Blätz-Gruppe (etwa 1939) vor dem «Ratskeller»: in der Mitte Maschgradenvater Franz Betschart und die Tambouren Anton (links) und Xaver Kälin. Privatarchiv: Wädi Nideröst
Blätz-Gruppe (etwa 1939) vor dem «Ratskeller»: in der Mitte Maschgradenvater Franz Betschart und die Tambouren Anton (links) und Xaver Kälin. Privatarchiv: Wädi Nideröst
Preisnüsseln von 1946: Maschgradenvater Anton Nideröst mit dem drei Jahre vorher geschaffenen Nüsslerstab, welcher das Konterfei des Robutzlers zeigt.
Preisnüsseln von 1946: Maschgradenvater Anton Nideröst mit dem drei Jahre vorher geschaffenen Nüsslerstab, welcher das Konterfei des Robutzlers zeigt.
Initiant für die Gründung und erster Präsident der Schwyzer Nüssler: Karl Kälin-Kälin, der legendäre General Gütsch.
Initiant für die Gründung und erster Präsident der Schwyzer Nüssler: Karl Kälin-Kälin, der legendäre General Gütsch.

Volkskultur

100 Jahre Schwyzer Nüssler

Im Herbst 1921 und an der Fasnacht 1922 wurde die Nüssler-Tradition im Hauptort vereinsmässig aufgefangen.

Die Gründung der Schwyzer Nüssler als Verein war eine logische Folge davon, dass die Strassenfasnacht damals Impulse gebraucht hat. Als Beispiel dafür wird das Jahr 1917 erwähnt, als am Güdelmontag nur noch acht Maskeraden auf der Strasse anzutreffen waren. Oder dass die Kinder am Ersten Fasnachtstag wieder zur Schule mussten. Dies liessen sich die Fasnächtler allerdings nicht bieten und stürmten mit der Rott in die Klassenzimmer. Dann war es vorbei mit Schule. Gezündet hat der Funke im Herbst 1921. Bei der Rückkehr eines «beglückten Paares von der Hochzeitsreise» wurde das im Dorfbach damals übliche Empfangsschiessen veranstaltet. Die gut gelaunte Fortsetzung fand im Gasthaus Mythen statt, und in bester Stimmung kam man bei einem Doppelliter Most bald auf die Fasnacht zu sprechen. Weil man fand, «sie sei nicht mehr, was sie einmal war», wurde kurzerhand beschlossen, dass sich «einige Bürger zu einer Gesellschaft zusammenschliessen sollten», um alljährlich «die Fasnacht anzukurbeln». Das Komitee der «Gesellschaft zur Hebung alter Fasnachtssitten und -gebräuche » machte sich an die Arbeit. Treibende Kraft war Karl Kälin, der spätere General Gütsch. Mit dabei waren Josef Reichmuth, Karl Schuler, Josef Schuler, Josef Lindauer, Franz Betschart, Johann Tschümperlin und Dominik Bolfing. Als diese Gruppe dann am Sonntag vor dem Güdelmontag 1922 zur Versammlung aufrief, waren bereits 60 Mitglieder mit dabei. Es wurde ein Jahresbeitrag von zwei Franken erhoben und beschlossen, die Orangen und Brötli zentral einzukaufen.

Verschiebung der Jubiläumsanlässe passt


Ob die Komitee-Bildung vom Herbst 1921 oder die erste Versammlung am Fasnachtssamstag 1922 als eigentliche Gründung betrachtet werden darf, kann offenbleiben. Auf alle Fälle kann man damit die aktuell erfolgte Verschiebung der Jubiläumsfasnacht von 2021 auf 2022 als «legitim» betrachten. Die ersten Statuten schliesslich wurden sogar erst 1923 erlassen. Im gleichen Jahr wurde ein Preisnüsseln veranstaltet, was «seit vielen Jahren in der Residenz nicht mehr vorgekommen ist», letztmals vermutlich 1890. 14 Maskeraden haben sich daran beteiligt. Über diese Fasnacht wird berichtet, dass «trotz erbärmlichstem Sudelwetter der Güdelmontag ein äusserst lebhaftes Maskeradentreiben gebracht hat». Auch 1924 wurde ein Preisnüsseln veranstaltet, in der Folge dann immer im Turnus von zwei Jahren. 1947 wurde erstmals ein Kinderpreisnüsseln durchgeführt, alternierend zum Wettstreit der Erwachsenen. 1928 wurde zudem ein Wettstreit durchgeführt, wer die grösste Rott auf den Hauptplatz zu bringen vermöge: die Ledigen oder die «ehelich Gebundenen». Gewonnen haben die ledigen Burschen. Jahre später einmal wurde dieser Wettstreit um die grösste Rott wiederholt, diesmal aber der Herkunft nach: Dorfbach, Dorf, Ibach oder Seewen. 1959 wurden die bis dahin nur mündlich überlieferten Regeln für das Nüsseln in einem Reglement gefestigt, der Narrentanz von Toni Kälin auf einem Notenblatt unwiderruflich festgehalten.

