Entspannte Diskussion in der Bar des Hotels Rigi Kaltbad: Hardy Ruoss (von links) unterhält sich mit Heinrich Geisser und Christina Selberg-Betschart. Bild Silvia Camenzind
Entspannte Diskussion in der Bar des Hotels Rigi Kaltbad: Hardy Ruoss (von links) unterhält sich mit Heinrich Geisser und Christina Selberg-Betschart. Bild Silvia Camenzind

Literatur

«Cheibe langwiilig», dieser Camenzind

Im Rahmen der Literaturtage auf der Rigi diskutierten am Sonntagmorgen drei Kenner über den Gersauer Dichter Josef Maria Camenzind. Die Leitung hatte Literaturkritiker Hardy Ruoss.

An den Literaturtagen, die vom Freitag bis Sonntag auf der Rigi stattfanden, waren zwei Anlässe dem Gersauer Schriftsteller Josef Maria Camenzind (1904–1984) gewidmet. Am Freitagabend las die Theaterfrau Marlene Wirthner-Durrer aus Camenzinds Werk. Am Sonntagvormittag folgte in der Bar des Hotels Rigi Kaltbad in entspannter Runde ein Wortwechsel über den «Dichter der Heimat und der Welt».

«Er sollte Grossvater sein»

Die beiden Gersauer Albert Müller und Heinrich Geisser waren als Kenner des Schriftstellers bekannt. Albert Müller verfasste zahlreiche heimatkundliche Schriften, Heinrich Geisser zusammen mit seinem Schwager Andreas Schenker «Vom Rigi in die Mandschurei», eine Textauswahl über Josef Maria Camenzinds Schaffen. Die dritte in der Runde war Christina Selberg-Betschart. Die Schwyzerin fand über ihren Vater Othmar Betschart zuerst zu Inglins Werk und dann über den «Schiffmeister Balz» zu Josef Maria Camenzind. Sie sagt über den Gersauer Dichter anerkennend: «Er sollte Grossvater sein, der seinen Enkeln Geschichten erzählt.»

«Zu schön, zu liebenswürdig»

Josef Maria Camenzind schlug einen anderen Lebensweg ein. Er wollte schon früh Priester werden, lebte mit seinen Mitbrüdern der Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee und reiste als Missionar nach China, was er auch literarisch verarbeitete. Literaturkritiker und Journalist Hardy Ruoss stellte den Begriff Heimat in CamenzindsWerk aus heutiger Sicht zur Diskussion. Kurz: Kann man das heute noch lesen? Ihm selber werde es beim Lesen nicht unwohl, und er fragte, ob dies an der literarischen Qualität liege. Christina Selberg-Betschart wurde es nie zu viel mit den Heimatbeschreibungen. Heinrich Geisser gab zu, dass er Ende der Sechzigerjahre keine Freude hatte, Camenzind zu lesen. «Es war mir zu schön, zu liebenswürdig.» Heute sieht er es anders: «Camenzind fängt einfach an, er schreibt, wie es war, und gestaltet während des Schreibens.» Dieser dichterische Prozess mache es aus. Albert Müller hat ein paar Camenzind-Geschichten seinem Grosskind mit Jahrgang 1992 zum Lesen gegeben. «Cheibe langwiilig», war der Kommentar. «Man muss lange warten, bis ein Höhepunkt kommt, und man muss Ruhe haben, da ist der junge Leser heute überfordert», meinte Müller. Doch mit «Der verlorene Schwede» fand sich dann doch noch eine Geschichte, die den Enkel interessierte.

Die alte und die neue Freiheit

So finden die Menschen über verschiedene Wege zum Gersauer Schriftsteller. Christina Selberg-Betschart liess sich besonders vom «Schiffmeister Balz» packen, indem Camenzind die alte und die neue Freiheit aufeinanderprallen lässt und das Spannungsfeld zwischen Tradition undAufbruch in die neue Freiheit darstellt. Gemäss Heinrich Geisser war Josef Maria Camenzind äusserst konservativ in seiner Religionsauffassung, dies störe aber nicht, weil sie getragen sei von einer Grundehrlichkeit. Die Gesprächsrunde war sich einig: Camenzind war sprachbegabt, ein Autor mit extrem guter Beobachtungsgabe, einer mit Witz und Humor – ein katholischer Autor mit Weite und Horizont.

Bald schon etabliert

Die Literaturtage fanden zum dritten Mal auf der Rigi statt. Susan Zurmühle von der IG Rigi-Literaturtage war mit dem Publikumsaufmarsch sehr zufrieden. Rund 350 Zuhörerinnen und Zuhörer besuchten eine oder mehrere der Veranstaltungen. «Es fängt an, sich zu etablieren», erklärte Zurmühle. Bereits hätten dieVorbereitungen für die vierte Austragung vom 6. bis 8. Dezember 2013 begonnen.

Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

04.09.2012

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schwyzkultur.ch/EqKiy1