«Sorry, sorry, sorry, darin sehe ich zu wenig…» Autor Tim Krohn (links) über Regisseur Beat Fäh, der seine Entwürfe mehr als einmal zur Überarbeitung zurückgewiesen hat. Bild Archiv EA
«Sorry, sorry, sorry, darin sehe ich zu wenig…» Autor Tim Krohn (links) über Regisseur Beat Fäh, der seine Entwürfe mehr als einmal zur Überarbeitung zurückgewiesen hat. Bild Archiv EA

Dies & Das

«Da schwingt ein Quentchen Grössenwahn»

In einem Jahr, am 21. Juni, feiert das Welttheater seine Premiere. Im Gespräch mit unserer Zeitung gewährt Autor Tim Krohn Einblicke in die Gestehungsgeschichte seines neuen Textes.

Victor Kälin: Ein neues Welttheater zu schreiben lautet der Auftrag der Welttheatergesellschaft. Wie setzen Sie eine solch gewaltige Aufgabe um?

Tim Krohn: In einem ersten Schritt übersetzte ich Calderón anhand der spanischen Vorlage neu. Oder besser: übertrug ihn in unsere Zeit, versuchte ihn in seinem Wesen zu begreifen. Über diesen Text diskutierten Beat Fäh (siehe Box) und ich lange, schälten die Unterschiede zwischen Calderóns Denken und dem heutigen heraus, wir setzten für uns gewisse Eckpunkte, die uns wesentlich sind, die aber bei Calderón fehlen, insbesondere kreisten unsere Gespräche um den freien Willen des Menschen. Dann schrieb ich verschiedene Stückversuche. Wir wussten von Anfang an, es geht nur über «trial and error», die Aufgabe ist zu komplex, um im Vornherein geplant zu werden. Ich schrieb ein Stück, Beat las es und sagte: Sorry, darin sehe ich zu wenig, das mich interessiert. Sorry, das ist zu kleinräumig gedacht, dafür ist der Klosterplatz schlicht zu gross. Sorry, das ist zu schwierig zu spielen... Im dritten Anlauf fand ich dann einen Ansatz, den wir für spielbar hielten.

Ein Jahr vor der Premiere: Wie weit sind Sie mit Ihrer Arbeit gediehen? Wo stehen Sie?

Eine Autorenfassung ist fertig. Momentan geht es darum, dass die verschiedenen Baustellen – Bühnenbild und Licht, Choreografie, Musik, Kostüm – jeweils aus ihrer Warte darüber nachdenken, wie sie das Geschriebene umsetzen können, respektive was wie umgeschrieben werden kann, soll oder muss. Angelpunkt dieser Diskussion ist Beat Fäh. Er muss alle Fäden zusammenhalten und entscheiden, wie wir mit den einzelnen Herausforderungen und Diskrepanzen umgehen.

Welche grossen Hürden auf dem Weg zum neuen Welttheater-Text mussten Sie überwinden?

So viele Menschen hatten je ihre eigene Sicht darauf, wie «das Stück» auszusehen hat, doch niemand mochte sie äussern. Der Platz ist ja unglaublich schwierig zu bespielen, die Menschen sind darauf winzig, es kann per se nicht darum gehen, ein klassisches Sprechtheaterstück zu schreiben. Musik, Choreografie, Licht, Kostüm sind alle mindestens so wichtig wie der Text. Und so hätte ich mir natürlich gewünscht, ich hätte von jenen Baustellen konkrete Forderungen oder Wünsche erhalten. Doch alle sagten: Schreib du mal, einer muss ja anfangen. Es war ein bisschen so, als wollte man mit einem einzigen Mast ein quadratisches Zelt so aufstellen, dass am Schluss die anderen Masten nur noch hineingeschoben werden müssen. Natürlich geht das nicht. Aber inzwischen haben wir uns gut verständigt.

Wovon liessen Sie sich bei der inhaltlichen Festlegung der «grossen Linien» vor allem leiten, beeinflussen?

Es gab ein Thema, das sich sehr schnell aufdrängte. Calderóns Stück dreht sich um die Frage, was den Menschen ausmacht. Warum sind wir da? Was ist unser Zweck? Wann hat unser Leben Sinn? Was können wir erreichen? Warum leiden wir? Warum scheitern wir? Und was bedeutet es zu scheitern? Ist das Scheitern, der Fehler, das Unperfekte ein Teil des Wegs oder die Abkehr davon? Heute wird viel über die Gentechnologie debattiert. Wir sind in der Lage, in Gottes Schöpfung einzugreifen, wir können den Bauplan von Lebewesen verändern, wir können ausmustern, selektionieren, «perfektionieren». Doch was ist das «Perfekte»? Unsere Gesellschaft tendiert dazu, alles Schwierige, alles Hässliche und Ineffiziente als schlecht zu taxieren. Und Schlechtes gehört ausgemustert. Doch was für eine Gesellschaft haben wir, wenn nur noch das Schöne, Reine übrigbleibt? Wenn wir allen Widerständen aus dem Weg gehen? Und ist nicht die Vielfalt das viel höhere Gut als ein Ideal – umso mehr, als Ideale Moden unterliegen? Wird uns, was wir heute ausrotten, nicht morgen fehlen?

Wo holten Sie sich Ihre Inspiration?

Alles war wesentlich: Der Ort, die Menschen in Einsiedeln, die Stücke unserer Vorgänger, die aktuellen Debatten, die je ganz eigenen Erfahrungen, die Beat Fäh und ich im Lauf unseres Lebens gemacht hatten...

Was ist Ihnen im Verlaufe der doch schon über

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

22.06.2012

Webcode

schwyzkultur.ch/wtjFVJ