Ein ganz wichtiges Tondokument: Diese Schallplatte, 1979 auf der Alp «Dräckloch» aufgenommen, hat bereits Kultstatus. In Erinnerung bleibt auch das Bild darauf, das Erasmus Betschart beim Jodeln eines «Chuä-Reiäli» zeigt. Bild Andreas Heinzer
Ein ganz wichtiges Tondokument: Diese Schallplatte, 1979 auf der Alp «Dräckloch» aufgenommen, hat bereits Kultstatus. In Erinnerung bleibt auch das Bild darauf, das Erasmus Betschart beim Jodeln eines «Chuä-Reiäli» zeigt. Bild Andreas Heinzer

Musik

Schräge Töne aus der Tiefe der Seele

Die Muotathaler haben nicht nur das Hölloch, den Bödmeren-Urwald und ihren eigenwilligen Dialekt. Sie hatten mit dem Naturjuuz bis vor wenigen Jahren auch ein Relikt bewahrt, das es so in Europa kaum mehr gibt. Einer ihrer letzten Vertreter ist «ds Chuchlis Müssl».

Als 1979 die Aufnahmen zur Schallplatte vor dem Alpstall «Dräckloch» gemacht wurden, rief Erasmus Betschart seine Kühe von der Weide in den Stall – mit einem «Chuä-Reiäli». Seine schrägen Töne passten in die wilde Gegend am Abhang des Wasserbergs, des markanten Berggrates im Muotatal. Doch sie passen nicht in die reinen Tonarten, die in kleiner und grosser Terz, in Quart und Quint spielen.

Legendäre Aufnahmen von 1936

«Chuchlis Müssl», wie ihn die Muotathaler nennen (vom Heimwesen «Kuchli»), sang mit «neutraler» Terz und ebensolcher Septime (siehe Kasten). Bringt man die beiden Singsangarten – den Naturjuuz und den reinen Jodel – zusammen, so tut es weh in den Ohren. Für sich allein aber können beide bestehen. Doch die urtümliche Art des Naturjuuzes ist am Verschwinden. «Sie bringids nümmä fertig, ä so wiä früener», ist sein Kommentar zur Zeit. Dem Muotataler Naturjuuz wird am 28. Mai in Altdorf ein hochkarätiges Jodelsymposium gewidmet. Dabei werden erstmals die legendären Aufnahmen zu hören sein, die 1936 im Muotatal gemacht wurden.

Auf der Suche nach dem Ursprung

Damals war der Wissenschaftler Wolfgang Sichardt auf der Suche nach dem Archaischen. Er gehörte zu einem ganzen Heer von Deutschen, die zu Forschungszwecken unterwegs waren. Sie sollten im Auftrag der Nazis nach den Ursprüngen suchen. Im Muotatal fand er seiner Meinung nach eine Schicht vorgregorianische Gesänge. Mit den Aufnahmen beschrieb er dann auch mehrere Gegensätze zum damals üblichen Jodel. Auch schrieb Sichardt Juuze auf, die es heute noch gibt. Durch einen glücklichen Zufall sind die Einsiedler Jodlerin Nadja Räss und Peter Betschart auf die Kopie der damaligen Aufnahmen gestossen, in Wien. Gerne hätte Betschart die Aufnahmen schon früher von Wolfgang Sichardt gekauft, doch war ihm der Preis zu hoch. Immerhin konnte Nadja Räss nun veranlassen, dass diese einmaligen Tondokumente in Altdorf erstmals präsentiert werden.

Intensive Forschung betrieben

Die musikalische Analyse von Sichardt konnte fünfzig Jahre später von Hugo Zemp, einem französischen Musikethnologen mit Schweizer Wurzeln, bestätigt werden, wie Peter Betschart in der neuesten Ausgabe des «Zirk» schreibt. Zemp war es auch, der die Schallplatte «Jüüzli, Jodel du Muotatal» mit dem Frontbild von Erasmus Betschart herausgab, dazu vier Filme zum Muotataler Juuz, aufgenommen in den Jahren 1982/83. Er hat durch Messungen die typischen Zwischentöne, welche Sichardt beschrieben hatte, genauer definiert. «Diese Eigenheiten hatten eine Regelmässigkeit in sich und wurden durch Zemp im letzten Moment dokumentiert », betont Peter Betschart, der während 14 Jahren den Jodelklub Echo vom Mythen, Schwyz, dirigierte, sich selber aber nicht in die Reihe der Fachleute gehievt haben möchte. «Ich trage einfach kulturelle Sachen aus dem Muotatal zusammen und möchte sie vermitteln», sagt er über sich selbst.

Relikt aus Europas frühen Tagen

Forschungen deuten darauf hin, dass früher vielerorts in Europa systematisch und konsequent «falsch» (zwischen den Tönen) gesungen wurde. Man glaubte diese Eigenart verschwunden. Das Muotatal war zur allgemeinen Verwunderung bis Ende des 20. Jahrhunderts ein vielleicht letztes Rückzugsgebiet dieser Eigenheit. Die Muotathaler hatten unbewusst etwas Wertvolles länger bewahrt als anderswo. «Chuchlis Müssl» wurde nach Erscheinen der Schallplatte 1979 belächelt, wie er da im geflickten Hirthemd steht, den Finger im rechten Ohr. Unverstanden damals, zeigt sich erst jetzt der wahre Wert dieser Aufnahmen. Die damalige Juuzergeneration ist mehrheitlich verstorben oder mag nicht mehr, «die heutige Praxis hat sich definitiv der reinen Stimmung des Klaviers angepasst», heisst es im «Zirk».

Der Naturjuuz ist einzigartig

Heute herrscht der volle, runde, saubere Ton vor, «man schwelgt im schönen Singen und Juuzen», sagt Peter Betschart. Der Naturjuuz von früher war «urchiger, rauer, nasal, gepresst und vor allem individuell. Man kannte den Juuzer vom Ton her.» Jede Familie hatte ihre Eige

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

18.05.2011

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