«Wenn man auf dem Handy Bilder zeigen kann, ist es für Künstler schwierig, etwas rauszuhauen, das mit den Menschen was macht», sagt Bildhauer Bernhard Annen, hier mit seinem Werk «Wenn die Lippen fehlen, frieren die Zähne». Bild: Silvia Camenzind
«Wenn man auf dem Handy Bilder zeigen kann, ist es für Künstler schwierig, etwas rauszuhauen, das mit den Menschen was macht», sagt Bildhauer Bernhard Annen, hier mit seinem Werk «Wenn die Lippen fehlen, frieren die Zähne». Bild: Silvia Camenzind
Martina Clavadetscher: «Das Privileg des Erfindens müssen sich die Autoren zurückerobern». Bild SKP-Archiv
Martina Clavadetscher: «Das Privileg des Erfindens müssen sich die Autoren zurückerobern». Bild SKP-Archiv

Dies & Das

Kunst wird aufdringlicher, plakativer

Wie verändert sich die bildende Kunst bis ins Jahr 2050? Für die «Bote»-Sommerserie sinnierte der Schwyzer Bildhauer Bernhard Annen über die Zukunft der Kunst im Kanton und darüber hinaus.

Bernhard Annen sitzt in seinem Atelier in Ried, Muotathal. Spontan macht der Bildhauer sich für die Sommerserie 2050 Gedanken über Kunst ganz allgemein und insbesondere im Kanton Schwyz. Er geht der Frage nach, wie und was Kunst in 32 Jahren sein wird. Der Bildhauer sagt: «Kunst findet inmitten der Gesellschaft statt. Sie ist der Spiegel, sie reflektiert über den Menschen mit all seinen Facetten und probiert dabei, die grossen zeitlosen Themen des Menschen zu fassen.» Bernhard Annen ist überzeugt, dass Kunst immer ein Spiegel des Zeitgeistes bleiben wird. Auch künftig werde die Kunst aufnehmen, was Menschen, Umwelt, Religion, Politik und Wirtschaft betrifft und daraus entstehe ein Werk, das anregen kann, nachzudenken, erstaunt zu sein, fröhlich oder traurig zu werden. Annen ist überzeugt, dass sich das nie ändern wird: «Welches Kleid die Kunst erhält, hängt von der Mode ab», ergänzt der Künstler.


Tabus zum Brechen werden gesucht


Die Gesellschaft hat sich alleine in der Zeit von 2008 bis 2018 enorm gewandelt. Annen macht mit einer Hand eine Wischbewegung und sagt: «Wir schauen uns täglich Tausende Bilder auf dem Handy an. Das macht etwas mit uns.» Das einzelne Bild werde nicht mehr genau untersucht. Annen meint deshalb: «Kunst wird in Zukunft aufdringlicher und plakativer.» Um Aufmerksamkeit zu erregen, werde nach Tabus gesucht, die man noch brechen könne. Der Künstler blickt hundert Jahre zurück: «Ein Mensch von damals hätte Mühe, mit dem meisten, was heute unter Kunst läuft.» Dann blickt er noch weiter zurück zum Übergang von der Römerzeit ins Frühchristentum, als handwerkliche Fähigkeiten verloren gingen. «Auch das kann passieren, dazu braucht es nicht viele Generationen.» Annen erachtet es als möglich, dass im Jahr 2050 das Geschick, ein handgefertigtes Kunstwerk zu schaffen, fehlen könnte. Alle Stilrichtungen der Kunst werden auf dem Primär- wie auch Sekundär- Markt zu sehr hohen Preisen angeboten. Das lässt Annen über eine Orientierungslosigkeit des Marktes nachdenken. Die Orientierungslosigkeit spiegle unsere Zeit, den Werteverlust, die Umorientierungen. International habe eine Anpassung nach unten stattgefunden: «Beliebig und mittelmässig», fasst der Bildhauer den Kunstmarkt zusammen, auf dem heute horrende Preise bezahlt werden.


Kultur wird weiter aus dem Kanton abwandern


Blickt Annen auf den Kanton Schwyz und dessen Kunstszene im Jahr 2050, dann malt er ein düsteres Bild: Kultur werde aus dem Kanton Schwyz abwandern, die Ausbildung werde gestrichen, im öffentlichen Raum werde es nicht mehr Kunst geben als heute. Schlichtweg, weil das Bewusstsein dafür nicht vorhanden sei. Doch warum fehlt das Bewusstsein? «Man glaubt nicht, dass Kunst etwas mit den Menschen machen kann», erklärt Bernhard Annen. Der Künstler ist überzeugt, dass in den nächsten 34 Jahren die Schere noch weiter auseinandergehen wird. Annen erklärt: «Ein Künstler, der etwas Gutes machen will, braucht Zeit, Geld, Talent und Möglichkeiten.» International sei sehr viel Geld für Kunst vorhanden. Im Kanton Schwyz hingegen sei kein Geld für Kunst vorhanden, auch in Zukunft nicht. Der Bildhauer nimmt das gelassen und hebt die Schultern: «Das ist nichts Schlimmes, vielleicht hat es ja von Anderm mehr.»


«Man kann kaum mehr unterscheiden, was wahr oder erfunden ist»


«Im Jahr 2050 wird noch gelesen werden, ist die Autorin Martina Clavadetscher überzeugt. Wie schon Bernhard Annen spricht auch sie von einem Grundbedürfnis: «Das Erzählen und Erfahren von Geschichten ist ein Grundbedürfnis des Menschen», sagt Clavadetscher und ergänzt: «Wichtig ist jedoch, was mit welcher Haltung aufgenommen wird.» Die Politik und das Medienbusiness hätten längst begonnen, der Kunst das Mittel der Fiktion streitig zu machen. «Informationen und die Weltgeschichte werden plötzlich als Unterhaltungsform präsentiert und konsumiert; und das Publikum kann kaum mehr unterscheiden, was wahr oder erfunden ist. Was den Lesern einst als Wahrheit und Tatsachen vorgelegt wurde, ist plötzlich ein Lügenmärchen.» Da sieht die Brunnerin die grosse Herausfordung, aber auch die tatsächliche Chance für das Lesen und Schreiben in der Zukunft:


Privileg des Erfindens liegt bei den Autorinnen und Autoren


Laut Clavadetscher müssen sich Autorinnen und Autoren das Privileg des Erfindens zurückerobern: «Autorinnen dürfen eine Realität erfinden, weil der Leser von Anfang an davon ausgeht.» Diese klare Übereinkunft werde das Buch in der Zukunft umso wertvoller machen», ist die Autorin überzeugt.


 


Bote der Urschweiz / Silvia Camenzind

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

07.08.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/mFyXiT