Michael Kryenbühl (links) und Ivan Weiss bilden ein Dreamteam und arbeiten seit Jahren gemeinsam in ihrem Atelier in Luzern – oder auch schon mal in einem Pariser Park.
Michael Kryenbühl (links) und Ivan Weiss bilden ein Dreamteam und arbeiten seit Jahren gemeinsam in ihrem Atelier in Luzern – oder auch schon mal in einem Pariser Park.
Visueller Rückblick auf zehn Arbeitsjahre: Seit seinem Grafik-Studium gestaltet der 32-Jährige Plakate, Bücher, Websites und immer öfter auch digitale Medien.
Visueller Rückblick auf zehn Arbeitsjahre: Seit seinem Grafik-Studium gestaltet der 32-Jährige Plakate, Bücher, Websites und immer öfter auch digitale Medien.
Um computergeneriertem, animiertem Material einen wärmeren Look zu verpassen, wird auch mal der Bildschirm abgefilmt. Die Transformation ist eine wichtige Arbeitsweise für Michael Kryenbühl.
Um computergeneriertem, animiertem Material einen wärmeren Look zu verpassen, wird auch mal der Bildschirm abgefilmt. Die Transformation ist eine wichtige Arbeitsweise für Michael Kryenbühl.

Kunst & Design

Der Zufall hilft ihm, sich selbst zu überraschen

Selbstentwickelte Tools helfen ihm bei der Gestaltung seiner Werke, das Experimentieren ist sein liebstes Vorgehen. Michael Kryenbühl erklärt, warum seine Handschrift klar zu erkennen ist, obwohl er seine Arbeiten dem Zufall überlässt.

Sei es für die Theaterleute, die Offni Bühni oder die Jungwacht: Schon während Ihres Grafikstudiums gestalteten Sie Flyer und Plakate für Küssnachter. Wie betrachten Sie heute Ihre Werke von damals?
Michael Kryenbühl: Rückblickend bin ich froh, dass sie deutlich schlechter sind als meine heutigen Arbeiten (lacht). Es ist schön zu se-
hen, dass ich Fortschritte gemacht habe und dass sich mein eigener Stil weiterentwickelt hat.

Sicher waren diese praktischen Arbeiten auch eine gute Fingerübung …
Absolut. Offizielle Auftraggeber zu haben, war sehr wichtig, um Erfahrungen unter realen Bedingungen zu sammeln. Im Studium gibt man dir viel Zeit für den Entwurf. Nebenbei Aufträge von der Planung bis zur Produktion abzuwickeln war eine ideale Ergänzung. Ich hatte damals viel Energie und war motiviert, in Küssnacht, dem Umfeld in dem ich aktiv war, verschiedene Projekte anzupacken.
 
Seit diesen ersten Gehversuchen erhielten Sie, neben diversen anderen Auszeichnungen, schon zweimal den Swiss Design Award. Was bedeuteten diese prestigeträchtigen Awards für Ihre Karriere?
Generell sind solche Auszeichnungen, Werk- und Förderbeiträge wahnsinnig schön als Anerkennung von offizieller Stelle und verdeutlichen, dass die eigene Arbeit – zum Teil schweizweit – wahrgenommen wird. Insbesondere die Swiss Design Awards, die mein Partner Ivan Weiss und ich erhielten, haben uns gepusht. Den ersten erhielten wir für unsere Bachelorarbeit Akilandia ...


... ein Buch über den finnischen Regisseur Aki Kaurismaki, das Sie 2009 auf Einladung der Kulturkommission auch in der Alten Brennerei in Küssnacht ausstellten.
Richtig. Dieser erste Award, der für beide überraschend kam, hat uns viele Türen geöffnet und auch einen Atelieraufenthalt in New York ermöglicht. Dort konnten wir während sechs Monaten selbstständig arbeiten – was stark beeinflusst hat, was und wie wir es heute machen.

Und der zweite Swiss Design Award, der Ihnen in diesem Jahr verliehen wurde?
Auch der war sehr wichtig. Hätten wir nie wieder einen erhalten, müsste man glauben: Seit ihrer Abschlussarbeit vor sieben Jahren ist bei Johnson/Kingston nicht mehr viel passiert. Der zweite Award, den wir für den visuellen Auftritt des B-Sides Festival am Krienser Sunneberg erhielten, bestätigte: Der erste war kein Zufallstreffer.

Zufall bestimmt auch Ihre Arbeitsweise. Sie experimentieren mehr, als dass Sie gestalten.
Das stimmt so nicht ganz. Wir lassen den Zufall zu, um davon zu profitieren. Meistens bewegen wir uns in der Schnittstelle zwischen Gestaltung und Technik. Ivan und ich arbeiten oft mit Tools, die wir selber entwickeln und programmieren. Diese Techniken setzen wir ein, um neue Visualitäten zu erschaffen.

