Dies & Das
Kulturbeauftragte Reichlin: «Derzeit beschäftigt mich vor allem die Gesuchsflut»
Seit Anfang Jahr ist die Schwyzerin Raphaela Reichlin neue Kulturbeauftragte des Kantons Schwyz. Die bald 37-Jährige hat sich mittlerweile eingearbeitet und sagt, dass die Rekordanzahl an Fördergesuchen eine Herausforderung sei. Reichlin setzt auf einen intensiven Austausch mit der Kulturszene und möchte die Talentförderung sichtbarer machen.
Mit der Schwyzer Kulturbeauftragten Raphaela Reichlin, die nun 100 Tage im Amt ist, hat sich Christoph Clavadetscher unterhalten.
Christoph Clavadetscher: Haben Sie schon Gäuerlen gelernt?
Raphaela Reichlin: (Lacht) Noch nicht. Aber abgeneigt wäre ich keinesfalls. Ich finde es immer sehr spannend, Neues auszuprobieren.
Die Frage deshalb, weil die Volkskultur im Kanton Schwyz einen hohen Stellenwert hat. Als versierte Geigerin und Pianistin dürfte Ihre kulturelle Heimat aber eher die klassische Musik, also elitäre Kultur, sein. Gibt es da einen Graben, den Sie als neue Kulturbeauftragte des Kantons noch überwinden müssen?
Nein, das Gefühl habe ich nicht. Für mich ist es selbstverständlich, mit Offenheit auf alle Musikstilrichtungen und Ausdrucksformen zuzugehen. Ich bin in Schwyz aufgewachsen – die traditionelle Schwyzer Volkskultur war für mich immer präsent. Beispielsweise mit dem Chlefelen. Zudem hat mein Grossvater in verschiedenen Ländlerformationen Handorgel gespielt. Etwas, was übrigens auch auf meiner Bucketlist steht. Da steht mittlerweile schon ganz schön viel Kulturelles drauf.
Was denn noch?
Auch auf einer mächtigen Kirchenorgel zu spielen, ist ein lang gehegter Traum. Oder Gesangs- und Gitarrenstunden zu nehmen. Und jetzt muss ich die Liste wohl auch noch um das Gäuerlen erweitern.
Können Sie kurz beschreiben: Was ist für Sie Schwyzer Kultur?
Für mich ist Schwyzer Kultur gelebter Alltag. Kultur ist kein Luxusgut und schon gar nicht elitär. Sie entsteht dort, wo Menschen zusammenkommen: am Stammtisch, auf dem Dorfplatz, in der Natur. Gerade die Schwyzer Kultur hat für mich eine beeindruckende Vielfalt und eine starke Eigenständigkeit. Sie lebt von engagierten, mutigen und innovativen Kulturschaffenden, die Traditionen weitertragen und gleichzeitig Neues wagen. Diese Mischung macht die Schwyzer Kultur einzigartig: bodenständig und offen, verwurzelt und gleichzeitig überraschend modern.
Seit Anfang Jahr sind Sie kantonale Kulturbeauftragte. Was sind Ihre Aufgaben?
Eine meiner Hauptaufgaben ist das Führen der Geschäftsstelle der Kulturkommission – dort laufen die Fäden der kantonalen Kulturförderung zusammen. Ich prüfe Gesuche, bereite Entscheide vor und versuche, den Überblick über die Förderstrategie zu behalten, bevor alles der Kommission zur Beurteilung vorgelegt wird.
Und weiter?
Gleichzeitig ist mir der Austausch mit Institutionen und Kulturschaffenden aus dem ganzen Kanton wichtig, quer durch alle Sparten, die wir unterstützen. Zusätzlich verantworte ich die «Schwyzer Hefte» und das Kulturmagazin «Szene», koordiniere das Kunstankaufsgremium und betreue die kantonale Kunstsammlung. Auch die Organisation von Atelierstipendien sowie die Mitwirkung bei Kulturpreisen gehören zu meinem Aufgabenbereich. Die Vergabe von Werkbeiträgen, Literatur- und Verlagsförderung et cetera – es gibt sehr vieles, was zu meinem Aufgabenbereich gehört, langweilig wird mir sicher nicht so schnell.
