In einem fantastischen Rahmen stellte Martina Hirzel im Schlossturm eindrücklich das Leben und Werk der Lyrikerin Mascha Kaléko vor. Bild Tanja Holzer
In einem fantastischen Rahmen stellte Martina Hirzel im Schlossturm eindrücklich das Leben und Werk der Lyrikerin Mascha Kaléko vor. Bild Tanja Holzer

Literatur

Ein Abend wie ein Gedicht

Einen rundum dichterischen, berührenden Abend bescherte Martina Hirzel am Donnerstag zahlreichen Zuhörern im Schlossturm Pfäffikon mit Worten von und über die Autorin Mascha Kaléko.

«Mein schönstes Gedicht, ich schrieb es nie…», mit diesen Worten der Autorin Mascha Kaléko eröffnete Martina Hirzel den Abend «WortKunst». Unter dem Patronat des Vereins Pro Schloss Pfäffikon las Hirzel im voll besetzten Schlossturm aus Kalékos dichterischem Werk. Auf den Tag genau vor 35 Jahren, am 21. Januar 1975, verstarb die Dichterin mit Wurzeln in der ehemaligen Donaumonarchie auf der Durchreise in Zürich an Magenkrebs. «Mit Charme und Humor, mit erotischer Strahlkraft und sozialer Kritik eroberte sie die Herzen der Menschen», kündigte Hirzel an und hielt Wort.

Der Abend war wie ein eigenes Gedicht.

Der Ton von Kalékos Versen habe oft über ihr schweres Schicksal hinweg getäuscht, so Hirzel. Unehelich geboren, mit einem russischen Vater und einer österreichischen Mutter, flüchtete die jüdische Familie mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Deutschland. Kalékos empfand «das kindliche Bett im Nirgendwo», an diesen Orten war weinen lebensgefährlich. Nach der Heimkehr des Vaters, der als Russe interniert worden war, siedelte die Familie nach Berlin über. Kaléko begann mit 18 Jahren als Bürofräulein und lernte ihren Mann Saul Kaléko kennen. Sie verkehrte in der literarischen Bohème Berlins, im Romanischen Café, wo Schauspieler und Literaten wie Tucholsky, Ringelnatz, Kästner und Klabund diskutierten und dichteten. Kaléko wurde entdeckt und von Zeitungen gefördert. 1933 erschien ihr erstes Buch, das «Lyrische Stenogrammheft ». Sie feierte Erfolge – und gebar ihren Sohn. Vater war ihre wahre Liebe und zweiter Ehemann Chemjo Vinavar. 1938 war das Jahr ihrer Scheidung, der Heirat mit Vinavar und der Emigration zu dritt nach New York.

«Als Heimat erkor ich mir die Liebe»

Die Entwurzelung schien Kaléko zeitlebens zu verfolgen. Die Gedichte der ersten Emigrationsjahre sind von Sehnsucht erfüllt. «Die Welt hat sich verengt auf zwei Menschen», schrieb sie, und ihre Gesundheit war bereits angeschlagen. Als Mutter und Managerin des Vinavar-Chores ihres Mannes verlebte sie doch eine erfüllte Zeit. 1956 kehrte sie erstmals in ihre alte Heimat zurück. Drei Jahre später wollte ihr die renommierte Akademie der Künste Berlin den Fontanepreis übergeben. Kaléko lehnte aus politischen Gründen ab. Noch im gleichen Jahr wanderte sie ihrem Mann zuliebe nach Jerusalem aus. Erneut entwurzelt, wird ihre Ironie etwas bitter gefärbt. Von dem Schock, als ihr Sohn 1968 unerwartet in den USA starb, erholten sich die Eltern nie. Vinavar stirbt 1973. Kalénko vereinsamt nun komplett, nimmt jedoch einen letzten produktiven Anlauf voller Melancholie: «Was bleibt, ist der Hund und das geliebte Buch.» Der Schlusssatz einer vielfach Entwurzelten – «Als Heimat erkor ich mir die Liebe» – berührte erneut und dürfte noch in manchem Zuhörer intensiv nachgeklungen haben. Ein Büchertisch gab Gelegenheit, Kalénkos Werke zu Hause nachzulesen.

March-Anzeiger und Höfner Volksblatt

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

25.01.2010

Webcode

schwyzkultur.ch/ddZUwM