Geheimnisvolle Strukturen, faszinierende Formen und gespenstisches Licht: Der Sihlsee bei Flachwasser – fotografiert während der letzten 20 Jahre.Bild Martin Linsi
Geheimnisvolle Strukturen, faszinierende Formen und gespenstisches Licht: Der Sihlsee bei Flachwasser – fotografiert während der letzten 20 Jahre.Bild Martin Linsi

Kunst & Design

Schatz im Sihlsee

Fotograf Martin Linsi wird in einem neuen Projekt zum Entdecker surrealer Welten. Seit 1937 begräbt das Wasser des Sihlsees die frühere Landschaft vor dem Bau des Stauwerks. Was sich bis heute darin verbirgt, an Formen und Funden, hat Fotograf Martin Linsi in klassischem Schwarzweiss enthüllt.

Wie in der Sahel-Zone sieht die verkrustete Erde mit den zwei Baumstümpfen aus. Der Betrachter des Schwarzweissfotos wähnt sich in afrikanischen Breiten angesichts dieses Anblicks von Trockenheit und Dürre. Doch es ist der heimische Sihlsee bei Niedrigwasser, den Einsiedelns Fotograf Martin Linsi in existenziellem Liniengewirr aus Grau da abgelichtet hat.

Mysteriöse Verfremdung


Noch tiefgründiger als dieses gespenstische Dürre-Szenario wirkt das Licht- und Formenspiel des Wassers in den Entwässerungsgräben des Sihlsees, das der 63-jährige Fotograf auf einer anderen Schwarzweissaufnahme abgebildet hat. Der fast ausgetrocknete See ähnelt einem Nordseeküstenstreifen bei Ebbe. Dieser Impression des einem vermeintlich so bekannten heimatlichen Gewässers, werden durch die Linse Linsis quasi unterirdische Abgründe zu eigen. Denn je länger man sich auf die Schwarzweissaufnahme als Betrachter einlässt, schneiden sich plötzlich surreal anmutende Operationsnarben ins Auge des Schauenden. Und ja, an einer Stelle scheint sogar die Lust aus einer geöffneten Scham ans Tageslicht zu quillen. Eine mysteriöse Verfremdung und gleichzeitig eine feinsinnige Abstraktion des Seegrunds. Atemlos, verstörend, irritierend, aber stets fasziniert, lassen einen die rund 40 Schwarzweissfotos als Betrachter zurück, die Einsiedelns Fotograf in seinem provisorischen Fotoband «Sihlsee» arrangiert hat. Es sind allesamt bislang unveröffentlichte Aufnahmen vom Sihlsee bei Flachwasser – Aufnahmen, die Linsi in den letzten 20 Jahren, zumeist im April, gemacht hat. Die Fotokollektion sind eine Vorstudie zu einem vom Verlag versprochenen neuen Bildband.

Wie ein Schatzsucher


«Wann genau der neue Bildband erscheinen wird, ist noch nicht klar – ich werde dazu sicher auch eine Ausstellung organisieren», sagt Martin Linsi, der einem Einblicke in sein Einsiedler Opus gewährt. Wie ein Schatzsucher der anderen Art ist er am Sihlsee bei tiefen Wasserständen unterwegs gewesen – und dabei fündig geworden. Nicht nur, dass er verborgenes, teils mit Muscheln befallenes Wurzelwerk mit seiner Kamera zutage förderte, Steine und verdeckte Wege freilegte. Man glaubt fast, er hat die DNA des Sihlsees, seine unsichtbare Matrix, entziffert. Wobei der Sihlsee nach wie vor ein Rätsel für den Fotografen bleibt.

Zweite Bedeutungsebene


«Der Sihlsee hat etwas Unnatürliches, etwas, das irgendwie nicht passt – wie die Muscheln an den Wurzeln», versucht Linsi die Mystik des Sees zu erklären. Wobei Linsi natürlich in seiner Landschaftsfotografie gerade neue Formen zu enthüllen versucht. Formen, die Surreales und neue Strukturen offenzulegen versuchen und die der abgebildeten Landschaft quasi eine zweite Bedeutungsebene vermitteln. Dabei ist Linsi wie ein Forscher unterwegs, der dem Sihlsee immer neue motivische Schätze abgewinnt. Der Sihlsee wird zu seiner fotografischen Schatzkammer.

Spiel der freien Formen und des Lichts


Dass unter seinen Schätzen, die er mit seiner Kamera aufgestöbert hat, zahlreiche Aufnahmen sind, die sich zu abstrakten Bildmotiven stilisieren und eine wunderbare Welt der freien Formen und des Lichts heraufbeschwören, die teilweise weit über die Imitation der Natur hinausgehen, passt zum künstlichen Charakter des Sihlsees. Schliesslich ist der Sihlsee tatsächlich kein natürlicher See. Er ist ein menschliches Konstrukt – der grösste Stausee der Schweiz. Er dient zur Stromerzeugung für den technischen Fortschritt, für die Züge der SBB. Durch ihn haben zahlreiche Menschen unfreiwillig ihre Heimat verloren. Militärs haben zu Übungszwecken sogar Bomben auf verlassene Häuser abgeworfen. Und wie Thomas Hürlimann in seinem jüngsten Opus Magnum, seinem Roman «Heimkehr», beschreibt, ist der See – den er zwar nicht beim Namen nennt, der aber als Sihlsee eindeutig erkennbar wird – Ort zahlreicher schicksalhafter Verflechtungen. Der Sihlsee birgt also Untiefen und Geheimnisse, von denen Martin Linsi in seinen neuen Sihlsee-Arbeiten einige hervorragend ans Tageslicht bringt. Man darf hoffen, dass die hervorragenden Arbeiten möglichst bald einer breiten Öffentlichkeit zugänglich werden können.

Einsiedler Anzeiger / Wolfgang Holz

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Kunst & Design

Publiziert am

17.12.2019

Webcode

schwyzkultur.ch/vStBbY