Wieso haben Sie Ihre bestimmt spannende Aufgabe bei SRF aufgegeben und sich auf diese Stelle beworben?
Ich habe das Stelleninserat gelesen und sofort gedacht: Wow – das ist ja genau mein Ding. Diese Aufgabe vereint alles, was mich beruflich geprägt hat und was ich privat mit Leidenschaft lebe: meine kulturellen Wurzeln und meine musikalische Laufbahn im Kanton Schwyz, meine Erfahrung im Journalismus und in der redaktionellen Arbeit, meine Freude an Vernetzung und Vermittlung – und sogar das präzise, strukturierte Arbeiten, das ich mir in der Juristerei angeeignet habe.
Und Sie sind zurück in Schwyz.
Ja. Diese Stelle bedeutet ein Stück Heimkommen: «Back to the roots», zurück nach Schwyz, an einen traditionsreichen Arbeitsort beim Bundesbriefmuseum – direkt neben der Musikschule, wo ich meine ersten musikalischen Schritte gemacht habe. Sogar das Herrengass-Schulhaus liegt gleich daneben, wo ich damals in die Primarschule ging. Ich glaube, es passt wirklich, zu sagen, der Kreis schliesst sich.
Haben Sie sich gut eingearbeitet?
Auch wenn nun die ersten 100 Tage vorbei sind, bin ich natürlich immer noch dran. Es ist ein Prozess, aber die Arbeit macht Spass. Insbesondere auch die Begegnungen mit vielen spannenden Kulturschaffenden.
Mit welcher To-do-Liste sind Sie angetreten?
Ich bin ohne eine fixe To‑do-Liste gestartet. Mir war und ist wichtig, zuerst die bestehenden Abläufe wirklich gut kennenzulernen und zu verstehen, was hier schon funktioniert – und das tut es in vielen Bereichen sehr gut. Am Anfang stand für mich deshalb vor allem eines im Fokus: eintauchen, zuhören, beobachten und lernen. Oder wie ich gerne sage: eintauchen und schwimmen lernen.
Welche Themen beschäftigen Sie zurzeit am meisten?
Derzeit beschäftigt mich vor allem die Gesuchsflut. Anfang April hatten wir unsere zweite Kulturkommissionssitzung – mit 62 Gesuchen auf dem Tisch. Wie ich mir sagen liess, war das ein neuer Rekord. Das bedeutet natürlich viel Arbeit, aber es zeigt auch etwas sehr Schönes: Unsere Kulturschaffenden sind unglaublich aktiv. Es bestätigt, dass unser Kulturplatz lebendig ist und viel Potenzial hat.
Sehen Sie diesbezüglich schon Verbesserungspotenzial?
Natürlich sehe ich auch Punkte, die man mit der Zeit weiterentwickeln kann. Gerade im digitalen Bereich passiert viel, und es ist schön, zu sehen, dass der Kanton hier bereits Schritte macht – etwa mit digitalen Schaltern, die Prozesse vereinfachen und uns entlasten, gerade weil die Anzahl der Gesuche stetig steigt. Für grosse Zielansagen ist es im Moment aber noch zu früh.
Wollen Sie die Schaffung eines Kulturgesetzes initiieren? Schwyz hat im Gegensatz zu vielen anderen Kantonen ja keines.
Das stimmt. Ob ein Kulturgesetz geschaffen wird, ist letztlich eine politische Frage. Wenn der Wunsch in der Bevölkerung oder in der Politik gross ist, kann dieser Prozess angestossen und auf politischem Weg vorangetrieben werden.
Braucht Schwyz denn ein Kulturgesetz?
Es liegt nicht an mir, das zu beurteilen. Es gibt in jedem Fall Vor- und Nachteile, die man sorgfältig abwägen muss. Als Juristin sehe ich natürlich den Vorteil einer klaren gesetzlichen Verankerung – sie schafft Transparenz und eine solide Legitimationsgrundlage für die Kulturförderung. Gleichzeitig kann eine stärkere Reglementierung auch Handlungsspielräume einengen, das darf man nicht vergessen. Unabhängig davon denke ich, dass wir im Moment wirklich gut aufgestellt sind. Nicht zuletzt, weil wir auf das neue Jahr hin zusätzliche finanzielle Mittel aus dem Lotteriefonds erhalten haben.
