Poetisch-musikalisches Stück über das Leben in Analogie zum Boxen: Patrik Neuhaus (links) und Pedro Lenz auf den Brettern des Chupferturms. Bild Désirée Schibig
Poetisch-musikalisches Stück über das Leben in Analogie zum Boxen: Patrik Neuhaus (links) und Pedro Lenz auf den Brettern des Chupferturms. Bild Désirée Schibig

Bühne

Haben Boxer auch eine Frisur?

Das Duo Hohe Stirnen ist so schnell wie Muhammad Alis Haken: Ein paar Sätze von Schriftsteller Pedro Lenz, ein paar Takte des Pianisten Patrik Neuhaus – und schon erliegt man ihrem Zauber. So geschehen im Chupferturm in Schwyz am Samstagabend.

1971 boxt Muhammad Ali einen Kampf gegen den Deutschen Jürgen Blin im Zürcher Hallenstadion. Im Stück «Tanze wie ne Schmätterling» erzählt Pedro Lenz die Geschichte um diesen Kampf aus der Perspektive von Pole Leuenberger, Haustechniker im Hallenstadion, und Regula Giger, Coiffeuse in Oerlikon. Regula wird ins Hallenstadion gerufen, um Ali die Haare zu schneiden. «Haben Boxer überhaupt eine Frisur?», fragt sie. Die Boxfans auf der ganzen Welt wissen es: Ali tanzt wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene. Nur Regula weiss es nicht.

Treffsichere Wechsel

Geschickt und kunstvoll verknüpft Pedro Lenz die Geschichten des Boxers aus Kentucky und der Coiffeuse aus dem Oberaargau und wechselt wie die Rechts-Links-Haken Alis blitzschnell und treffsicher zwischen dem beschränkt Alltäglichen und den grossenThemen der Zeit. Realität und Fantasie, das hervorragende Klavierspiel von Patrik Neuhaus und der rhythmisierte Text von Pedro Lenz vermengen sich im Stück auf wundersame Weise.

Kampf neben dem Ring

Beim Spaziergang durch Zürich lernt Regula Ali besser kennen. Grossmaul Muhammad Ali, der sich medial geschickt und provokativ bei jeder Gelegenheit als den Grössten, Schnellsten und Stärksten inszenierte, nahm sein Leben selber in die Hand, «ohne immer die Weissen zu fragen». Er kämpfte auch neben dem Ring, weil er früh gelernt hatte, dass auch Ideen zuschlagen können. Ali unterstützte die Emanzipationsbewegung der Afroamerikaner in den 1960er-Jahren und verweigerte seinen Einzug in den Vietnamkrieg. «Kein Vietcong hat mich je Nigger genannt.» Damit handelte er sich ein lebenslanges Boxverbot in den USA ein. Seine Olympia-Goldmedaille soll er in einen Fluss geworfen haben, nachdem er in einem Restaurant in den USA als Afroamerikaner nicht bedient worden war.

Beide sind Sieger

Coiffeuse Regula Gigers Lebensträume sind derweil bescheidener. Sie ist schon froh, dass sie in der Schweiz von 1971 als Frau endlich das Stimmrecht erhält und in Oerlikon ihr eigenes kleines Coiffeurgeschäft betreibt. Ali und Regula sind beide Sieger. Sie haben gelernt, wie man den Kopf so einsetzen kann, damit man im Leben nicht zu Boden geht. Der Kampf im Zürcher Hallenstadion endete übrigens mit einem K.-o.- Sieg: In der siebten Runde landete Jürgen Blin auf den Brettern und führte fortan eine Imbissbude in Hamburg.

Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

26.09.2011

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schwyzkultur.ch/6G9S9F