Engelhaar wird traditionellerweise in Deutschland hergestellt.
Engelhaar wird traditionellerweise in Deutschland hergestellt.
«Engelshaar»: Gisela Karl verpackt auf dem Ladentisch das von ihrem Gatten Hans produzierte, flauschig weisse «Lockenhaar».
«Engelshaar»: Gisela Karl verpackt auf dem Ladentisch das von ihrem Gatten Hans produzierte, flauschig weisse «Lockenhaar».
Alte und wohl letzte Glasspinnmaschine: Hans Karl hat in fünfter Generation das Handwerk des Glasspinners von seinem Schwiegervater übernommen.
Alte und wohl letzte Glasspinnmaschine: Hans Karl hat in fünfter Generation das Handwerk des Glasspinners von seinem Schwiegervater übernommen.

Volkskultur

«Engelshaar» kommt aus Lauscha

Das zur Weihnachtszeit als Dekorationsmaterial nach wie vor beliebte «Engelshaar» oder «Feenhaar» wird heute noch in alter Tradition im Thüringer Wald produziert. Seinen Ursprung hat es im Glasbläserhandwerk, und zwar in enger Verbindung mit dem Christbaumschmuck, der 1847 in Lauscha (D) vermutlich zufällig erfunden wurde.

Wer in den Thüringer Wald reist, der hat meist sein erklärtes Ziel: möglicherweise ausgedehnte Wanderungen entlang des Rennsteigs oder der unmittelbare Kontakt mit dem traditionsreichen Handwerk der Glasbläser. Ihre Arbeit findet alljährlich vor allem zur Advents- undWeihnachtszeit breitere Aufmerksamkeit, sei es auf Weihnachtsmärkten, in Antiquitätengeschäften, an Sonderausstellungen oder zu Hause beim Schmücken des Christbaumes oder eines Tannenastes. Doch fragt sich heute in der Regel kaum mehr jemand, woher eigentlich ursprünglich die vielfältig gestalteten Kugeln und Figuren und ihr Glimmer stammen. Den spontanen Käufer irritieren vielmehr die inzwischen augenfälligen Preisunterschiede – selten ahnend, dass die Differenz zwischen Handwerkskunst («Made in Germany») und Dutzendware («Made in China») liegen könnte.

«Mutterglashütte» von Lauscha

Im südlichen Thüringer Wald ist Lauscha die Geburtsstätte des gläsernen Christbaumschmucks und des Kunsthandwerks der Glasbläser. Der Ort entstand 1597 durch den Bau einer Glashütte und wurde schliesslich zur «Mutterglashütte» der Glasproduktion im Thüringer Wald. Einschneidende Entwicklungen waren in der Folge 1835 die Produktion des künstlichen Menschenauges aus Glas und 1867 der Bau einer Gasanstalt. Der Einsatz von Gas aus der Flasche war einerseits die Grundlage für die Heimindustrie, anderseits ermöglichte die Gasflamme eine vielfältige und dünnwandige Bearbeitung des Rohstoffes. Das Museum für Glaskunst in Lauscha zeigt sehr eindrücklich anhand von Dokumenten und Objekten die vielfältige Entwicklung der einheimischen Glasproduktion und Glasbearbeitung – bis zur heutigen Farbglashütte und Berufsfachschule Glas.

Ursprung des Christbaumschmuckes

Nach der Überlieferung soll in Lauscha ein Glasbläser mit seiner Familie derart in Not und Armut geraten sein, dass er 1847 den Weihnachtsbaum nicht wie üblich mit Nüssen, Früchten und Süssigkeiten zu schmücken vermochte. Den Kindern zuliebe formte er deshalb Früchte und Nüsse aus hohlem Glas. Sie sollen die Vorreiter der Christbaumkugel sein – mit weltweitem Echo: Um 1880 wurde der Amerikaner Woolworth auf den Christbaumschmuck aus Lauscha aufmerksam und machte ihn zum Exportschlager. Zwischen 1870 und 1939 wurden rund 5000 verschiedene Gussformen (Models) gestaltet, der gläserne Schmuck in Heimwerkstätten gefertigt und über Verlagshäuser im nahen Sonneberg in alle Welt verkauft.

«Engelshaar» aus Glasstäben

Ebenso einzigartig wie der Christbaumschmuck ist das «Feenhaar» oder «Engelshaar». Es sollen ursprünglich ebenfalls Glasbläser aus dem Thüringer Wald gewesen sein, die bereits im 18. Jahrhundert über das handwerkliche Geschick verfügten, aus Glasstäben einen hauchdünnen Faden herzustellen. Seit fünf Generationen werden in der kleinen Glasspinnerei Hans Karl in Lauscha aus Glas flauschig weisse «Lockenhaare», aber auch festere Fasern für historischen Christbaumschmuck hergestellt. Hans Karl hat das altüberlieferte Handwerk von seinem Schwiegervater Werner Rauschard übernommen, der damals zusammen mit Heinz Greiner und Rudi Völscher zu den einzig übrig gebliebenen Feenhaar-Produzenten Lauschas gehörten.

Feinarbeit auf rustikaler Maschine

Glasspinner Hans Karl fertigt das «Engelshaar» nach wie vor in alter Tradition im Hinterhof seines Wohnund Geschäftshauses in einer kleinen Werkstatt. Das Überraschende: Sein Handwerk ist einzigartig in Deutschland, vielleicht sogar in Europa. Das Geheimnis der speziellen Haarfertigung besteht darin, dass harte und weiche Glasstäbe ineinander geschmolzen werden. Durch die unterschiedliche Ausdehnung der beiden Gläser entsteht ein hauchdünnes, flauschig weisses Gespinst, das sich dann haarfein ringelt, weshalb es mit «Engelslocken» verglichen wird. Teil des Werkgeheimnisses ist aber auch die rustikale Glasspinnmaschine, wohl noch die einzige ihrer Art. Eine einfache Spindelvorrichtung sorgt über einen Kettenantrieb für den gleichmässigen horizontalen Vorschub der Glasstäbe, die an Gasflammen schm

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

24.12.2010

Webcode

schwyzkultur.ch/sxa4J4