Musik

Schwebezustände mit Seeblick

Mit einem gänzlich Joachim Raff gewidmeten Klavierrezital begeisterte die Pianistin Allegra Ciancio am Sonntagabend vor der Lachner Seekulisse.

Vor den Augen des Publikums, das sich in den Seminarräumen des Hotels Marina eingefunden hat-te, tat sich ein spektakulärer Blick auf den verhangenen Zürichsee auf – Breitbild-Kino. Bald richtete sich der Fokus natürlich auf den Hörsinn – und auf eine Pianistin, die ebendiesen kitzelte. Raffs Salonstücke sind abwechslungsreich – einige dem Tonfall nach eher romantisch-intim, andere pastoral. Bisweilen pirscht sich auch eine zupackende bis abgründige Passage an – Raff malte eben mit allen Farben der damaligen Palette. Man merkt diesen Werken an, dass sich der in Lachen geborene Komponist ebenso von der Eleganz eines Chopin inspirieren liess wie von der Bravour seines Mentors Franz Liszt. Mehrere der Stücke hatten direkten Wasserbezug (zum Beispiel «Dans la nacelle» op. 94) und passten somit perfekt in dieses stimmig kuratierte Ambiente.

 

Technische Brillanz und magisches Rubato-Spiel

Allegra Ciancio, zwar aus Sizilien stammend, aber seit ihrem Masterstudium in Lugano wohnhaft, interpretierte die von ihr auch auf CD eingespielten Stücke Raffs mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit. Besonders beeindruckend war ihre Fähigkeit, die Gäste mit subtil eingesetzten Verlangsamungen und Beschleunigungen in die Schwebe zu versetzen – Zeit ist ein flüssiges Element. Die Solistin wurde nach einer guten Stunde Klangmagie vom Publikum mehrfach hervorgerufen, aber noch nicht in die Nacht entlassen: Die lange Schlange vor dem Tisch, an dem die Künstlerin ihre CD signierte, erweckte für kurze Zeit die Illusion, dass wir uns im Jahr 2000 befinden – als dieses heute oft totgesagte Medium im Zenit seines Erfolgs stand.

 

Zuwachs für das Archiv

Nach dem Rezital feiert die Joachim-Raff-Gesellschaft die Übergabe eines Briefs, den Vertreter der Suisa, der in Zürich ansässigen Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik, in ihren Schränken aufgefunden haben. Wie Andreas Wegelin, der eigens angereiste CEO, in einer Ansprache erklärte, konnten er und der ebenfalls anwesende Leiter des Musikdiensts, Andres Pfister, nicht herausfinden, wie das wertvolle Schriftstück seinen Weg in ihre Obhut gefunden hat – es ist vermutlich ein «Beifang». Es handelt sich dabei um ein Schreiben von Raff an den jüngeren Kollegen Anton Urspruch, über den er einen Konzertbericht in ein vielgelesenes Blatt bringen wollte. Das Dokument ist nun im Joachim- Raff-Archiv aufbewahrt und liefert ein weiteres Puzzlestück zum Verständnis des Komponisten und seiner Welt.

 

Eine Goldene Schallplatte

Aller guten Dinge sind drei, summierte der Präsident der Joachim-Raff-Gesellschaft, Roland A. Müller, am Ende des Abends – denn während des Apéros wurde Res Marty, seinem Vorgänger und Ehrenpräsidenten des Vereins, von Vorstandsmitglied Katalin Müller-Waagthaler, Rita Goldberg und Eleonora Em ein kleines Ständchen zum 80. Geburtstag dargebracht. Eine fingierte Goldene Schallplatte, die ihm Roland Müller überreichte, symbolisierte 80 goldene Lebensjahre. Bezeichnenderweise zeigt das darauf abgebildete Foto Res Marty vor einem lebensgrossen Raff-Porträt im Archiv, das ihm so viel zu verdanken hat. Er wird nach vorne blicken, wie er es stets getan hat (zum Beispiel auf den Zürichsee), die Erinnerung an dieses musikalische Highlight wird ihn aber sicherlich noch lange Zeit begleiten.

 

Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Severin Kolb

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

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Kategorie

  • Musik

Publiziert am

31.03.2026

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