Was würde überhaupt in einem Kulturgesetz drinstehen?
Ein Kulturgesetz würde grundsätzlich festhalten, warum, wie und mit welchen Mitteln ein Kanton Kultur fördert. Die inhaltlichen Leitlinien, die ein solches Gesetz regeln würde, sind im Kanton Schwyz heute bereits in der kantonalen Kulturförderstrategie definiert. Mit anderen Worten: Die Themen, die ein Gesetz abdecken könnte, sind bei uns bereits strategisch verankert – einfach nicht in Form eines formellen Kulturgesetzes.
Wie viel Geld gibt denn der Kanton für die Kulturförderung pro Jahr aus?
Der Kanton Schwyz finanziert die Kulturförderung ausschliesslich über den Lotteriefonds – seit 2026 stehen dafür neu 2 Millionen Franken pro Jahr zur Verfügung. Da wir kein Kulturgesetz haben, fliessen keine Steuergelder aus dem ordentlichen Staatshaushalt direkt in die Kulturförderung.
Genau dieser Punkt sorgt aber oft für Diskussionen.
Ja, das ist so. Kultur soll gesetzlich legitimiert und damit auch im ordentlichen Budget verankert sein. Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, ob mit einem Kulturgesetz tatsächlich mehr Mittel zur Verfügung stünden – oder ob der finanzielle Spielraum dann nicht allenfalls enger würde.
Wie hat sich die Kulturförderung entwickelt?
Da müssten Sie eigentlich meinen Vorgänger Franz‑Xaver Risi fragen, der dieses Amt während 15 Jahren geprägt hat (lacht) . Was ich sagen kann: Die Kulturförderung wurde stets über den Lotteriefonds finanziert, und dieser Beitrag ist in den letzten 15 Jahren kontinuierlich gewachsen – von 700’000 Franken im Jahr 2010 bis hin zu den heutigen 2 Millionen Franken. Diese Entwicklung zeigt deutlich, dass der Kanton die Kulturförderung ernst nimmt und sie Schritt für Schritt mitwachsen lässt.
Wer bekommt diese Gelder?
Die Gelder gehen an Kulturschaffende und Kulturinstitutionen aus dem Kanton Schwyz, die meist auf Gesuchsbasis Projekte einreichen. Unterstützt werden ganz unterschiedliche Bereiche: Projektbeiträge, Werkbeiträge, Atelierstipendien, Kulturpreise oder auch Veranstaltungen und Vermittlungsformate.
Finden Sie, dass der Kanton Schwyz mehr Geld in die Kulturförderung investieren müsste?
Ich glaube, mit der Erhöhung auf dieses Jahr hin sind wir im Moment gut aufgestellt.
Werden so auch die Talente genügend gefördert?
Die Talentförderung ist im Kanton Schwyz bereits heute gut verankert. Auf Gesuchsbasis fliesst viel in die Nachwuchsförderung, und wir unterstützen junge Kulturschaffende mit Atelierstipendien, Werkbeiträgen und Kulturpreisen. Aber die Talent- und auch die Jugendförderung könnten noch stärker ausgebaut und vor allem sichtbarer gemacht werden. Denn der Nachwuchs ist entscheidend für einen lebendigen Kulturplatz.
Alle paar Jahre ploppt die Forderung nach einem Schwyzer Kulturhaus wieder auf. Braucht es ein kantonales Kulturzentrum, Theater oder Kunsthaus?
Hier bewegen wir uns nun in einem Bereich, in dem die Leitplanken sehr klar sind. Der Kanton macht keine Infrastrukturförderung – die Kulturförderung ist projektbezogen und folgt dem Grundsatz der subjekt‑ statt objektbezogenen Unterstützung –, dies wurde von der Regierung so festgelegt. Auf dieser Grundlage ist die Schaffung eines kantonalen Kulturzentrums, eines Theaters oder Kunsthauses durch den Kanton nicht vorgesehen.
Aber es braucht Räume für Kultur.
