Musik
Musik will unsere Seele heilen
Ergreifende Klänge können Stille wahrnehmbar machen. Beim Eintauchen in die Schwingungen von Bach, Pärt und Beethoven hat sich eine spirituelle Wirkung entfaltet. Im Dialog zwischen Violine und Klavier war wohlige Tiefe zu spüren.
Die Konzertreihe «Kloster Klang Einsiedeln» lädt mit vier Anlässen in Serie zum Geniessen, Nachdenken und Innehalten ein. Dabei wird die Bedeutung der Stille aus den Blickwinkeln von Spiritualität, Kunst, Wissenschaft und Gemeinschaft beleuchtet. Diese vier Perspektiven prägen auch das Klosterleben. Abt Urban Federer OSB umrahmte den ersten Abend mit Impulsen zum bewussten Hineinhören. Er verglich die Stille mit einem Hör-Raum, wo durch Zusammenklang sinfonische Harmonie entsteht.
Ein musikalischer Dialog
Mit einem virtuosen Präludium wurde die E-Dur-Sonate von Johann Sebastian Bach eröffnet. Emanuele Zanforlin an der Violine und Elia Seiffert am Klavier spiel-ten sich mit einzigartiger Leichtigkeit durch die folgenden drei Sätze. Das dynamische Wechselspiel zwischen den Instrumenten glich einem Dialog, mal übermütig, dann wieder zart und besinnlich. Auf lebhafte Doppelgriffe folgten filigrane Melodienbögen, untermalt vom Klangteppich des Klaviers. Die Sonate gipfelte in ausgelassener Freude. Das Publikum fühlte sich ins Zwiegespräch einbezogen und tanzte, sichtlich berührt, innerlich mit.
1952 löste Stille einen Skandal aus
Als Abt Urban ans Rednerpult trat, verharrte er für geraume Zeit pantomimisch in der Stellung eines Dirigenten. Mit angewinkelten Armen und offenen Handflächen verzauberte er den Barocksaal in einen mystischen Tempel. Durch die Fenster schimmerte die Abendsonne. Im Raum herrschte absolute Stille. Dann erzählte Abt Urban die Geschichte von John Cage. Dieser amerikanische Avantgarde-Komponist hatte ein stilles Musikstück namens «4.33» geschrieben, indem viereinhalb Minuten lang einfach nichts passiert. Als dieses tonlose Werk 1952 in Woodstock uraufgeführt wurde, löste es einen Skandal aus. Das Publikum konnte mit der auferlegten Stille nicht umgehen. «Um der Stille zu entfliehen, stecken sich die Menschen heutzutage einfach Stöpsel in die Ohren», sagte Abt Urban.
Die neue Einfachheit
Das nächste Werk stammte vom estnischen Komponisten Arvo Pärt. Er ist ein Vertreter der «Neuen Einfachheit» und versteht die Kunst des Weglassens. In seiner religiös motivierten Musik steckt eine spirituelle Botschaft. Das Stück «Fratres » hielt das Publikum mit manischen Elementen in Atem und spiegelte eindrücklich das Dasein. Die extremen Stimmungen verhielten sich wie zankende Brüder. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Ein Auf und Ab, klirrend, kratzend maschinenhaft. Langanhaltende einzelne Töne der Violine, und immer wieder zurück in den Dreiklang. Innehalten, losrasen, abrupter Stopp. Vom lauten Zupfen ins liebliche Legato. Das Publikum erlebte ein Wechselbad zwischen aufreibendem Suchen und jubelnder Euphorie. Die jungen Musiker Emanuele Zanforlin und Elia Seiffert interpretierten dieses hochkomplexe Werk grandios und mit viel Schalk.
Spaziergänge durch die Natur
Abt Urban zitierte den heiligen Benedict: «Wer das Friedensangebot Gottes annehmen will, muss singen oder musizieren.» Er erklärte: «Wenn Herz und Stimme im Einklang sind, entsteht ein Echo. Dieses lässt die Sehnsucht nach Frieden in der Welt ertönen.» Die zehnte Sonate von Ludwig van Beethoven kündigte er als liedhaftes Spiel von Geige und Klavier an. Das Werk wird als «der wahre Frühling » bezeichnet. Es ist ein Stück von gesanglicher Schönheit. Die Melodien erinnerten an Spaziergänge durch die Natur. Warmes Licht, leichtes Lüftchen, gurgelnde Bäche und das Balzen der Vögel. Die Violine erzählte leise flüsternd von den Wundern der Natur, das Klavier bekräftigte die Aussagen lautstark. Es war ein lüpfig, fast operettenhafter Austausch, bei dem die Klänge immer wieder ineinander verschmolzen.
Einsiedler Anzeiger / Anita Chiani
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Einsiedler Anzeiger
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