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Vom Fieberkäppchen bis zur Goldkrone – verborgene Schätze hinter Klostermauern
Ein unscheinbares Fieberkäppchen für kranke Kinder und eine drei Kilogramm schwere Goldkrone bildeten den Spannungsbogen einer «Exquisit Führung» im Kloster Einsiedeln. Mitglieder des Museums Fram Club erhielten dabei seltene Einblicke in eine Sammlung, die normalerweise hinter verschlossenen Türen bleibt.
Durch die Führung leitete Martin Bamert, pensionierter Denkmalpfleger, der seit 14 Jahren die Schätze des Klosters betreut. Bevor er die Gegenstände präsentierte, spannte er einen historischen Bogen von der Klostergründung im Jahr 994 bis zur Bedeutung Einsiedelns als Wallfahrtsort. Über Jahrhunderte sei das Kloster reich beschenkt worden – nicht nur mit Kunstobjekten, sondern auch mit Ländereien wie der Insel Ufnau im Zürichsee.
Schätze mit weiter Reisegeschichte
Die Sammlung des Klosters umfasst schätzungsweise 4000 bis 5000 Objekte – von herausragenden Einzelstücken bis zu einfacheren Devotionalien. Einige davon wurden bereits im Landesmuseum gezeigt oder bis nach Tokio ausgeliehen; selbst Anfragen aus dem Louvre seien eingegangen. Um Platz zu schaffen, habe das Kloster vor einigen Jahren sogar einen «Flohmarkt» durchgeführt, bei dem weniger bedeutende Stücke abgegeben wurden. Zu den eindrücklichsten Objekten zählte eine diamantbesetzte Brosche, einst geschenkt von Hortense de Beauharnais. Sie und ihr Sohn Louis-Napoléon Bonaparte – der spätere Kaiser Napoleon III. – fanden nach dem Sturz Napoleons I. im Jahr 1815 vorübergehend Zuflucht in Einsiedeln. Auch ein Ring mit Goldtopas, dem angeblichen Lieblingsstein Napoleons I., gehört zu den Erinnerungsstücken aus dieser Zeit.
Glaube, Dankbarkeit und persönliche Geschichten
Viele der gezeigten Objekte erzählen von persönlichen Schicksalen. Mehr als 200 Herzen – manche schlicht, andere prunkvoll – wurden dem Kloster als Zeichen der Dankbarkeit übergeben. Eine gemalte Miniatur von Sibilla Augusta von Baden-Baden etwa geht auf die Heilung ihres sprachbehinderten Sohnes zurück. Auch Brautkleider adeliger Frauen fanden ihren Weg nach Einsiedeln: Sie wurden nicht getragen, sondern zu Gewändern für die Schwarze Madonna umgearbeitet, angelehnt an die spanische Hoftracht. Einen Kontrast zum prunkvollen Schmuck bildete das sogenannte Fieberkäppchen. Mit Segenssprüchen versehen und mit der Schwarzen Madonna bemalt, wurde es kranken Kindern zur Genesung aufgesetzt – ein stilles Zeugnis gelebter Volksfrömmigkeit. Direkt daneben entpackte Bamert unter gespannter Aufmerksamkeit der Gruppe eine massive Goldkrone. Sie stammt von Erzherzog Maximilian III., der nach einem gescheiterten Versuch, König von Polen zu werden, auf den Thron verzichten musste und die Krone dem Kloster schenkte. Selbst Johann Wolfgang von Goethe habe dieses Stück einst besonders gerühmt.
Verbundenheit von Geschichte und Wirtschaft
Die Führung zeigte auch, wie eng Geschichte und Wirtschaft miteinander verbunden waren. Bereits ab 1679 stellte das Kloster Devotionalien wie die «Schabmadonna» – im Volksmund «Leicheibli» – her, um finanzielle Engpässe zu überbrücken. Konkurrenz durch Nachahmer duldete man allerdings nicht: Gussformen wurden eingesammelt, um den Verkauf zu kontrollieren. Mit sichtbarer Leidenschaft berichtete Martin Bamert von den Schätzen, die grösstenteils weiterhin im Verborgenen lagern. Die Besucher hätten nicht einmal ein Prozent der gesamten Sammlung gesehen, sagte er. Sein Wunsch wäre ein eigenes Klostermuseum, um künftig mehr Objekte öffentlich zugänglich zu machen. Die Führung machte deutlich: Nicht nur das Kloster selbst ist reich an Geschichte – jedes einzelne Stück trägt eine eigene, oft überraschende Erzählung in sich.
Einsiedler Anzeiger / Stefan Bisig
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