Durchaus. Doch gefragt sind vielmehr gute Veranstaltungs‑ und Kulturräume vor Ort, die den Bedürfnissen der Vereine und Kulturschaffenden entsprechen. Im Sinne der Kulturförderung setzen wir auf Leistungsvereinbarungen mit bestehenden Institutionen, die bereits heute wichtige kulturelle Aufgaben übernehmen. So stärken wir das, was schon gut funktioniert – und zwar dort, wo die Menschen sind.
Dieses Wochenende findet das Kulturwochenende statt. Wieso ist dieser Anlass wichtig?
Das Kulturwochenende ist wichtig, weil es die Vielfalt im Kanton sichtbar macht und Menschen zusammenbringt. Viele Kulturschaffende öffnen ihre Türen, zeigen ihre Arbeit und kommen direkt mit dem Publikum in Kontakt. Diese Nähe schafft Verständnis, Wertschätzung und oft auch neue Impulse – für die Szene und für die Bevölkerung.
Wie haben Sie als Kind Zugang zur Kultur gefunden?
In meiner Familie wurde viel musiziert: Meine sechseinhalb Jahre ältere Schwester spielte Klavier und Geige, mein drei Jahre älterer Bruder Cello und Klarinette. Mein Grossvater war mit seiner Handorgel in verschiedenen Ländlerformationen unterwegs, und mein Onkel spielte Klarinette, Saxofon und Kontrabass – in einer Ländlerkapelle, aber auch in seiner eigenen Dixieland-Band. Als ich in den Kindergarten kam, war für mich völlig klar, dass ich Geige lernen wollte. Noch davor hatte mir meine Schwester zu Hause das Blockflötenspiel beigebracht. Ab der 2. Klasse durfte ich dann zum Klavierunterricht. Und tatsächlich hatten wir eine Zeit lang sogar ein kleines, familieninternes Klaviertrio.
Und später?
Später habe ich meinen eigenen Weg gefunden und in ganz unterschiedlichen Formationen und Orchestern gespielt: vom Jugendorchester Schwyz über das Kollegi-Orchester, die Ministrings Luzern, das Mythen-Quartett und das Duo Hanna-Raphaela bis hin zu vielen weiteren Projekten im Kanton Schwyz. Während meines Studiums durfte ich dann im Akademischen Orchester Zürich mitwirken. Wenn ich heute darauf zurückblicke, merke ich, wie vielfältig all diese musikalischen Erfahrungen waren – und wie stark sie mich geprägt und begleitet haben.
Wieso haben Sie dann als so musischer Mensch Jus studiert?
Als ich mit 19 Jahren die Matura abgeschlossen hatte, war für mich noch nicht klar, wohin die Reise gehen soll. Musik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens, aber beruflich wollte ich mir alle Möglichkeiten offenhalten. Jus erschien mir damals als ein Studium, das eine breite Palette an Wegen eröffnet. Ich dachte: Wenn ich mich in diesem Feld bewege, werde ich meine Nische schon finden.
Zuerst haben Sie auch auf dem Beruf gearbeitet, dann aber in den Journalismus gewechselt. Warum?
Ich glaube, das liegt daran, dass ich vielseitig interessiert bin. Medien haben mich auch schon immer fasziniert – das Weltgeschehen, die Hintergründe und deren Bedeutung. Im Journalismus hat mich dann vor allem eines gepackt: das bewegte Bild. Mit der Kamera konnte ich Menschen nah begleiten und ihre Geschichten sichtbar machen.
Werdegang
Raphaela Reichlin ist in Schwyz aufgewachsen, hat die Kantonsschule Kollegium Schwyz besucht und danach in Zürich Jus studiert. Später absolvierte sie die Diplomausbildung Journalismus am Schweizer Institut für Journalismus und Kommunikation MAZ in Luzern und arbeitete zunächst für das Zentralschweizer Fernsehen Tele 1 und als freie Mitarbeiterin für den «Boten der Urschweiz», ehe sie beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF für verschiedene Formate – mehrheitlich als Videojournalistin – tätig war. Reichlin spielt Geige und Klavier und ist Mitgründerin des Vereins Kulturschock Schwyz, der klassische Musik auf unkonventionelle Art erlebbar macht.
Bote der Urschweiz / Christoph Clavadetscher
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Bote der Urschweiz
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