Bühne
Gretchen hat die Nase voll von der Opferrolle: Jetzt spricht Margreth
Die Reprise der Eigenproduktion «Mein Name ist Margreth» der Märchler Theatermafia feierte am Samstag im Pfäffiker Römerrain Premiere. Dabei wurde ein geistig hellwacher, spielerisch souveräner Abend geboten, der mit Leichtigkeit Fragen von grossem Gewicht stellte.
Um Goethes «Faust» kommt man nicht herum: Wer das Reclam-Bändchen in seiner Bildungsbiografie nicht zum Pflichtstoff zählte, stolpert in der Alltagssprache über Wendungen wie «des Pudels Kern», die längst etabliert sind. Auf der Bühne dienen sie als Ausgangspunkt.
Die Theatermafia nimmt Goethes Motive auf und entwickelt daraus eine eigene Gegenwartsgeschichte. Ein Schwertkampf, ein Tango, Wortspiele und schwarzer Humor bringen Tempo ins Geschehen. Das verstossene Gretchen wird zur selbstbewussten Margreth (Laura Stählin), die lesen lernt und schliesslich ihre eigene Geschichte schreibt. Frau Dr. Faust (Ronja Kistler) ist Wissenschaftlerin und will eine weibliche Welt entwerfen. Mephisto (Michael Grüter) tritt als Influencer und Techoligarch auf, der Verführung und Erfolg vermarktet. Die Soldatin Leo (Gianna-Ladina Kälin) übernimmt die Rolle von Valentin, Gretchens Bruder. So verschieben sich die vertrauten Figuren und mit ihnen die Perspektive auf die Wirklichkeit.
Wer die Welt ordnet
Die Bibliothek der Athene (Céline Kessler) wird zum Schauplatz der Suche nach einem neuen Deutungsmuster. Die Protagonistinnen sezieren historische Texte von der Bibel bis zu Platons Staat. Dokumentarische Fakten, präsentiert von Annika Künzi, unterbrechen das Spiel und erzeugen einen Verfremdungseffekt. Der Aktualitätsbezug ist omnipräsent, etwa die Streichung von Bundesgeldern zum Schutz von Frauen, Genitalverstümmelung, Femizide oder Epstein werden aufgegriffen. Heilerin Anna (Laura Lüönd), die auf Anna Göldi referenziert, thematisiert das Kapitel der Hexenverfolgung. Als Leni (Noelia Albisser) als Mephista erkennbar wird, klingt darin eine Wiedergeburt Leni Riefenstahls an. Die feministische Utopie steht dabei selbst auf dem Prüfstand. Leo macht klar, dass auch eine von Frauen entworfene Ordnung andere Frauen ausschliessen kann. Margreth entscheidet sich am Ende für das Wort als effektivste Waffe. Sie lässt sich in keine fremdbestimmte Rolle mehr drängen.
Die Gretchenfrage
Margreths Gretchenfrage lautet: «Wie haben Sie es mit Ihrer Religion, Ihrer Überzeugung und Ihrer Absicht, die Welt zu gestalten?» Eine Antwort muss das Publikum selbst finden. Die Regie von Roland Ulrich hält die verschiedenen Ebenen zusammen und gibt dem Ensemble Raum für präzises Zusammenspiel und Spielfreude. Das Ergebnis besitzt ein Niveau, mit dem sich die Theatermafia auch an einem professionellen Schauspielhaus sehen lassen könnte. Wer nach dem Besuch Goethes «Faust» aus dem verstaubten Bücherregal zieht, dürfte manche Zeile anders lesen.
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Micha Brandstetter
Autor
Höfner Volksblatt & March Anzeiger
Kontakt
Kategorie
- Bühne
Publiziert am
Webcode
www.schwyzkultur.ch/ybnLU1