Die vier Schauspieler zeigten hervorragende Leistungen. Bild Armin Grässl
Die vier Schauspieler zeigten hervorragende Leistungen. Bild Armin Grässl

Bühne

Tell möchte eine Wagner-Oper

Das ist eine Leistung: Innerhalb von nur sieben Monaten hat Seelisberg das Freiluft-Erlebnis «Tell trifft Wagner» aus dem Boden gestampft. Eine Art Singspiel, das durch sehr ironische und witzige Dialoge sowie die Leistung der vier Schauspieler und der Regie besticht.

Einen Tag bevor auf dem Rütli die sozusagen offizielle Bundesfeier der Schweiz begangen worden ist, hat das kleine Seelisberg «ein Stockwerk höher» einen ziemlich speziellen Event in seine Spielzeit geschickt. Um Dorf und Tourismus neue Impulse zu geben, ist das «Seelisberg-Rütli-Festival» ins Leben gerufen worden. Zum Start gleich mit dem Schauspiel «Tell trifft Wagner». Absolut verblüffend ist, wie Seelisbergerst am 17. Januar 2013 den definitiven Entscheid dazu gefällt hat. Man sieht dem Event diese Eile nicht an. Immerhin musste ja die gesamte Infrastruktur neu erstellt und vermutlich auch Lehrgeld bezahlt werden, wie auch Impresario Beat Toniolo bestätigte.

Kernidee ist genial

Genial ist die Grundidee dieses Schauspiels: Der weltberühmte Komponist Richard Wagner trifft auf den Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell. Nicht von ungefähr: Wagner war wiederholt in Seelisberg zu Gast, auf Kur mit seiner Gattin oder aufAusflü- gen von Tribschen oder Brunnen her. Wagner war durchaus «berggängig», da könnte es doch sein, dass er wirklich die mystische Figur Tell erfahren hat. Genau an diesem Spielort. Tell aber will von Wagner eine Oper komponiert haben. Soll Wagner am «Siegfried» weiterdichten oder doch «Tell»? Der Konflikt ist da und wird dadurch intensiv belebt, dass noch andere Figuren aus dem Umfeld von Wagner oder dem Schweizer Selbstverständnis auftreten. Etwa der für die Urschweiz und Wagner schwärmende bayerische König Ludwig II., die ganze weibliche Entourage um Wagner oder zuletzt wie als Klischees Heidi und der Alpöhi. All diese Konfrontationen über die Jahrhunderte hinweg erträgt es bestens, denn die Texte der Co-Autorenschaft sind hervorragend. Ursula Haas beherrscht die gestelzte, euphemische Sprache Wagners, Guy Krneta hat überaus ironische Dialoge geschrieben, die recht doppelbödig sein und auch aktuelle Bezüge haben können. Diese Szenen sind Höhepunkte in der Aufführung.

Nur vier Schauspieler

Eine hervorragende Leistung bringt auch das Ensemble: Nur vier Schauspieler bewältigen das zweistündige Programm.Wagner wird vonAlbrecht Hirche gespielt. Er schafft es, die bizarre Figur des Komponisten in seinen Selbstzweifeln, seiner Zerrissenheit grandios zu zeigen. Mal pathetisch, rastlos, egozentrisch, dann als Hypochonder oder tüchtig unter dem Pantoffel seiner Cosima.Der Bündner Andrea Zogg spielt Tell, wuchtig und witzig, mit Schiller-Zitaten, die so einen ganz anderen Sinn bekommen. Dieser Tell wird schnell zum Liebling des Publikums, weil er irgendwie selber über den ganzen Mythos schmunzelt. Cosima Wagner wird von Katka Kurze dargestellt. Eine Frau in rauschenden Röcken, die Wagner einerseits vergöttert, ihm aber auch recht pragmatisch die Leviten liest. Und dann noch die Multi-Darstellerin Fabienne Hadorn: Sie spielt Ludwig II., Heidi, die Wesendonck als Wangers Geliebte und Undine. Ein wahres Rollen-Feuerwerk.

Die Natur gehört zur Szenerie

Das Bühnenbild kommt mit wenigen Requisiten aus, lässt den Durchblick auf den Urnersee und dieAlpen offen. So spielen auch die in der Abendsonne glühenden Bergspitzen mit und machen die Schwärmerei Wagners für diese Erhabenheit der Natur erst recht glaubhaft. Die Regie wendet sogar sprachliche Kniffe an. Regisseurin Meret Matter, eine Tochter von Mani Matter, lässt Ludwig II. mit bayerischem Akzent sprechen.Was er ja sichergetan hat, aber einem so gar nicht bewusst gewesen ist. Oder dann fällt Wagner in panischer Verzweiflung über sein «Burnout» plötzlich ins Sächsische ab. Die Regie lässt auf dem ganzen Umgeländespielen, der Wiese, der Zuschauertribüne, den Geländern. Das romantische Waldweidli wird Schauspielhaus. Die Inszenierung funktioniert als Singspiel. Da steckt allerdings noch Potenzial drin. Der musikalische Einstieg ist für die Zuschauer schwierig, die lyrischen Kompositionen von Bertrand Roulet schwer zugänglich. Vielleicht wären vermehrte Auszüge aus Wagners populäreren Melodien statt Roulets Eigenkompositionen besser gewesen. Zudem musste Wagner-Spezialist

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

02.08.2013

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schwyzkultur.ch/h8n6HV