Film
Vorpremiere von «Namaste Seelisberg»
Seelisberg war über Jahrzehnte Schauplatz einer weltweiten spirituellen Bewegung, die in den 1960er- und 1970er-Jahren die Urner Berggemeinde bis heute sehr prägt. Der Dokumentarfilm «Namaste Seelisberg» des Regisseurs Felice Zenoni wirft nun einen Blick auf dieses Kapitel Schweizer Geschichte und hat am Sonntagmorgen an der Vorpremiere in der Cineboxx Einsiedeln viel Beachtung gefunden.
Urs Fink, Präsident der SRG Schwyz, begrüsste die vielen Kinobesuchenden und erläuterte, dass die SRG immer wieder einheimische Filmschaffende finanziell unterstütze. So auch den Dokumentarfilm des Urner Regisseurs Felice Zenoni, der zur Vorpremiere am Sonntagmorgen selbst anwesend war. Sein Ziel sei es gewesen, die Geschichte der sogenannten «Fliegenden Yogis» zu erzählen – ein Stück Schweizer Zeitgeschichte, das für ihn ohne das Archivmaterial des Schweizer Fernsehens nicht hätte entstehen können. Besonders erleichtert zeigte sich Zenoni darüber, dass der Film überhaupt fertiggestellt werden konnte: «Mein grösstes Highlight ist, dass niemand abgesprungen ist», sagte er offen und mit Blick auf schlaflose Nächte während der Produktion. In der Hippiebewegung und durch die Beatles bekannt Im Zentrum des Films steht die Geschichte der Bewegung um den indischen Meditationslehrer Maharishi Mahesh Yogi. Die Transzendentale Meditation (TM) versteht sich als technikbasierte, religionsunabhängige Meditationsform, die in den 1960erund 1970er-Jahren durch die Hippiebewegung und Prominente wie die Beatles oder Mia Farrow weltweit bekannt wurde.
Von Weltbewegung zur Dorfgeschichte
Die TM-Gemeinschaft etablierte sich 1971 in Seelisberg in den beiden Hotels Sonnenberg und Kulm. Dort entstand das europäische Zentrum der Bewegung. Männer und Frauen lebten getrennt – das Zölibat gehörte vordergründig zu den Regeln der Gemeinschaft. Die Präsenz der internationalen Anhängerschaft führte zu Spannungen mit der Seelisberger Dorfbevölkerung. Der ehemalige Gemeindepräsident erinnert sich im Film daran, dass 1971 sogar eine Petition an den Bundesrat gerichtet worden sei – allerdings erfolglos. Viele Seelisberger störten sich daran, dass auch das lokale kleine Geschäft von den Yogis aufgekauft worden war und Produkte wie Fleisch oder Tabak nicht mehr im Angebot standen, da diese von den TM-Anhängern gemieden wurden. Gleichzeitig schildern Zeitzeugen persönliche Erfahrungen jenseits der Konflikte. Maria und Otto Odermatt leiteten über vierzig Jahre die TM-Akademie in Seelisberg und erzählen von positiven Erlebnissen innerhalb der Gemeinschaft und wie ihnen der Abschied vom Ort schwerfiel.
Personenkult, Hierarchien und Kritik
Im Film wird auch die Rolle des Maharishi kritisch beleuchtet. Einige ehemalige Anhänger berichten von einem starken Personenkult. Der Guru wurde von Teilen der Gemeinschaft als «Seine Heiligkeit» bezeichnet, trat aber nach Aussagen im Film mit einem Lebensstil auf, der nicht immer mit den propagierten Idealen übereinstimmte. So reiste er regelmässig im Helikopter an – sehr zum Unmut der Seelisberger – oder setzte für sich, nach Aussagen Nahestehender, etwa auch beim Thema Zölibat andere Massstäbe. Auch Hierarchien und Machtstrukturen innerhalb der Organisation werden thematisiert. Über die Person Maharishi Mahesh Yogi erfährt man indes etwas wenig. Deshalb heisse der Film auch «Namaste Seelisberg», betonte der Regisseur. Man mag sich fragen, welche Ambivalenz in diesem indischen Guru steckte. Der Sektenexperte Hugo Stamm beschreibt die Bewegung im Dokumentarfilm differenziert, kritisch. Er weist auf mögliche Risiken guru-zentrierter Strukturen, Kommerzialisierung spiritueller Praktiken, emotionaler Abhängigkeit sowie sozialer Abschottungstendenzen hin. Gleichzeitig betont er, dass Meditation als Technik nicht pauschal problematisch sei, sondern vor allem die Organisationsstruktur betrachtet werden müsse.
Stimmen aus der Gemeinschaft und ein heimlicher Star
Zu den zentralen Zeitzeugen des Films gehört die Amerikanerin Susan Shumsky, die von ihrem eigenen Weg innerhalb der Bewegung erzählt – von einstiger Begeisterung hin zu einer distanzierteren Sicht auf die Gemeinschaft. Auch Felix Kägi, in der TM-Szene als «Raja Felix» bekannt und eine der prägenden Figuren der Schweizer Bewegung, kam mehrmals zu Wort. Er war lange Zeit spiritueller Leiter der Schweizer TM-Gemeinschaft und engagierte sich später politisch mit Ideen aus diesem Umfeld. Er war am Sonntagmorgen ebenfalls anwesend und sein anschliessender Kommentar war: «Der Film ist sehr ausgewogen und gelungen. Der Regisseur ist den Fakten auf den Boden gegangen und hat das Spannungsverhältnis gut eingefangen.» Der heimliche Star des Dokumentarfilms ist der 81-jährige, langjährige Hausmeister des Sonnenbergs, Hermann Zwyssig, der als eine Art bodenständiger Kronzeuge auftritt. In einer Szene nutzt er eine Yoga-matte schlicht als Knieunterlage und kommentiert trocken, dass er sie für nichts anderes gebraucht habe.
Zwischen Weltfrieden und Widerstand
Im Kern erzählt «Namaste Seelisberg » die Geschichte eines Wandels: vom Aufstieg einer globalen spirituellen Bewegung über Konflikte mit einer ländlich geprägten Dorfkultur bis hin zur Gegenwart. Die leer stehenden Hotelanlagen wurden inzwischen an die Immobiliengesellschaft Halter AG verkauft, die eine Revitalisierung mit Hotel- und Wohnnutzung plant. Für die Seelisberger verbindet sich damit auch die Hoffnung, dass sich der lang anhaftende Ruf der «fliegenden Yogis auf dem Seelisberg» endlich verändern möge.
Einsiedler Anzeiger / Franziska Keller
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Einsiedler Anzeiger
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