Willy Scherrer belegt als gelernter Kaufmann, wie viel Gage es für den ersten Auftritt gab und erzählt aus seiner erfolgreichen Musikerlaufbahn mit dem Willy Scher Orchestra, die bis heute andauert. Bild Frieda Suter
Willy Scherrer belegt als gelernter Kaufmann, wie viel Gage es für den ersten Auftritt gab und erzählt aus seiner erfolgreichen Musikerlaufbahn mit dem Willy Scher Orchestra, die bis heute andauert. Bild Frieda Suter

Musik

«Die erste Gage als Musiker betrug 30 Franken – für drei Musikanten»

Das Willy Scher Sextett tritt an Sylvester zum 18. Mal im «Seedamm Plaza» in Pfäffikon auf. Willy Scherrer als Kopf der Band wohnt seit 1976 in Reichenburg und führt nebst dem Musiker-Dasein seit mehr als 40 Jahren die eigene Musik- und Künstleragentur.

Mit Willy Scherrer sprach Frieda Suter


Frieda Suter: Man kennt Sie als Bandleader und Inhaber einer Musikagentur weit herum. Dahinter verbirgt sich eine Lebensgeschichte, die gar nicht in der Schweiz begonnen hat?


Willy Scherrer: Genau. Ich wurde in Ägypten geboren, als zweites von fünf Kindern eines Schweizers und einer Italienerin. Mein Vater stammte aus einer grossen Bauernfamilie im Toggenburg und nutzte nach dem Besuch der Textilfachschule die Chance, als Webereiingenieur in Alexandria zu arbeiten. Dort gründete er mit einer Italienerin eine Familie. Nach meinem ersten Schuljahr in Ägypten zog die Familie nach Belgien um. Dort verbrachte ich die ganze Schulzeit. Als ich 16 war, nahm der Vater eine Stelle in der Schweiz an und wir zügelten ein weiteres Mal.


Vom Vater hatten Sie sicher die deutsche Sprache gelernt?


Nein, überhaupt nicht. In Ägypten sprachen wir in der Familie immer Italienisch und auf der Strasse Arabisch. In Belgien dann in der Schule Französisch und Holländisch und auf der Strasse Flämisch. In der Schweiz musste ich zuerst Deutsch lernen. Mit meinen Sprachen konnte ich keine Lehrstelle antreten. Ich wurde in die dritte Sekundarklasse eingeteilt, musste im ersten Jahr aber nur Deutsch lernen und für den praktischen Teil in einer Weberei arbeiten. Dort gab es vor allem Italienerinnen und ich war natürlich ihr Sunnyboy. Im zweiten Jahr besuchte ich dann alle Fächer der dritten Sekundarklasse und hatte damit das Rüstzeug für eine Lehrstelle.


War da Musik schon ein Thema?


Ja, als Hobby. Ich hatte in Belgien Klavierunterricht besucht und in der Schweiz Kameraden gefunden, die Musik machten. Allerdings war das Klavier schon besetzt. So wurde ich zum Schlagzeuger. Später habe ich selber Saxofon und auch andere Instrumente erlernt, und auch das Singen wurde in meiner Musik ein wichtiger Teil. Wir hatten schon bald einmal 15 bis 20 Auftritte pro Monat. Aber von Musik als Beruf war nie die Rede. Ich begann eine Lehre als Radio- und Fernsehelektriker. Das gefiel mir aber nicht speziell, und als mich der Lehrmeister eines Morgens schlafend in der Werkstatt antraf, weil ich nach einem Auftritt für die kurze Zeit, die mir noch geblieben wäre, nicht mehr nach Hause fuhr, einigten wir uns darauf, den Vertrag aufzulösen. Der Berufsberater riet mir dann zu einer Kaufmännischen Ausbildung. Was dann offensichtlich zum Erfolg wurde. Ganz einfach war es nicht mit meinen Deutsch-Kenntnissen. Doch ich bekam in Rapperswil eine Lehrstelle bei der Vita-Versicherung und einen tollen Chef, der mich förderte. So bestand ich die Abschlussprüfung mit recht guten Noten – ausser eben im Fach Deutsch. Nach der Lehre erhielt ich in Zürich eine Stelle im Geschäft des Sohnes meines Lehrmeisters und ich absolvierte die Funker-Ausbildung im Militär. Später fand ich mit einem Inserat eine Kaufmännische Stelle mit Bezug zur Musik. So kam ich in eine Agentur in Zürich, die den Wirten und Dancing-Betreibern Musiker vermittelte. Damals hatte jedes Dancing Livemusik. Ich habe praktisch jede Musik als Gast angehört, bevor ich sie vermittelt habe, und war nachts vor allem im Aussendienst tätig. Dabei habe ich mit Wirten und Dancing-Betreibern verhandelt und die Verträge möglichst zur Zufriedenheit für beide Seiten aufgesetzt.


Das war Ihr Traumjob?


Ganz klar. Dabei ist es ja dann auch geblieben. Zwar nicht so lange in Zürich. Die nächste Station war Wädenswil,wo wir zu zweit eine Agentur aufbauten. Der Partner übernahm dann aber ein Dancing und ich kaufte ihm die Agentur ab. Ein Jahr später habe ich Geschäft und Wohnung nach Jona verlegt. Es folgte noch eine Zeit in Rapperswil und 1972 habe ich meine Frau Helene geheiratet. Sie hat zunächst ihre Berufstätigkeit beibehalten, aber auch in der Agentur geholfen und dann kamen die beiden Kinder zur Welt. War der letzte Umzug nach Reichenburg gewissermassen der Schritt, um sesshaft zu werden? Den Ausschlag dazu gab die Versteigerung des Dancings Bahnhöfli in Reichenburg. Mein Ziel war, dort Musik zu machen und die Agentur einzurichten. Den Zuschlag erhielt ich aber nicht. Walter Wild hat mitgeboten und wir einigten uns, eine AG zu gründen und das Bahnhöfli und den Raben gemeinsam zu betreiben. Dafür absolvierte ich 1976 die Wirteschule in Glarus. Ich bin dann allerdings nach zwei Jahren wieder ausgestiegen.


