit hergeholt. Man kann die paar Glatzen, die bei uns als Neonazis herumlaufen, nicht mit den Nationalsozialisten aus dem Dritten Reich vergleichen. Das wäre eine grobe Verharmlosung der Nazis. Ebenso hinkt in meinen Augen der Vergleich zwischen heutigen Flüchtlingen aus Syrien und Juden, die damals dem Nazi-Regime entflohen sind.

Es geht in der Geschichte um den Zwiespalt zwischen Pflicht und Gewissen. Kommt dieser Zwiespalt auch heutzutage zum Tragen?

In der Tat! Gerade in einem Heim stossen Vorschriften auf die Realität und sorgen für Konfliktstoff. Soll man ein Auge zudrücken und dem Gewissen Ausdruck geben? Oder soll man konsequent sein und die Pflicht über alles stellen? Daraus kann, wie jeder weiss, sehr schnell ein Gewissenskonflikt entstehen. Dieser wurde dann auch noch politisch überlagert: Die Schweiz stand unter dem Druck der Amerikaner wegen den jüdischen Flüchtlingen. Diese wurden zum Spielball: Die meisten unter ihnen wanderten dann aus nach Palästina.

Ethik und Moral stehen gleichsam im Fokus dieser Serie. Welchen Stellenwert haben Ethik und Moral in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft?

Sie kommen heutzutage im Gewand einer überhandnehmenden Doppelmoral daher. Im Sinne, dass Theorie und Praxis auseinanderklaffen. Das zeigt sich zum Beispiel in der Klimadebatte: Alle reden davon,aber die wenigsten verhalten sich wirklich danach, das Klima, die Umwelt wirklich konsequent schützen zu wollen. Auch die vehementesten Vertreter sind sich der Konsequenzen ihrer Forderungen nicht bewusst. Es gab auch ein grosses Geschrei wegen Libyen. Aber wer hat protestiert, als damals Afghanistan, Irak oder Libyen bombardiert wurden? Man schaue sich nur mal an, wie heute die Lage in Libyen ist: desolat. Die meisten fanden es toll, dass ein Diktator gestürzt wurde, aber keiner übernimmt heute die Verantwortung dafür, dass man dieses Land in die Steinzeit zurück gebombt hat. Politik missbraucht in meinen Augen zu oft Moral und Ethik als Feigenblatt für knallharte Geschäftemacherei.

Wie deuten Sie das Zeichen, dass heutzutage immer mehr historische Dramen verfilmt werden?

Das hat viel mit dem Geld zu tun: Denn historische Filme sind sehr teuer zu produzieren. Aber wie zum Beispiel die Serie «Babylon Berlin» beweist, wunderbare, prächtige Erlebnisse für den Zuschauer.

Geschichte kommt in Mode: Was sagt das über unsere Zeit aus?

Die heutige Realität sehe ich jeden Tag: Will ich nicht mal etwas anderes sehen? Ob die Sehnsucht nach der Vergangenheit unbedingt eine Flucht aus unserer Wirklichkeit bedeutet, bleibe dahingestellt. Wer weiss, ob nicht in dreissig Jahren Filme gedreht werden, die unsere heutige dramatische, einmalige Zeit mit dem Coronavirus zum Thema machen? Abgesehen davon dienen diese historischen Filme der Wissensvermittlung: Für die Jugendlichen heute ist es wahrscheinlich leichter, sich durch Filme mit der Geschichte zu beschäftigen als über das eher trockene Schulwissen.

Was macht für Sie selber den Reiz von historischen Serien aus?

Nur schon die Kleider! Man lernt daraus vieles, wie es damals zu- und herging. Heutzutage gilt in der Kleidermode «anything goes» – die Beliebigkeit nimmt überhand. Kleider drückten so etwas wie Würde aus – und das weltumspannend . Ob Asiaten in Malaysia oder Schwarze in Detroit in den 50er- und 60er-Jahren: Sie versuchten, sich gut und würdevoll zu kleiden – der Armut zum Trotz.

Sind die Themen Krieg und Frieden längst vergangen oder halten Sie es für möglich, dass sich unser Land und die Welt wieder in die Richtung eines Krieges bewegen könnten?

Herrscht in Nizza und Wien nicht bereit so etwas wie Krieg? In der ganzen Welt toben Kriege unentwegt. Natürlich hat die Schweizer Armee längst nicht mehr denselben Stellenwert wie noch vor siebzig Jahren: Die aktuelle Abstimmung über die Militärflugzeuge spricht Bände. Aber es scheint mir verwegen, zu behaupten, es herrsche Frieden auf der Welt.

Wohin bewegt sich die Welt?

Ich bin da leider nicht allzu optimistisch. Es fällt schwer, im eigenen Kopf klar zu werden in dieser Zeit. Ist es nicht einfach Wahnsinn, was derzeit abgeht mit diesem Coronavirus auf der ganzen Welt? Es herrscht eine ausgesprochene Hysterie rund um dieses Virus. Ich vermisse eine einordnende, vernünftige Stimme in den Medien, die stattdessen die Hysterie noch verstärken.

Zur Person
Oscar Sales Bingisser ist am 9. September 1958 in Einsiedeln geboren und aufgewachsen. Nach dem Besuch der üblichen Schulen, inklusive Gymnasium an der Stiftsschule des Klosters Einsiedeln mit Abschluss der Matura Typus A, ging es für drei Jahre weiter an die Schauspiel Akademie Zürich. Im Jahr 1982 folgte dann für dreieinhalb Jahre das erste Engagement am Schauspielhaus Zürich unter Gerd Heinz. Darauf kamen fünfunddreissig nie endende Jahre der Wanderschaft durch Dutzende von Theatern, Filmsets und Studios als Schauspieler und Regisseur. Dazwischen kurze Ausflüge ins Schreiben. Mit Vierzig noch in einem zweijährigen Nachdiplomstudium einen Master of Advanced Studies Cultural Management ergattert. Dazwischen hat Oscar Sales Bingisser geheiratet und ist Vater von zwei Töchtern geworden. Hinter Oscar Sales Bingisser liegen über fünfzig Inszenierungen als Regisseur, zwölf Eigenproduktionen als Produzent und mehr als achtzig Theaterproduktionen als Schauspieler. Über dreissig Film- und Fernsehauftritte, unzählige Bearbeitungen, ein Theaterstück und ein Buch. Oscar Sales Bingisser lebt in Einsiedeln.


Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Film

Publiziert am

06.11.2020

Webcode

schwyzkultur.ch/qASshP