Doch, sie sind eher exzentrisch: Blind Butcher mit Christian Aregger aus Sempach und Roland Bucher aus Küssnacht. Bild Ralph Kuehne
Doch, sie sind eher exzentrisch: Blind Butcher mit Christian Aregger aus Sempach und Roland Bucher aus Küssnacht. Bild Ralph Kuehne

Musik

Sie beherrschen die grosse Kunst der Reduktion

Eingängig und energetisch: Die neue Scheibe von Blind Butcher sucht die Gerade zwischen Rock und Roll. Produziert hat Steve Albini in Chicago.

Diese Musik passt hervorragend in kleine Clubs, wo die Gläser klirren, die Hitze lärmt und der Sog des Rock ’n’ Roll die Körper zum Vibrieren bringt. Aber sie wird auch auf einer grösseren Festivalbühne ihren rohen Charme nicht verfehlen. Sie ist und bleibt ein spitzbübisches Monster, das dem Publikum mit todernstem Schalk die Kutteln putzt. Zwei Mann stark ist Blind Butcher: Gitarrist Christian Aregger alias Blind Banjo Aregger, ein hagerer Elektrisierer, und Schlagzeuger Roland Bucher alias Oklahoma Butcher, ein flinker Groover. Das reicht, um wieder einmal die Energie zu spüren, die in der Rockmusik verborgen ist, seit sie in den 1950er- Jahren aus der amerikanischen Fusion von schwarzem Rhythm ’n’ Blues und bleichgesichtigem Hillbilly ein Lebensgefühl generierte.

Dandelion und Grey Mole

Der eine ist in Sempach, der andere in Küssnacht am Rigi aufgewachsen. Getroffen haben sie sich in Luzern, wo sie schon vor Jahren begannen, gemeinsam Musik zu machen. Zunächst in der Band Dandelion, die eine einzige CD veröffentlichte und dann in den kalten Kellern verloren ging, bevor sie ihr Potenzial ausspielen konnte. Dann mit Grey Mole, die in der Rumpelkammer von Tom Waits den Americana- Noir-Soundtrack neu vertonten. Über die Grenzen hinaus schafften sie es als Bandmitglieder von Pierre Omer (ex Dead Brother), der in halb Europa seine Fans hat. Im Duo hatten Blind Aregger und Oklahoma Bucher schon länger ihr freundliches Unwesen getrieben, bevor sie zu Blind Butcher wurden. Wo immer sie spielten, vornehmlich in Spelunken und andern einschlägigen Clubs und Lokalen, haben sie blitzartig neue Fans gewonnen. Wir kennen Leute, die seit Jahren kaum mehr in den Ausgang gehen. Aber wenn Blind Butcher angesagt sind, stehen sie da, das Glas Bier in der Hand, und fühlen sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Session in Chicago

Die Substanz dieses Live-Erlebnisses haben Blind Butcher jetzt mit «Albino» schlank und rank eingefangen. «Wir wollten nicht an einer aufwendig produzierten Studioplatte herumtüfteln, sondern auf den Punkt bringen, wie wir zurzeit klingen», erklären die beiden. In dieser Hinsicht war die Wahl des Yindie-«Star-Produzenten» Steve Albini goldrichtig. Aregger: «Er überlässt den Bands die musikalischen Entscheidungen und konzentriert sich stattdessen auf die Aufnahme. Für uns war das ideal.» Die Session ging reibungslos über die Bühne. Von den sieben gebuchten Tagen wurden lediglich sechs Tage benötigt, sodass sich die beiden am Ende fragten, ob sie vielleicht nicht was falsch gemacht hätten. Dabei waren sie schlicht tadellos gut vorbereitet, um nicht im Studio noch gross neue Ideen entwerfen zu müssen. Bucher: «Wir haben alles live auf Bandmaschine eingespielt und praktisch nichts mehr korrigiert.» Der Ausflug nach Chicago ins Electrical Audio Studio von Albini wurde möglich, weil Blind Butcher 2012 die Luzerner Musikförderung Tankstelle gewonnen hatten. Als Preis winkte die Möglichkeit, mit einem Produzenten eine CD aufzunehmen. Irgendwann fiel der Name von Steve Albini. Warum nicht, sagten sich die beiden, als sie sich näher erkundigten. Immerhin hatte Albini eine Lieblingsband von ihnen produziert – das Album «In Utero» von Nirvana. Auch mit den Pixies oder PJ Harvey hat er gearbeitet und als Mitglied der Band Shellac selber Rockgeschichte der härteren Fraktion geschrieben.

Rock und Nuancen

Die elf Songs von «Albino» sind unerhört eingängig und leben immer wieder von einprägsamen Nuancen: ein querschlägerndes Gitarrenriff, ein motorischer Groove, ein simpler Harmoniewechsel, ein wummerndes Bassquantum ab Pedal, klickende Drumstöcke, ein irisierendes Gitarrensoli. Sound, Artikulation und Energie dieser Gitarre künden vom Rockgeist der Endsechziger- Jahre, ohne dass hier einer zitieren oder reproduzieren würde. Dass Aregger gerne The Thirteenth Floor Elevators, The Stooges, The Kinks oder 60’s Garagen Punk hört, passt in diese Kurve, ist aber eher Zufall. Er hat auch ein Ohr für Wavebands wie Wire und Joy Division

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

29.01.2014

Webcode

schwyzkultur.ch/wkVMus