Bruno Steiner beschäftigt sich mit den geringen Kulturausgaben im Kanton Schwyz und besucht Einsiedeln: «Es ist Tradition in diesem Kanton, dass Kulturschaffende die hohle Hand machen und sich für ihr Tun und Treiben gar noch rechtfertigen müssen.» Foto: Christoph Oertli
Bruno Steiner beschäftigt sich mit den geringen Kulturausgaben im Kanton Schwyz und besucht Einsiedeln: «Es ist Tradition in diesem Kanton, dass Kulturschaffende die hohle Hand machen und sich für ihr Tun und Treiben gar noch rechtfertigen müssen.» Foto: Christoph Oertli

Dies & Das

«Kulturförderung ist auch Wirtschaftsförderung»

Bruno Steiner hat es geschafft: Dank eines Crowdfunding-Projekts hat er über 15’000 Franken gesammelt. Mit diesem Geld organisiert der 51-jährige Künstler Veranstaltungen im Kanton Schwyz, die sich um Kulturfragen drehen.

Magnus Leibundgut: Sie haben mittels eines Crowdfunding-Projekts über 15’000 Franken gesammelt. Sind Sie überrascht worden vom Erfolg Ihrer Aktion?


Bruno Steiner: Ich habe gehofft,das Ziel zu erreichen. Und ich finde es toll, dass sich über Hundert Leute an der Aktion beteiligt haben und Geld gespendet haben. Was mich besonders freut, dass sich darunter auch Personen aus der Zentralschweiz und aus Basel finden.

Was hat den Ausschlag gegeben für diesen Erfolg?


Viele Leute stellen sich Fragen, die sich um die Kultur drehen: Wie kommt es zu einer paradoxen Vernachlässigung der zeitgenössischen Kultur im überaus reichen Kanton Schwyz? Mit einer Eventreihe soll der Kontext des Kulturmangels beleuchtet werden. Kulturschaffenden bleibt oft nichts anderes übrig, als die hohle Hand zu machen, weil ihre Arbeit nicht ausreichend entlöhnt wird. Dass Kultur ein Wirtschaftsfaktor sein könnte, scheint dabei vergessen zu gehen.

Was stellen Sie jetzt konkret mit diesem Geld an?


Fürs Erste wird das Geld dafür gebraucht, vier öffentliche Veranstaltungen durchzuführen, die im kommenden Jahr über die Bühne gehen. Wir finanzieren damit Impulsreferenten, Kulturgäste, die Mieten der Räume, Schreibende für Vermittlungsarbeit und eine Website.

Wieso starten Sie die Veranstaltungsreihe im Februar ausgerechnet im Klosterdorf?


Weil Einsiedeln einfach ein wundersam schöner Ort ist. Und weil sich das Klosterdorf am besten eignet, Religion und Kirche in den Fokus zu rücken: Denn an unserer ersten Veranstaltung soll es um die starke kulturelle Prägung durch die katholische Kirche, Rituale, katholische Bildungsinstitutionen, die Machtallianz zwischen Kirche und Staat und um Ausschlusstendenzen gehen. Impulsreferentin wird Silvia Henke sein: Sie ist Kulturwissenschaftlerin und Professorin für Kulturtheorie an der Hochschule Luzern.

Welche Gäste sind am Podium in Einsiedeln vertreten?


Als Kulturgast ist Barbara van der Meulen mit dabei: Sie arbeitet als Programmleiterin für Kultur im Kloster Dornach und ist Expertin in Geschichte der Klöster und Kirchen und welche Bedeutung diese für das Kulturleben haben. Da geht es nicht zuletzt auch um die Frage, was mit den Kirchenräumen anzustellen sei, wenn sie nicht mehr geistlichen Zwecken zu dienen haben. Als weiteren Gast versuchen wir, vielleicht den Historiker und Einsiedler Benediktinermönch Pater Thomas Fässler zu gewinnen.

In welchem Rahmen sollen die vier öffentlichen Veranstaltungen im ganzen Kanton 2022/2023 über die Bühne gehen?


Nach dem Referat wird auf dem Podium eine moderierte Diskussion unter den Kulturgästen über die Bühne gehen. In einer Pause kann das Publikum schriftliche Fragen eingeben, die dann das Podium zu beantworten versucht.

