Gisela Fölmi (2.v.l.), Arno Del Curto (3.v.l.), Blanca Imboden (4.v.l.) und Johnny Fischer (3.v.r.) berichteten an der Lesetour über ihre Lebensgeschichten und ihre Bücher. Bild Geraldine Hug
Gisela Fölmi (2.v.l.), Arno Del Curto (3.v.l.), Blanca Imboden (4.v.l.) und Johnny Fischer (3.v.r.) berichteten an der Lesetour über ihre Lebensgeschichten und ihre Bücher. Bild Geraldine Hug

Literatur

Geschichten, die das Leben schreibt

An der diesjährigen Lesetour des Wörterseh-Verlags im Marina Lachen erzählten Gisela Föllmi, Arno Del Curto, Blanca Imboden und Jonny Fischer von ihren Büchern und ihren Lebensgeschichten. Die Moderatoren Daniel Dunkel und Frank Baumann sowie die Zuhörerschaft erwartete ein Abend voller berührender Momente, Lacher, Emotion und Inspiration.

Gisela Föllmi trägt zwei verschiedenfarbige Schuhe – ein Symbol der zwei Seelen in ihrer Brust. Einerseits das traumatisierte Kind, das an den Geschehnissen der Vergangenheit beinahe zerbrach, und andererseits die heutige Gisela, die sich dazu entschieden hat, ihre Vergangenheit loszulassen und glücklich zu sein. In ihrem Buch «Das Schweigen brechen – wie ich lernte, das Unsagbare in Worte zu fassen», verarbeitet die heute 58-Jährige ihre bewegende Lebensgeschichte. Am Samstag sprach sie neben drei anderen Autoren an der Lesetour des Wörterseh-Verlags offen über die Erlebnisse der Vergangenheit und wie es ihr heute geht.

Schlimme Erlebnisse verarbeiten


Als junges Mädchen wurde Gisela Föllmi jahrelang von ihrem Stiefvater und ihrer Mutter sexuell misshandelt und als Sexobjekt an andere verkauft. Die Beziehung war geprägt von Missbrauch: «Als ich drei Jahre alt war, hat mein Stiefvater mich fast totgewürgt, mit vier hat er mir als Bestrafung die Fusssohlen mit Zigaretten verbrannt», erzählt die 58-Jährige einige Details aus ihrer Kindheit. «Was Missbrauch mit der Seele eines Kindes anstellt und wie sehr Betroffene psychisch durch die Hölle gehen, davon erfährt man als Aussenstehender meist sehr wenig», meint Daniel Dunkel, Chefredaktor der «Schweizer Familie» – er moderierte mit Frank Baumann – in seiner Anmoderation. Gisela Föllmi habe sich dazu entschlossen, dieses Schweigen zu brechen und der Öffentlichkeit zu erzählen, was ihr als junges Mädchen widerfuhr, um so anderen Opfern eine Stimme zu geben. Die Vorkommnisse liegen viele Jahre zurück. Doch erst heute kann sie darüber sprechen. «Die Psyche hat Fähigkeiten, schlimme Erlebnisse, die einem geschehen, abzuspalten, zu verdrängen. Ich konnte mich erst seit zwei Jahren an die ganze Bandbreite erinnern», erzählt sie dem Publikum der Lesetour im Marina Lachen. «Ich wusste nicht, was wirklich passiert war. Ich wusste nur, dass ich dauernd geschlagen wurde. Doch ich konnte mich bis vor einigen Jahren nicht mehr an den sexuellen Missbrauch erinnern.» Nach aussen hin habe sie ein normales Leben geführt, was aber nur eine Fassade gewesen sei. «Ich habe das Leben nicht ertragen. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Gefühlen, von denen ich gar nicht verstand, woher sie überhaupt kamen.» Dies endete mit zwei Suizidversuchen, bis sich Gisela dann entschied, ihr Leid hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. «Mir war klar: So, wie mein Leben jetzt ist, will ich es nicht führen. Aber ich gab mir ein Jahr Zeit, etwas zu verändern. Ich entschied, zu leben und glücklich sein zu wollen.» Im Rahmen der Therapie begann sie, sich an die Geschehnisse zu erinnern. «Von da an war klar: Jetzt ist das Mass voll. Ich will es erzählen. Ich will, dass das herauskommt.»

Ein Mann voller Leidenschaft


Von Giselas bewegender Lebensgeschichte führte Daniel Dunkel elegant zur Schweizer Eishockey-Legende Arno Del Curto und seinem Buch «Mit Köpfchen durch die Wand». «Er ist eine Kultfigur, die mit ihrer Leidenschaft und Mut zu unkonventionellen Strategien Eishockeygeschichte schrieb.» Angefangen als Rebell und KV-Lehrling in St. Moritz, der nicht in die Bankenwelt passte, bis hin zur Trainerlegende erlebte Del Curto so einiges in seinem Leben. Auf die Frage, was gute Führung ausmacht, antwortet er überzeugt: «Führung ist Leidenschaft, Empathie, soziale und emotionale Intelligenz, Fachwissen und eine grossartige Werteskala, die man einhält. Man muss die Menschen lieben, dann gehen sie für einen durchs Feuer.» Doch auch eine Prise Humor und Unkonventionalität durfte niemals fehlen. Wie damals, als er seine Tochter dazu anstiftete, mit Mayonnaise und Ketchup aus dem McDonald’s die Türklinken des Luxuswagens einer Frau, die ihm den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte, zu beschmieren. «Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich würde es bis heute wieder so machen», erzählte er verschmitzt. Auf jeden Fall wollte Del Curto, der jeden Tag in der Aare baden geht und sich danach «oberaffengeil» fühlt, stets ein Vorbild für sein Team sein. Und so kam es, dass er in einer hitzigen Diskussion einmal meinte, er würde der Mannschaft in sechs Wochen eine Klaviersonate vorspielen. Gesagt, getan, und so spielte die Eishockeylegende seinem Team nach sechs Wochen Intensivkurs und stundenlangem Üben den ersten Teil der Mondscheinsonate von Beethoven vor. Und was ist nun, wo der Ex-HCD-Coach seine Trillerpfeife an den Nagel gehängt hat? «Ich habe bereits spannende, neue Projekte», verrät er. Er werde sich in den Aufbau des neuen Posthotels in Arosa vertiefen, welches bei einem Brand im Dezember 2016 zerstört worden ist. «Ich will frisch im Kopf bleiben und im Leben eine Menge Dinge lernen.»

