Literatur
Vom Reiz des Nichts und der Farbe Beige
Der Poetry Slam im Vögele Kultur Zentrum zeigte, wie viel Witz, Tiefgang und Gegenwartsdiagnose im vermeintlich langweiligsten aller Themen steckt. Drei Slam-Grössen und ein selbstironischer Moderator machten den literarischen Wettstreit zu einem ebenso klugen wie vergnüglichen Event.
Bis auf den letzten der 120 Plätze gefüllt war das Auditorium des Vögele Kultur Zentrums am Mittwochabend. Der Poetry Slam zog ein Publikum an, das breiter kaum hätte sein können. Eine Primarschulklasse sass neben entspannt lauschenden Pensionierten, dazwischen Kulturinteressierte aller Altersstufen. Moderator Kilian Ziegler griff diese Mischung genüsslich im Crowdwork auf und schuf von Beginn weg Nähe. Der dreifache Schweizermeister seines Metiers führte selbstironisch und pointiert durch die Show. Requisiten seien nicht erlaubt, sagte er. Wer über seinen Hamster schreibe, dürfe diesen nicht mitbringen oder sich entsprechend verkleiden, ausser er laufe auch im Alltag so herum. Er erwähne das ausdrücklich, schob Ziegler nach, er komme schliesslich aus Olten, dort seien solche Dinge an der Tagesordnung.
Konsum, Atem und die Kunst des Abschweifens
Die Reihenfolge der Auftritte wurde ausgelost, zuvor eröffnete Ziegler ausser Konkurrenz mit einem Text über Lieblingsfarben. Rot, so seine These, sei «wie das KV als Farbe», austauschbar und erwartbar. Mit Wortspielen von Baschi bis zur Béchamelsauce warb er stattdessen für Beige. Danach übernahmen die zwei Slam-mer und die Slammerin, die je zwei Texte vorbereitet hatten, einen exklusiv neu inspiriert von der aktuellen Ausstellung «Die Langeweile – ganz schön vielfältig», einen aus dem eigenen Repertoire. Cenk Korkmaz widmete sich dem Werk «Viva Konsum» von Monsignore Dies und schilderte die Überforderung durch Überfluss. Er ertappte sich selbst dabei, wie er während eines Filmabends gleichzeitig einen Podcast hörte und online den x-ten Staubsauger bestellte, inklusive Sofaritzenadapter, Ersatzakku und Chips im Zehnerpack. Sein zweiter Text handelte von seinem Geburtstag, bei dem er unverhofft in Wien landete und endete philosophisch mit einer Ode auf sein Mami. Den Kindern zum neuen Lebensjahr zu gratulieren und nicht den Müttern, sei wie bei der Eröffnung des Gotthards dem Tunnel zu applaudieren statt den Bauarbeitern, schliesslich hätten sie die Arbeit geleistet.
Matthias Kunz sorgte schon mit seinem ersten Satz für Lacher, in dem er sich auf Ziegler bezog und fragte, ob jemand im Publikum wisse, was «Beigeleger » seien. Er sei am Morgen an einer Bio-Legehennen-Tagung aufgetreten, das passe ausgezeichnet zum Besuch bei Vögele. Sein Weltpremieren-Text zum Werk «Breath me in, breath me out» von Jeppe Hein mündete in eine schräge Atemyogasession und endete trocken mit dem Satz, irgendwann sei die Luft raus. Im zweiten Beitrag nahm Kunz die Debatte um Frühfranzösisch aufs Korn, liess Landessprachen verschmelzen und verteilte Seitenhiebe auf das kratzige Zürichdeutsch. Charmant meinte er etwa, bei Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider sei schon der Name «Moitié-Moitié».
Nichtstun als Zumutung und Triumph
Moët Liechti verdichtete das Thema Langeweile besonders eindrücklich. Die Berner Poetry-Slam-Meisterin 2023 und Primarlehrerin nahm sich der Installation «Zentrum für Nichtstun» von Leonie Dittli an und entfaltete einen rasanten inneren Dialog. Nichtstun, so zeigte sie, sei heute kaum mehr möglich. Selbst Erholung werde zum Projekt, Regeneration zum Nebenjob, die Pause zur Leistung. Gedanken drängten sich auf wie schlecht moderierte Podiumsteilnehmer und auch das schlechte Gewissen lasse nie auf sich warten. Sie folgerte, Nichtstun bedeute, sich selbst zu verlieren und dabei festzustellen, dass man noch da sei, langweilig vielleicht, aber da, frag-te aber auch kritisch: «Wie lange darf man nichts tun, bevor es als Aufgeben gilt?» Ihr zweiter Text führte ins Lehrerzimmer, heute «Begegnungszone» genannt, wo ein hölzernes Fischskelett zum Symbol für Schieflagen im Bildungssystem wird. Mit Selbstironie, Reflexion über Fehlerkultur («Man kann auch reflektieren, bis man nachts ohne Velolicht fahren kann») und präzisem Humor gewann Liechti schliesslich das Wettapplaudieren und den traditionellen Preis eines jeden Slams, eine Whiskyflasche. Ein Abend, der zeigte, wie unterhaltsam «Langeweile» sein kann, wenn man ihr aufmerksam zuhört.
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Micha Brandstetter
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