Jedoch in Reichenburg geblieben?


1981 konnten wir unser Wohnhaus mit Büro im Erdgeschoss bauen, wo es damals noch vier Arbeitsplätze gab. Das ist mein Reich. Ich bin einfach gerne hier. Am Morgen, gleich nach dem Frühstück wechsle ich ins Büro, und weil ich ohnehin ein Nachtmensch bin, wird es nicht selten spät am Abend, bis ich zurück in die Wohnung gehe. Allerdings spielt sich auch ein Teil des Lebens meiner Frau hier im Büro ab und sogar der Enkel hat seine erste Spielzeug-Gitarre hier im Raum.


Ihr Leben gehörte und gehört immer der Musik und der Familie?


Das kann man so sagen. Die Musik spielte seit dem ersten Auftritt von 1964 eine wichtige Rolle. Ich sage als Hobby, aber auf professionellem Niveau. Die Agentur war mein Beruf und lief hervorragend. Zu den besten Zeiten bot sie acht Arbeitsplätze, davon bis zu drei Lehrstellen. Auch mein Sohn hat seine Kaufmännische Ausbildung bei mir gemacht.


Selber Musiker, dazu als Agent Vertrauensperson für Veranstalter und Musiker: Kamen Sie nie in Loyalitätskonflikte?


Nein, ich war ja gewissermassen Profi oder Gewährsmann auf beiden Seiten und konnte sachlich und seriös vermitteln. Alle Engagements wurden mit Verträgen geregelt. Das Ziel war, dass die Wirte gute Musiker und damit Erfolg hatten und die Musiker gute Jobs bekamen.


Die Blütezeit der Dancings, der Agenturen und der grossen Bands ist vorbei. In der Musik haben DJs und Elektronik Einzug gehalten. Wie gehen Sie damit um?


Als Band passen wir uns natürlich immer den Wünschen des Publikums und der Veranstalter an. Wir hatten und haben ein sehr grosses Repertoire, sicher mehr als 500 Titel aus vielen Stilrichtungen. In der Agentur akquiriere ich nicht mehr aktiv. Bei Anfragen von Veranstaltern vermittle ich aber selbstverständlich nach wie vor Musiker und Künstler aus den verschiedensten Sparten. Inzwischen natürlich anhand der grossen Datenbank, für die mein damaliger Angestellter und Musikerkollege Jimmy Brunner ein massgeschneidertes Computerprogramm geschrieben hat. Anfänglich bewahrten wir den Überblick mit Papierstreifen und später mit einer grossen Wandtafel. Eine Haupttätigkeit war aber auch telefonieren. Die Monatsrechnungen erreichten locker mehrere 1000 Franken und ich hatte schon früh ein Mobiltelefon.


Zurück zu den Anfängen als Musiker. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an den ersten Auftritt denken?


Ich kann mich gut erinnern. Und ich habe von Anfang an Buch geführt. Für den ersten Auftritt 1964 gab es 30 Franken Gage für den ganzen Abend. Für alle drei Musiker zusammen.


Was war der grösste Erfolg?


Dass ich es in die Schweizer Ausscheidung für den Concours de la Chanson d’Eurovision schaffte und dabei den dritten Rang erreichte. Die Band und das Stück hiessen Ba’Rock. Gitarrist Jimmy Brunner sang den schweizerdeutschen Text. Aber ich kann auch auf viele tolle Gala-Anlässe zurückblicken. Mit dem Willy Scher Orchestra konnte ich verschiedene Besetzungen anbieten. Wir waren bei den ersten Bands, die auch gesungen haben, und lernten stets das Neueste dazu. Man kann schon sagen, dass wir immer hohe Ansprüche erfüllten und dass wir nie Pleiten erlebten.


Trifft man Sie immer noch auf der Bühne?


Durchaus, aber nicht mehr so oft. Im Durchschnitt etwa zweimal pro Monat. Und seit 18 Jahren jeweils an Silvester im Hotel «Seedamm Plaza» in Pfäffikon. Dass ich älter werde, merke ich höchstens am Tag nach dem Auftritt am Muskelkater.


Im Büro stehen drei Akkordeons. Eine neue Herausforderung?


Als ich 60 wurde, fand ich, dass es Zeit wäre für ein neues Instrument. Seither gehe ich hier in Reichenburg zu Beatrice Oetiker in die Akkordeonstunde. Ab und zu trete ich damit mit ihrem Ensemble «Nume nöd gschprängt» auf. In meiner Formation bleibt es bei den bisherigen Instrumenten. Ebenso mit dem Schwyzerörgeli, das ich schon lange habe. Das ist nur für mich privat.


Welche Musik hören Sie privat am liebsten und haben Sie auch komponiert?


Mir gefällt vieles, Gesang, Funk, Bläser, Big-Bands, Ländler … Ans Komponieren habe ich mich nie gewagt, weil ich gesehen habe, dass nur wenige Musiker damit Erfolg hatten. Bekannter ist, dass Sie auch sportlich unterwegs sind. Schon früh habe ich oft Tennis gespielt. Da ist dann mein Sohn Jean-Claude gerne und oft mitgekommen und er brachte es auch auf ein beachtliches Niveau. Heute führt er die Tennisschule im Leuholz in Wangen. Ich spiele immer noch Tennis, aber noch lieber Golf.

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

28.12.2018

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