General Gütsch und der Robutzler


Die grosse Figur in den Anfangsjahren war eindeutig Karl Kälin. Er stand bis 1950 an der Spitze des Vereins. Seinen Titel erhielt er 1948, als er in bester Narrenlaune mit Zylinder, Frack, in Reitstiefeln und mit Reitpeitsche von der Rathausstiege aus das Defilee von 127 Maskeraden abgenommen hat. Vielleicht auch eine Persiflage auf Armee und Staat. Erster Maschgradenvater war der ebenso markante Coiffeurmeister Franz Betschart vom Dorfbach, der Robutzler; trotz Fussleiden war er mit Stock und Feuereifer immer dabei. Nach seinem Tod hat der Verein 1943 den noch heute mitgetragenen Nüsslerstab nach seinem Gesicht geschnitzt und in Betrieb genommen. So ist der Robutzler heute immer noch dabei. Geleitet wurden der Ministerrat (Vorstand) und der Verein über das ganze Jahrhundert hinweg erst von 17 Präsidenten. Nach den 28 Jahren mit General Gütsch hat sich seit 1957 ein Fünf-Jahres-Rhythmus für das Präsidium eingespielt. Maschgradenväter waren bisher erst neun im Einsatz. 22 Jahre lang führte eben der legendäre Robutzler durch die Narrenzeit, der amtierende Maschgradenvater René Schlegel ist seit 24 Jahren auf der Fasnachtspiste. Die Schwyzer Nüssler haben sich schon bald als Attraktion etabliert.

Viele auswärtige Auftritte


Als Synonym für die Schwyzer Fasnacht an sich sind sie vielfach auswärts aufgetreten. 1939 war man am Innerschweizer Tag an der Landi in Zürich präsent, ebenso am Eidgenössischen Trachtenfest 1951 in Luzern. Häufig waren die Besuche beim von Heimatgefühlen geprägten Schwyzer Verein in Zürich. Ebenfalls gefeiert wurden natürlich die Jubiläen. 1946 wurde zum 25. Geburtstag ein Umzug durchgeführt. Mit 26 Gruppen, meist aus dem Kanton Schwyz, und rund 300 Mitwirkenden. 1971 folgte ein Umzug mit über 1000 Teilnehmern und 1996 ein Jubiläum mit landesweiter und internationaler Beteiligung bedeutender Fasnachtsund Maskenbräuche. Ganz gross ausgefallen ist 1991 der Jubiläumsumzug zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft. Dieser Auftritt von rund 50 Fasnachts- und Maskengruppen aus der ganzen Schweiz war faktisch der nationale Start ins Jubiläumsjahr und wurde vom Schweizer Fernsehen übertragen. In den letzten zwanzig Jahren haben sich die Auftritte an Fasnachts- und Maskentreffen kumuliert. Herausragend war 2015 ein Auftritt in Stockach, das den Hofnarr Kuony und «700 Jahre Schlacht am Morgarten» feierte. Wesentlich Bedeutung hat die jährliche Generalversammlung der Schwyzer Nüssler. Gerade dank der heutigen Generation des Ministerrats ist dieser Anlass mit Humor und Kreativität wieder stark aufgewertet und zu einem Event geworden. 1942 wurde das Schwyzer Nüsslerlied geschaffen. Komponiert wurde es von Adolf Blum, der Text stammt von Karl Schönbächler. 1970 wurde die Gesellschaft in Schwyzer Nüssler umbenannt. Neben dem Kapital einer grossen Tradition besitzen die Schwyzer Nüssler eine einmalige Garderobe an wertvollen Kostümen. Nach der Familie Alois Gwerder-Ehrler, die in der Archivgasse eine Wäscherei und Garderobe mit 20 Blätz und 200 Mietkostümen geführt hat, ist dieser erste Bestand an Josef Kälin gegangen, später an Alois Lindauer und schliesslich an Franz Grossmann. 1952 konnten die Nüssler eine Garderobe von Xaver Schuler erwerben, 1977 die erweiterte Garderobe von Grossmann. Seither ist die Garderobe mit vielen neuen Kostümen grandios ausgebaut worden. Bis 1993 war die Garderobe in einem Annexbau des damaligen Casinos untergebracht, dann folgten während der Neubauzeit ein Exil und schliesslich 1998 der Bezug der heutigen perfekten Räumlichkeiten im MythenForum.

Die Präsidenten


1921–1927 Karl Kälin (General Gütsch)
1928 Josef Reichmuth
1929–1949 Karl Kälin (General Gütsch)
1950–1952 Franz Anderrüthi
1953–1956 Frank von Euw
1957–1961 Martin Bolfing
1962–1966 François Annen (Fräsi)
1967–1971 Walter Anderrüthi
1972–1976 Toni Dettling
1977–1981 Toni Zumbühl
1982–1986 Edgar Schuler
1987–1991 Hans Weber
1992–1996 Stephan Annen
1997–2001 Philipp Tschümperlin
2002–2006 Hugo Steiner
2007–2011 Remo Hicklin
2012–2016 Thomas Reichmuth
2017– Alexander Grab

Die Maschgradenväter


1921–1942 Franz Betschart (Robutzler)
1943–1955 Anton Nideröst
1956–1957 Franz Anderrüthi
1958–1968 Anton Bolfing (Hafner)
1969–1971 Franz Betschart (Zündapp)
1972–1974 Xaver Schuler
1975–1987 Karl Wiget
1988–1997 Othmar Rickenbacher
1998–        René Schlegel

Bote der Urschweiz / Josias Clavadetscher

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

10.02.2021

Webcode

www.schwyzkultur.ch/9hd9xW