Ganz den Bergen verschrieben


Frisch im Kopf bleibt auch Blanca Imboden, die mit ihrem neuen Buch «Rigi – ein fröhlicher Roman über traurige Menschen» in die wunderschöne Bergwelt des Schweizer Kultbergs eintaucht. Darin verarbeitet sie den Tod ihres Lebenspartners, der 2018 verschied. «Ich hatte extrem Mühe, mit dieser Trauer umzugehen.» Doch nach einem Jahr habe sie ihren jetzigen Lebenspartner kennengelernt, der mit seinem sonnigen Gemüt wieder Freude in ihr Leben brachte. Für das Schreiben des Buches sei sie von den Rigibahnen im Rahmen ihres 150-Jahre-Jubiläums eingeladen worden, einen Monat auf der Königin der Berge zu verbringen. «Ich erlebte unglaublich tolle Dinge auf der Rigi», schwärmt die Autorin, die bereits über 150 000 Bücher verkaufte. Von Neun-Gänge-Menüs aus rein auf der Rigi produzierten Gaumenfreuden inklusive getrockneten Lammhoden über tolle Wanderungen bis hin zu Ferdi Camenzind, der seinen Keller in eine Grotte mit prachtvollen Mosaiken verwandelte, habe die Rigi ihr viele tolle Stunden beschert. Ihr nächstes Buch sei in St. Moritz geplant, und eine Kolumne stehe in den Startlöchern, berichtet sie von zukünftigen Projekten.

Nicht zum Lachen zumute


Auch der Divertimento-Star Jonny Fischer konnte beim Schreiben seines Buches «Ich bin auch Jonathan» vieles verarbeiten. Aufgewachsen in einem radikal religiösen Umfeld einer Sekte, die strengstens nach dem Alten Testament zu leben pflegte, erzählte er, wie sehr ihn dieses Leben prägte. Morgens aus der Bibel lesen, mittags psalmen und sich täglich für die getätigten «Sünden» entschuldigen: «Uns wurde beigebracht, dass wir als Mensch und alles was wir taten, schlecht sei.» Mit 15 fasste er dann seinen Mut zusammen und kehrte der Sekte den Rücken zu, im Wissen, dass er damit seine Freunde und Familie hinter sich liess. «Das war das erste Mal, wo ich richtig zu mir stand.» Nach einer Phase der Rebellion fand der heute 42-Jährige im Lehrerseminar einen Neuanfang, doch seine Vergangenheit verfolgte ihn weiter. «Wenn man kein Selbstwertgefühl hat, lebt man nur für das Aussen. Man gibt sich unheimlich Mühe, dass die Leute einen gerne haben, dass man genügt, dass jeder ausser man selbst glücklich ist. Man stellt sich selbst immer hinten an.» Und so sei er selbst während Divertimento nie wirklich glücklich gewesen. «Für mich fühlte es sich an, als würde ich mich für die Leute auskotzen, während diese von mir erwarteten, der glücklichste Mensch zu sein», erzählte Jonny. Die kleinsten Dinge, wie wenn jemand ein Foto ohne ihn haben wollte, hätten ihn zutiefst erschüttert. Kaum hatte er auf der Bühne tolle Sprüche gerissen, war er zuhause einsam und traurig. Als er dann merkte, dass er schwul sei, habe er sich erneut als Teil einer Randgruppe und als Aussenseiter gefühlt und sich zehn Jahre lange nicht eingestehen wollen, wirklich Männer zu lieben.

«Buch war meine Rettung»


Er begann zu trinken, um sich zu beruhigen, bis er sich 2012 in eine Klinik in Süddeutschland begab, wo er mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit begann. Es folgte die Versöhnung mit sich selbst, seinem Bühnenpartner Manuel Burkart und das Schreiben seines Buches. «Das Buch war die Rettung von Divertimento und für mich wie eine Therapie, während der ich mich mit meiner Geschichte versöhnen konnte.» Was ihn besonders freue, sei das positive Feedback zum Buch. «Es gibt so viele Schweizer, die genau das auch machen, was ich jahrelang tat: Für das Aussen leben, jede Entscheidung aus Angst treffen, was die anderen denken, statt das zu tun, was für mich richtig ist.» Heute übe er bewusst, sich selbst in den Vordergrund zu stellen und riet dem Publikum zum Abschluss, sich einen Monat lang jeden Morgen als erstes nackt vor den Spiegel zu stellen und sich anzulächeln. «Das macht etwas mit einem. Man lernt, sich voll anzunehmen und startet den Tag mit einem Lachen für sich selbst.»

Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Geraldine Hug

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

24.01.2022

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