Giovanni Bria, der Gründer des «Musiksommers am Zürichsee» dirigiert seit 20 Jahren immer am Abschlusskonzert in Lachen ein Werk von Joachim Raff.
Giovanni Bria, der Gründer des «Musiksommers am Zürichsee» dirigiert seit 20 Jahren immer am Abschlusskonzert in Lachen ein Werk von Joachim Raff.
 Graziella Contratto dirigierte Camerata Schweiz am Samstag in der Lachner Pfarrkirche bei den Werken von Liszt. Pavel Yeletskiy konnte für den Klavierpart gewonnen werden.  Bilder zvg
Graziella Contratto dirigierte Camerata Schweiz am Samstag in der Lachner Pfarrkirche bei den Werken von Liszt. Pavel Yeletskiy konnte für den Klavierpart gewonnen werden. Bilder zvg

Musik

Lenores Fiebertraum in Lachen

Im herbstlichen Ausklang des «Musiksommers am Zürichsee» hoben Graziella Contratto und Giovanni Bria unheimliche und schwermütige Seiten der beiden Weggefährten Franz Liszt und Joachim Raff hervor.

Eine schwarze Trauergondel inspirierte Franz Liszt zu «La Lugubre Gondola », einem späten Klavierstück von höchster Schwermut, das der zeitgenössische amerikanische Komponist John Adams nicht unpassend in eine orchestrale Wagner-Studie mit modernen Schattierungen verwandelt hat. Bleich, fahl klingt das Stück, dessen Spannungsbogen Graziella Contratto auf bewundernswerte Weise aufrecht erhält, am Schluss aus.


Das ein Vierteljahrhundert zuvor entstandene zweite Klavierkonzert zeigt den Komponisten von einer anderen Seite – als Experimentator, der als grösster Pianist seines Jahrhunderts versuchte, virtuose Musik mit durch und durch poetischem, künstlerischem Anspruch zu verknüpfen. Pavel Yeletskiy riss das wegen Gewa-Konkurrenz etwas spärlicher als sonst ausgefallene Publikum mit seinem perlenden Spiel zu stehenden Ovationen hin.


Mit «Au Lac de Wallenstadt» aus Liszts «Années de Pèlerinage» wählte der bescheiden, fast schüchtern wirkende Pianist aus Russland eine Zugabe, die den Bogen sowohl zurück zur Trauergondel, als auch zur Einleitung von Res Marty, dem Präsidenten der Joachim-Raff-Gesellschaft, spannte: Als Franz Liszt 1835 vom Walensee aus nach Richterswil reiste, muss er an Lachen, am Heimatort eines jungen, oft in der katholischen Kirche orgelnden Lehrerssohnes vorbeigekommen sein, dessen Lebensweg er später schicksalsträchtig beeinflussen wird: Joachim Raff.


Vorgezogener Halloween-Spuk


Seit zwanzig Jahren dirigiert Giovanni Bria, der Gründer des «Musiksommers am Zürichsee», im Abschlusskonzert in der Lachner Kirche ein grösseres Orchesterwerk Raffs. Um dieses Jubiläum angemessen zu begehen, fiel die Wahl auf die gewichtige «Lenore», dessen fünfte Symphonie, neben «Im Walde», sein erfolgreichstes Orchesterwerk. Mit instrumentalen Mitteln erzählt Raff G. A. Bürgers gleichnamige Schauerballade, in der die Titelheldin von ihrem gefallenen Liebhaber auf einem tödlich endenden nächtlichen Fieberritt entführt wird, in beeindruckender Detailgetreue nach.


Er habe die Musiker genaustens über die Vorlage und Raffs Umsetzung informiert, berichtet Giovanni Bria nach dem Konzert.Sofort habe sich das Orchester packen lassen und die Atmosphäre dieser Erzählung,die durch alle Gefühlshöhen und -tiefen führt, genau nach seinen Intentionen umgesetzt. Während der eingängige Marsch manchen Hörer noch im Schlaf verfolgt haben dürfte, steigert sich das Finale in einen veritablen Fiebertraum. Nach Pferdegetrappel und -wiehern, einem gespenstischen Choral und einem rasanten Todesritt erlösten verklärende Schlussklänge das Publikum, das auf der Kante der Kirchbänke sass. Über die ungeduldigen, für Halloween vermummten Gestalten auf den Strassen verwunderte man sich nach diesem Gruselerlebnis nicht mehr.


Graziella Contratto dirigierte Camerata Schweiz am Samstag in der Lachner Pfarrkirche bei den Werken von Liszt. Pavel Yeletskiy konnte für den Klavierpart gewonnen werden.


Höfner Volksblatt & March Anzeiger / Severin Kolb

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

30.10.2017

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schwyzkultur.ch/xEQK9A