Wie funktioniert das konkret?
Wenn wir z.B. an einem Plakat arbeiten, produzieren wir mittels unterschiedlicher Techniken Rohmaterial, wobei Hunderte von Bildschirmfotos entstehen. Diese kombinieren wir miteinander und entwickeln interessante Dinge weiter, indem wir sie betrachten und uns fragen: Was funktioniert? Wo braucht es Kontrolle? Wo mehr Freiheit? Schrittweise ergibt sich aus der Fülle an Material eine Stossrichtung, die durch stetiges schauen, vergleichen und beurteilen Form annimmt.

Hunderte Bildschirmfotos …? Sie produzieren also mehrheitlich Güsel?
(lacht) Ich würde eher sagen: Wir produzieren sehr viel Material, das hinfällig wird, aber trotzdem relevant war. Das hat mit unserer Haltung zu tun: Wir setzen uns nicht hin und skizzieren auf einem Blatt, wie das Endprodukt aussehen soll. Die Arbeit läuft immer über das Material, also über die verschiedenen Versionen, die wir produzieren. In ihnen finden wir Hinweise, sehen «Ah, das wäre was» und gehen dann in diese – oftmals auch für uns überraschende – Richtung.

Durch Ihre Arbeiten zieht sich ein roter Faden. Kennt man eine, erkennt man alle – und das obwohl Sie dem Zufall so viel Raum überlassen. Wie lässt sich das erklären?
Auch wenn der Zufall und die Materialitäten, die wir verwenden, sehr Unterschiedliches zutage fördern, scheint tatsächlich eine Art Handschrift erkennbar zu sein, an der man sieht, dass die Arbeit von uns ist. Das mag an unserer Präzision und der Hartnäckigkeit liegen, mit der wir den Prozess verfolgen. Wir verwenden ja nicht, was zufällig entstand, sondern vielmehr den Zufall, den wir weiterentwickeln, bis das Ergebnis genau so aussieht, wie es unserem Gefühl nach aussehen muss.

Würde Ihnen das auch alleine gelingen oder braucht es dafür das Duo, das sie seit jeher mit Ivan Weiss bilden?
Anfang meines Studiums sah ich mich als Einzelkämpfer. Ich meinte, nur so die Kontrolle zu haben und alles so machen zu können, wie ich es mir vorstelle. Mittlerweile könnte ich mir nur schwer vorstellen, alleine zu arbeiten. Das merke ich spätestens, wenn Ivan in den Ferien ist. Oftmals hadere ich dann, weil ich alleine vor dem Projekt sitze und mich frage: «Soll ich besser so oder anders?». Über den Prozess reden und argumentieren kann man nicht mit sich allein. Im Duo aber verhandeln wir oft über das Wie und Warum, treiben uns gegenseitig an und leisten so viel mehr, als ein Einzelner könnte.

Mit einem x-beliebigen Partner wäre das aber nicht möglich …
Das stimmt. Es ist ein Glücksfall, dass wir schon im Studium unsere Herangehensweise teilten und sie in den vergangenen Jahren gemeinsam weiterentwickelten.  

Schon länger geben Sie und Weiss Workshops, seit Kurzem haben Sie auch eine ordentliche Professur an der HfG Karlsruhe. Was bringt Ihnen der Austausch mit den Grafikern von morgen?
Die 15 Studierenden, die wir alleine in Karlsruhe unterrichten, haben alle einen anderen Hintergrund und bringen komplett unterschiedliche Vorstellungen und Fertigkeiten mit. Diese Vielfalt motiviert uns, selber wieder neue Sachen auszuprobieren. Unsere Lehrtätigkeit zwingt Ivan und mich auch, uns damit auseinanderzusetzen, was aktuell läuft und vor allem: was laufen wird. Dadurch sind wir, im positiven Sinne, dazu genötigt, einen Schritt vorauszuschauen und zu antizipieren, wo es hingehen wird – was natürlich auch hilft, unsere eigenen Strategien zu erneuern und nicht stecken zu bleiben.

Apropos Zukunft: Für wen möchten Sie unbedingt einmal arbeiten?
(überlegt) Cool wäre, auf einem höheren Level das zu machen, was wir jetzt bereits tun. Also im Kunstbereich zu bleiben und Identitäten zu schaffen, dies allerdings für eine internationale Institution Veranstaltung wie die documenta in Kassel oder die Architektur- und Kunst-Biennale in Venedig. Solche riesigen Kisten bieten die Möglichkeit, über alle Medien hinweg zu arbeiten – ähnlich wie bei unserer prämierten Arbeit für das B-Sides Festival, wo wir neben einer experimentellen Website, dem Programmheft und den Plakaten auch Kino-Trailer, T-Shirts oder eine interaktive, fahrende Programmvorschau gestaltet haben.


Freier Schweizer / Simone Ulrich

Autor

SchwyzKulturPlus

Kategorie

  • Kunst & Design

Publiziert am

24.10.2017

Webcode

schwyzkultur.ch/YPJPi7