Meinrad Inglin und die Insel Schwanau. Für die Erzählung «Die entzauberte Insel» mag Inglin diese Insel vors innere Auge zitiert haben. Die Erzählung will aber nicht vor allem diese Insel «beschreiben», sondern zeigen, wie Jugendliche aus der paradiesischen Insel aus ihrer Kindheit herausgerissen werden. Bild: Nachlass Meinrad Inglin, Kantonsbibliothek Schwyz
Meinrad Inglin und die Insel Schwanau. Für die Erzählung «Die entzauberte Insel» mag Inglin diese Insel vors innere Auge zitiert haben. Die Erzählung will aber nicht vor allem diese Insel «beschreiben», sondern zeigen, wie Jugendliche aus der paradiesischen Insel aus ihrer Kindheit herausgerissen werden. Bild: Nachlass Meinrad Inglin, Kantonsbibliothek Schwyz

Literatur

Ein Blick aus der Ferne – und nahe rückt der Schwyzer Autor

Im Zürcher Limmat Verlag sind Erzählungen von Meinrad Inglin erschienen. Sie geben einen guten Einblick in das Schaffen des berühmten Schwyzer Autors. Dies zu seinem 50. Todestag.

Eine junge Dame im Badekleid betört die erwachende Erotik fischender Heranwachsender auf einer Insel. Ein Mann erkrankt beim Übertritt ins Nazi- Deutschland. Ein Lebhag kann Menschen seelisch beleben, und wie – oder besser: Er könnte, würde er nicht wegrationalisiert. Solche Motive springen uns Lesende wohltuend an im neuen Erzählband mit Texten Meinrad Inglins. Und sie eröffnen uns den Denk- Kosmos des berühmten Schwyzer Autors. In der Tat ist ja das seelische Heranwachsen in ein erfülltes Leben ein grosses Thema Meinrad Inglins. Da hinein vibriert in seinen Erzählungen und Romanen auch oft ein Wechselspiel von erotischen, politischen und naturhaften Kräften. Schaut man genau hin, ist er gerade darum aktueller denn je. Usama Al Shahmani, der das Nachwort zum eben erschienenen Erzählbuch verfasst hat, er schaut genau hin. – Wie denn? Ein Araber schreibt ein Nachwort zu einem Autor, der doch oft genug vor allem als biederer helvetischer Patriot dastand? So ist es – und dies zum Glück! Genau diese Aussensicht eröffnet interessante Aspekte. Wer aus weiter Ferne auf die Inglin- Texte hinschaut, ist oft unbefangener als Lesende aus schweizerischen, wenn möglich sogar identitätspolitischen Hexenkesseln.

Liebe zur Heimat und Kraft der Natur


Al Shahmani hebt mit fundiertem Wissen die Texte in ein neues Licht. Einige Inglin-Themen kennt er ja auch aus seinem fern liegenden Herkunftsland Irak, zum Beispiel den Krieg. Er hat den zweiten Golfkrieg erlebt. Im Grunde steckt ja auch die Schweiz in Inglins «Schweizerspiegel» im Krieg. Auch wenn sie keinen Krieg führt, ihre Bürgerinnen und Bürger erleben doch viele Fährnisse und Irritationen, die der Kriegsgefahr entspringen. Die Therapie dagegen ist, so Al Shahmani, die Liebe zur Heimat und die Kraft der Natur. Und weil das einer aus arabischer Ferne mit authentischer Argumentationskraft sagt, muss man Inglin nicht in einem patriotisch verkrusteten Einheitstopf à la geistige Landesverteidigung entsorgen.

«Die Natur ist ein solches Gegenmittel»


Denn er deutet ja immer auch Lösungen an für die Probleme, die den modernen Menschen durcheinanderbringen. Die Natur zum Beispiel ist ein solches Gegenmittel. Sie therapiert als das Gegenteil einer modernen Hektik und Unübersichtlichkeit. Das tut sie zum Beispiel, wie das Nachwort zeigt, in der hier ebenfalls abgedruckten letzten Inglin-Erzählung «Wanderer auf dem Heimweg». Sie stammt aus den späten Sechzigerjahren und ist die allerletzte Erzählung Inglins. Aus diesem Text spriessen nochmals alle wichtigen Inglin- Themen. Heimweg, das ist hier auch Lebenswanderung in den Tod, und der durchzieht ohnehin das ganze Inglin-Werk. Wer ihm ins Auge schauen kann, just der gewinnt Lebenskraft. Zeigt nicht gerade die Corona-Krise, wie oft wir diese Ehrlichkeit, wie oft wir unsere Endlichkeit vergessen? Inglin versucht ihr unter anderem dank einer luziden Sprache und mit Gottvertrauen beizukommen. Inglin setzt sich derart selber etwas in eine Ferne gegenüber dem handfesten, nervösen, modernen Weltgetriebe. So kann er über den Dingen stehen. Gut so! Denn dies ermöglicht jene Prise Humor, die aus vielen Inglin-Erzählungen leuchtet.

Bote der Urschweiz / Daniel Annen

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

14.10.2021

Webcode

www.schwyzkultur.ch/84ySkv