Wie sind Sie überhaupt auf dieses Projekt gekommen?


Aufgeschreckt wurde ich vor 16 Jahren, als das Schwyzer Kulturfördergesetz wegen 700 Stimmen Schiffbruch erlitten hatte. Der Kanton Schwyz ist reich, macht jedes Jahr Hunderte von Millionen Franken Gewinn, finanziert aber Kultur fast ausschliesslich über Swisslos-Beträge. Ich selber bin auch deswegen nach Basel ausgewandert, weil ich im Kanton Schwyz keine Perspektiven gesehen habe.

Wieso gibt es im reichen Kanton Schwyz kein Gesetz, das Kultur fördert?


Der Ursprung dieses Missstands mag weit zurückreichen bis in die Zeiten des Sonderbundskriegs, als im Kanton Schwyz mehrbessere Aristokraten das Sagen hatten. Das ist gar nicht so lange her: Diese ultrakonservative Sicht auf Geld und Kultur mag heute noch im Kanton Schwyz vorherrschen.

Auf welche Art und Weise wollen Sie erreichen, dass ein Fördergesetz im Kanton Schwyz eingeführt wird?


Man muss klarmachen, dass Kultur nicht einfach etwas Losgelöstes ist, sondern mit Wirtschaft und Politik verbunden ist. Die Wirtschaft und der Tourismus profitieren selber und haben einen Gewinn davon, wenn man die Kultur anständig unterstützt. Kulturförderung ist in diesem Sinne auch Wirtschaftsförderung. Es gibt einen Kreislauf der Kultur, der sich auf die Schulen, die Archive, die Institutionen ausweitet. Wichtig ist die Vermittlung der Kultur, die zu Inspirationen anregt. Wesentlich ist, dass man in diesem Bereich Experimente wagt – auch mit dem Preis, dass man scheitern kann.

Wieso will der Kanton Schwyz bei Investitionen für die Allgemeinheit sparen, dass Gott erbarm?


Aus Sicht des Schwyzer Regierungsrats besteht in Sachen Kulturförderung kein Mangel. Aus der Verwaltung hört man allerdings andere Töne: Darin erkennt man, wie es an der Vermittlung von Kultur bereits hapert, wenn diese Töne nicht bis in die Regierung durchdringen. Alt Regierungsrat Peter Reuteler hat bereits umgedacht und spricht sich unterdessen für institutionalisierte Kulturförderung aus.

Stimmt es denn, dass man geiziger wird, je reicher man ist?


Das ist eine gute Frage: Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Über diese Frage würde ich mich gerne einmal mit Regierungsrat Kaspar Michel unterhalten, den Finanzdirektor im Kanton Schwyz.

Es gibt reiche Kantone, die geben reichlich Geld aus für die Kultur. Wieso macht das der Schwyzer nicht?


Es ist Tradition im Kanton Schwyz, dass Kulturschaffende die hohle Hand machen und sich für ihr Tun und Treiben gar noch rechtfertigen müssen. Bauern müssen demgegenüber nicht betteln gehen, obwohl sie auch von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Was ich nicht so günstig finde: Wenn reiche Mäzene die Finanzierung der Kultur übernehmen würden. Die Kulturförderung sollte auch von der öffentlichen Hand betrieben werden.

Müsste der Input für eine stärkere Kulturförderung im Kanton Schwyz von der Politik aus kommen?


Die Politik engagiert sich durchaus für die Kultur: Es gibt zum Beispiel das Aktionskomitee Schwyz Kultur (AKS). Zudem sind im Kanton Schwyz die Musikschul- und die Transparenzinitiative lanciert worden: Bei diesen Initiativen geht es schliesslich nicht zuletzt auch um Kultur. Und dann steht im Jahr 2024 die Erneuerung des Schwyzer Kulturförderleitbilds auf dem Programm. Und mit dem Kulturförderleitbild hat die Politik ja auch ein Instrument in der Hand, das reale und wünschenswerte Ziele formuliert.

Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

12.11.2021

Webcode

www.schwyzkultur.ch/59LQsk