Die bekannte Inglin-Biografin Beatrice von Matt in der Kantonsbibliothek: Sie schöpfte aus dem Vollen und teilte ihre Gedanken über Inglins Spannungsfeld zwischen Natur und Gesellschaft mit einer grossen Zuhörerschaft. Bild Désirée Schibig
Die bekannte Inglin-Biografin Beatrice von Matt in der Kantonsbibliothek: Sie schöpfte aus dem Vollen und teilte ihre Gedanken über Inglins Spannungsfeld zwischen Natur und Gesellschaft mit einer grossen Zuhörerschaft. Bild Désirée Schibig

Dies & Das

Zwischen Wildnis und Gesellschaft

In der ungezähmten Natur fühlte sich Meinrad Inglin aufgehoben, hier entfloh er dem Druck der Gesellschaft. Die bekannte Literaturkritikerin Beatrice von Matt erläuterte dieses Spannungsfeld einer grossen Zuhörerschaft.

In der Kantonsbibliothek war man überrascht vom grossen Interesse am Abendvortrag von Beatrice von Matt. Immer mehr Stühle mussten für die mehr als hundert Zuhörenden hergetragen werden. Im Rahmen der Inglin-Tagung gab sich Beatrice von Matt – Autorin, Feuilletonredaktorin der NZZ und Inglin-Biografin – die Ehre. «Wohl selten hat ein Literatur-Event in Schwyz so viele Interessierte gefunden», freute sich denn auch Daniel Annen, Mitorganisator der Tagung, bei der Begrüssung. In ihrem Referat beleuchtete von Matt den Natur- und Wildnisbegriff bei Inglin und dessen metaphorisch aufgeladene gesellschaftliche Bedeutung. Ihre Thesen und Schlüsse belegte die versierte Literaturkritikerin mit zahlreichen Textstellen aus Inglins grossem Werk. Als herausragende Inglin-Biografin kennt sie Inglins Werk wie keine andere und kann dadurch von einem Thema aus Inglins ganzes Leben und Lebenswerk überblicken und überraschende Bezüge schaffen.

Natur und Gesellschaft

Inglin erfindet vorzugsweise voralpine Gegenden, die er mit seinen Worten akribisch nachzeichnet, so zum Beispiel in «Die graue March». Zwischen Zivilisation und Urzustand wird die Natur immer mächtiger und unerbittlicher, je höher einer steigt. Letztlich spiegelt sich darin auch das schöpferische Spannungsfeld zwischen dem fruchtbaren Chaos der Fantasie und der ewigen Ordnung des Geistes. Inglin verstand die Natur in erster Linie als Lebensraum für Mensch und Tier. «Alle Lebewesen sind Jäger und Gejagte.» Die Einkehr in die Natur war für ihn eine Heimkehr, ein Zufluchtsort, wo er Heilung vor den sozialen Nöten und gesellschaftlichen Ansprüchen fand. Inglin ist aber keinesfalls zu den «Heimatideologen» der 20er-Jahre zu zählen, welche die Natur für patriotische Schwärmereien benutzten. So zeichnete er auch immer die dunklen Seiten der Natur und griff dazu auch gern auf Sagen zurück. Sein grundlegendes Thema war der Mensch im Spannungsfeld zwischen Familie, Staat und Kirche. So plagte ihn nach dem apolitischen Roman «Die graue March» gleich das schlechte Gewissen, und er schrieb in den 30er-Jahren den «Schweizerspiegel » als Korrektur.

Ideen für die Zukunft

In ihrem Referat zeigte von Matt interessante Parallelen zum Genfer Autor Guy de Pourtalès auf, der zwölf Jahre älter war als Inglin und nach dem ErstenWeltkrieg angesichts der faschistischen Radikalisierung ähnliche gesellschaftliche Rettungsvorschläge aufzeigte: die Notwendigkeit eines Völkerbundes und der Glaube an die Willensnation Schweiz und deren Vorbildcharakter für ganz Europa.

Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

03.10.2011

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schwyzkultur.ch/WRnW6V