Michael Steiner, Regisseur, aufgewachsen in Wangen.
Michael Steiner, Regisseur, aufgewachsen in Wangen.

Film

«Meine Kindheit in der March hat sehr viel mit ‹Sennentuntschi› zu tun»

Selten gab ein Film bereits im Vorfeld so viel zu reden: Am vergangenen Donnerstag feierte «Sennentuntschi» am Zurich Film Festival Premiere. Heute Mittwoch läuft er im Rahmen des Film Festivals, und am 14. Oktober kommt er in die Schweizer Kinos. Unsere Zeitung traf den am Obersee aufgewachsenen Regisseur Michael Steiner wenige Stunden vor der Premiere.

Mit Michael Steiner sprach Irene Lustenberger
Herr Steiner, «Sennentuntschi» feiert heute Abend endlich Premiere. Wie fühlen Sie sich?

Ich bin nervös. Die Vergangenheit spielt bei der Filmpremiere keine Rolle. Es interessiert nur der Film und wie die Leute darauf reagieren. Welche Vorgeschichte der Film hat, ist den Leuten egal.

Was hat Sie daran gereizt, die Sage «Sennentuntschi» zu verfilmen?

Generell der Umgang mit den schweizerischen, archaischen Wurzeln, mit den Mythen und Sagen; die Klischees und Bilder, die es über die Dörfer gibt. Wie kann ein Dorf zum Pöbel werden durch religiöse Raserei, es kann auch politische Raserei sein. Der European Kings Club beispielsweise, der früher auch in der Obersee-Region stark vertreten war, ist so ein Fall, der mich stark interessiert. Wie schafft es ein Dorf, dass 60 Prozent der Bevölkerung da mitmacht, obwohl jeder in Zürich gesagt hat, dass das ein Schneeball-System ist und man da nicht mitmachen soll. Und trotzdem sind ihm viele auf den Leim gekrochen und haben gedacht, es sei ein Heils-Bringer. Diese plötzliche Hysterie in kleinen Gemeinschaften, die sehr stark miteinander verwurzelt sind, gibt es auch heute noch. Das alles zusammen in Kombination ergibt dann «Sennentuntschi».

Und wie ist es dazu gekommen, dass Sie den Film gedreht haben?

Das war ein langer Prozess. Ich hatte die Struktur im Kopf, und der Mythos «Sennentuntschi» hat sich sehr gut geeignet, um ihn auf das Schema aufzubauen.

«Grounding» und «Mein Name ist Eugen» waren massentauglich und sehr erfolgreich. «Sennentuntschi» ist nun aber viel radikaler. Warum glauben Sie trotzdem an den Erfolg?

Ich weiss nicht, ob der Film erfolgreich wird. Das sehen wir dann. Ich habe im Vorfeld auch nie gesagt, dass «Eugen» und «Grounding» erfolgreich werden. Es beginnt dann, wenn die Kinokassen aufgehen.

Sie erwarten 100 000 bis 200 000 Zuschauer.

Das wären für die Schweiz sehr viele.

Bei den anderen beiden Filmen waren es aber mehr …

Ja das stimmt. Das heisst aber nicht, dass weniger Zuschauer ein Misserfolg wäre. «Sennentuntschi» ist ein anderes Genre. In der Schweiz ist jeder Schweizer Film, der über 50 000 Zuschauer hat, erfolgreich.

Und wann sprechen Sie von einem Flop?

Für mich gibt es eigentlich keinen Flop. Ich liebe alle meine Filme, und mir gefällt er. Ob er den Leuten gefällt, sehen wir dann. Ich denke nicht in Zahlen, ich bin Künstler und kein Buchhalter. Ich bin glücklich, wenn so viele Menschen wie möglich meine Arbeit anschauen gehen, aber ich bin keiner, der mit dem Taschenrechner dort sitzt und die Zuschauer zählt. Als Künstler macht man vieles im Leben, und gewisse Dinge werden von einer grösseren Masse geschaut und geschätzt und andere nicht.

Sie waren vorher der Liebling und mussten sich nun an rauere Umgangstöne gewöhnen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Neider sind immer dann am lautesten, wenn es einem am schlechtesten geht. Es wird immer wieder Momente geben, wo ich oben bin. Und dann sind die anderen ruhig.

«Grounding» war ein Politfilm, «Mein Name ist Eugen» ein Familienfilm, und nun folgt ein Mysteryfilm. Sie hüpfen von Genre zu Genre. Sind Sie eine Person, die sich nicht gerne schubladisieren lässt?

Ich mache nicht gerne zweimal dasselbe und wiederhole mich nicht gerne. Für einen Filmemacher ist das das Schönste, wenn man die Genres wechseln kann. Es ist immer eine neue Herausforderung. Ich sehe mich als vielseitigen Regisseur, der gerne verschiedene Dinge macht.

Sie sind in Wangen und Rapperswil aufgewachsen, wo es viele Berge und Alpen gibt. Durch Ihren Film zerstören Sie das Bild der idyllischen Alpen …

Nun gut, ihr seid mittlerweile auch ein Teil der Zürich-Agglomeration geworden (lacht). Ich habe elf Jahre lang in Wangen gelebt und die Alpaufzüge ins Wägital mitgemacht. Damals war Wangen noch ein richtiges Dorf, und inzwischen ist es gewachsen. Viele Geistergeschichten, die in «Sennentuntschi » mitschwingen, habe ich in Wangen gelernt. Die March kannte viele solcher Geschichten, und

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Film

Publiziert am

29.09.2010

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schwyzkultur.ch/LvYHkL