Was ist wichtig? Tim Krohn: «Dass ich mich ehrlich und rückhaltlos meiner Aufgabe hingebe.» Bild zvg
Was ist wichtig? Tim Krohn: «Dass ich mich ehrlich und rückhaltlos meiner Aufgabe hingebe.» Bild zvg

Dies & Das

«Das Heil wird nicht mehr von Gott, sondern von der Medizin erwartet»

Das Welttheater Einsiedeln 2013 entsteht, am 21. Juni ist Premiere. Die Spannung nimmt zu, auch bei Autor Tim Krohn. Denn sein Text ist erst an der Premiere abgeschlossen.

Mit Tim Krohn sprach Johanna Mächler

In Deutschland geboren, in Glarus aufgewachsen – welchen Bezug haben Sie zu Einsiedeln?

Ich hatte keinen Bezug zu Einsiedeln, bis ich mich mit diesem Stück für das Welttheater auseinandersetzen durfte. Ich kam zu Einsiedeln durch unseren Regisseur Beat Fäh, der mich als Autor anfragte. Wir haben vor zehn Jahren bereits zusammengearbeitet, was damals nicht so gut lief. Er kam dennoch, aufgrund eines Zeitungsartikels, den ich geschrieben hatte, auf mich zu. Wir stellten in Gesprächen fest, dass uns ähnliche Lebensfragen beschäftigen.

Was hat Sie an der Aufgabe, das Welttheater neu zu schreiben, am meisten gereizt?

Vieles. Allein, dass ich mit Beat Fäh zusammenarbeiten darf, ist eine grosse Bereicherung. Es ist aber auch dieses grössenwahnsinnige Projekt in Einsiedeln. An ihm würden viele Profis scheitern, der Platz ist riesig, Calderóns Vorlage abstrakt, kein Schwank, sondern ernste, schwierige Kost, mit den grössten Fragen, die sich dasTheater überhaupt stellen kann. Und diese Laiendarsteller kommen und sagen: Doch, wir wollen das, wir packen das. Dieser Wille ist grossartig.

Was sind Calderóns Fragen?

Was ist der Mensch? Wozu ist er da? Was ist ein glückliches Leben? Was braucht es dazu? Wonach will ich mich richten, um am Ende sagen zu können, mein Leben war gut? Einsiedeln passt so wunderbar zu diesem Stück, weil die Pilger mit eben diesen Fragen hierher kommen. Sie finden vielleicht keine Antworten, aber einen Weg aus ihrer Enge hinaus, eine Horizonterweiterung.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Müsste ich mich religiös einordnen, würde ich mich als Pantheist bezeichnen. Denn ich glaube, es gibt grosse Kräfte in der Welt. Naturgesetze, die wir Menschen nicht begreifen – etwa die Geburt eines Kindes.Wir können darin eine Ordnung erkennen.Aber einen Menschen aus eigener Kraft schaffen kann niemand. Gerade daraufhin arbeitet die Medizin allerdings heute verstärkt, und das wird ein Thema unseres Welttheaters sein.

Was wog schwerer, als Sie an diesem Stück schrieben, die Ehre oder die Verantwortung?

Über die Ehre und die Verantwortung stelle ich die Begegnung mit Menschen. Und da sehe ich keinen grossen Unterschied, ob ich ein Stück für zwei Personen oder für eine Hundertschaft schreibe. Klar, ist hier ein anderer Aufwand, ein anderes Budget nötig. Ich versuche immer, meine Stücke so zu schreiben, dass der Akteur mithilfe des Texts auf der Bühne bestehen kann. Was der Effekt daraus ist, ob am Ende der Saison drei Leute oder 30 000 Leute «etwas» mitgenommen haben, wissen wir nicht. Aber das spielt auch keine Rolle.

Was spielt denn eine Rolle?

Dass ich mich ehrlich und rückhaltlos meiner Aufgabe hingebe. Mich leitet der Gedanke, dass so unterschiedliche Menschen mit einer so schwierigen Aufgabe Gemeinschaft feiern. Und vergessen Sie nicht, dass nur eine Handvoll Leute etwas daran verdient, alle anderen kostet es – Zeit, Schweiss, Tränen. Das geht total gegen den Zeitgeist.

Haben Sie das Welttheater von Calderón gelesen? Oder anders gefragt, welche Recherche brauchte es?

Ich habe Calderón gelesen. Eichendorff hat ihn in seiner Übersetzung romantisiert und den feinen Humor Calderóns weggelassen. Aber es gibt, unabhängig von allen Interpretationen, die eine Grundfrage bei Calderón: jene nach dem Sinn des Daseins. Damals waren fast alle Menschen in Nöten: Krieg, Hunger, Krankheiten. Die Frage lautete: Wie kann ich im Leben bestehen, ohne zu verzweifeln? Was gibt es an Trost? Heute ist das Gegenteil der Fall.Wir haben so viele Optionen im Leben, dass wir eben an der Vielfalt verzweifeln. Alle könnten so vieles werden und sterben vorAngst, den falschen Weg einzuschlagen. Wir haben uns also mehr mit der heutigen Gesellschaft als mit Calderón beschäftigt.

Und kamen dabei zwangsläufig auf die Medizin?

Ja, denn die Medizin beeinflusst das Leben immer mehr. Heute erwartet man nicht mehr von Gott das Heil. Die Medizin soll das Heil, den vollkommenen Menschen, das ewige Leben bringen.

Welche

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

05.06.2013

Webcode

schwyzkultur.ch/4bY9uc