Peter Betschart und Claudia Steiner holen «flätt – hüntsch – sauft» aus dem Büchergestell und bieten es in der Hosentaschenversion an – leicht zugänglich fürs Handy und Internet. Bild: Franz Steinegger
Peter Betschart und Claudia Steiner holen «flätt – hüntsch – sauft» aus dem Büchergestell und bieten es in der Hosentaschenversion an – leicht zugänglich fürs Handy und Internet. Bild: Franz Steinegger

Dies & Das

Literatur

Dialekt-Wörterbuch geht ins Netz

Mundart ist in. Doch die Jungen blättern nicht mehr gerne im Dictionnaire. Deshalb stellt die Kulturkommission der Gemeinde Muotathal das Dialektwörterbuch «flätt – hüntsch – sauft» ins Internet, was vieles vereinfacht.

«flätt – hüntsch – sauft» ist das wohl bekannteste Buch von Alois Gwerder, das nach jahrzehntelanger Recherche 2001 vom Triner-Verlag herausgegeben wurde. Das Sammelwerk des verstorbenen Muotathaler Volkskundlers wurde zu einem Grosserfolg über die engere Heimat hinaus. Es musste mehrmals nachgedruckt werden. «Das dürfte daran liegen, dass die ureigene Sprache, die Mundart, etwas Gefühlsmässiges, Persönliches ist», erklärt Peter Betschart, Mitglied der Kulturkommission der Gemeinde Muotathal. «Sie dient einer Volksgruppe als Identifikation, ist einer der wichtigsten Faktoren, über den wir den Begriff Heimat definieren.» Doch Mundart verändert sich dauernd. «Je älter wir werden, umso deutlichen werden die Unterschiede zu früher », sagt Betschart. Zudem stellten Sprachforscher fest, dass sich die Dialekte – auch jener von Muotathal – immer mehr dem Züridütsch annähern.


Internet und Handy eröffnen neue Möglichkeiten


Der Muotathaler Dialekt soll nicht auf dem Büchergestell verstauben und mit den Alten aussterben. Ein Versuch des Vereins Giigäbank im Jahr 2011, den Dialektunterricht als Schulfach zu installieren, scheiterte teilweise. Als Hauptgrund macht Peter Betschart den Umstand aus, dass an der Primarschule Muotathal nur noch wenige einheimische Lehrpersonen unterrichten. «Die Auswärtigen fühlen sich nicht befähigt, mit den Kindern die Mundart zu pflegen, zumal Schriftdeutsch als offizielle Unterrichtssprache gilt.» Nun eröffnen die digitale Technik und die sozialen Medien neue Möglichkeiten. «Die Jugend von heute wählt nicht mehr gerne alphabetisch geordnete Wörterbücher. Der Computer übernimmt die Suche in Windeseile», sagt Daniela Steiner, Betscharts Kollegin in der Kulturkommission. «Tablets und elektronische Suchgeräte ersetzen Duden und Dictionnaire.»


11 000 Wörter digital aufbereitet


Deshalb wurde auf Anregung der Brunner ICT-Firma Tells Söhne das Mundartlexikon «flätt – hüntsch – sauft» in aufwendiger Kleinarbeit in eine digitale Form aufbereitet, verständlicher gestaltet und von Ballast befreit. Dafür wendeten die Mitglieder der Kulturkommission, nebst Betschart und Steiner auch Urs Schmidig und Sepp Betschart, über 100 Stunden an ehrenamtlicher Arbeit auf. Die Gemeinde Muotathal unterstützte das Projekt mit 15 000 Franken. Die digitale Version enthält 11 000 (!) Mundartwörter und kann seit einigen Tagen unter dialekt.muotathal.ch (ohne www) abgerufen werden. «Wir hoffen, dass das Onlinewörterbuch bei den Jungen zu einem Gadget, zu einem Spielzeug wird», umreisst Peter Betschart die Ziele. «Das Buch beinhaltet originelle und witzige Wörter. Wer reinschaut, bleibt gerne hängen.»


Ergänzungen erwünscht


«Die Kulturkommission freut sich über Rückmeldungen zum Wörterbuch», hält Daniela Steiner fest. «Vielleicht kennt jemand ein neues Wort, das nicht enthalten ist oder das noch andere Bedeutungen hat – oder jemand entdeckt einen Fehler.» Offiziell vorgestellt wird das Projekt mit einem Trailer und Flyer am Alpchäsmärcht vom Wochenende und am Theater Muotathal. Es werde weiterhin nach einer Möglichkeit gesucht, es in irgendeiner Form in den Schulunterricht zu integrieren.


Auch neue Modewörter finden Aufnahme


Kleiner Wettbewerb: Was heisst «plätschfeiss»? Was «värschtroblä»? Was ist «bluttnackät»? Die Lösungen findet man im Onlinewörterbuch mit einem einzigen Klick. Dialekt hat teilweise seine sehr lokale Ausprägung: So sagt man in Illgau «drheime» (daheim), in Muotathal «deheime ». Die Sattler sagen «lass los» für loslassen, in Schwyz und Muotathal «lach los». Peter Betschart, der das Onlinewörterbuch entscheidend geprägt hat, unterstreicht die Lebendigkeit der Sprache, die sich «langsam, aber stetig wandelt». Deshalb will die Kulturkommission auch abgegangene und neue Modewörter aufnehmen. Ein Beispiel: Vor noch nicht allzu langer Zeit sagten Jugendliche: «Gammer gu blochä», wenn sie zügig Ski fahren gingen. Dieses Wort ist aus der Mode gekommen. Geläufig bei der Muotathaler Jugend sind derzeit andere Modewörter: Wenn heute einer «plonäd» ist, dann ist er «schlampig». Und wenn jemand «miäs» ist – ein altes Wort für Moos – bedeutet das bei den Jungen im Tal, «er hat eine Scheibe», sei es, weil er zu viel getrunken hat oder übernächtigt ist. Nun noch zur Auflösung des Rätsels: Die Wörter bedeuten «ganz dick und fett», «Haare zerzausen» und «völlig nackt».


Bote der Urschweiz / Franz Steinegger

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Dies & Das
  • Literatur

Publiziert am

25.10.2017

Webcode

schwyzkultur.ch/XbSGxg