Literatur
Eine Zeitreise zurück in das Schwyz ihrer Jugend
Die Musikerin Graziella Contratto überrascht mit einem stark autobiografischen Roman aus dem Schwyz der 1970er-Jahre.
Zuerst Violinistin, dann Virtuosin, Dirigentin, Produzentin, Intendantin und auch etwas Klassik-Star. Und jetzt zusätzlich Autorin. Die heute 60-jährige Graziella Contratto hat den Roman «Meitsch» veröffentlicht. Ein Debüt, das überrascht und das vor allem niemand von dieser Musikerin erwartet hat. Contratto geht mit ihrem Debütroman ganz andere Wege, als das die Literaturszene gewohnt ist. In 19 Kapiteln schildert sie die Eindrücke, Erlebnisse, den Alltag, die Besonderheiten, Gefühle und viele Erkenntnisse, die ein junges Mädchen im Schwyz von damals erlebt. Unschwer zu erkennen ist das Autobiografische, der «Meitsch», das ist Graziella.
Eine Zeitmaschine zurück ins ehemalige Schwyz
An der Vernissage wurde der Roman als «autofiktiv» bezeichnet. Contratto selber bestätigte, dass sie hier erstmals selber etwas gestaltet habe. All ihre bisherige Arbeit als Musikerin galt ja der Interpretation. Das Fiktive hält sich im Buch aber in engem Rahmen und ist auch schwer zu bestimmen. Was aber grandios ist, das ist das sehr präzise, umfassende und unglaublich detaillierte Erinnerungsvermögen der Autorin. Beim Lesen entstehen regelrecht Bilder. Sie bringt es fertig, die Leserschaft in eine Art Zeitmaschine zu setzen, fünfzig Jahre zurückzuschieben und in einer überaus blumigen Sprache zum Innenleben von Schwyz zu führen. Alles garniert mit witzigen Anekdoten und Anmerkungen. Für alle Leserinnen und Leser mit Lokalbezug ist dieses Buch eine Offenbarung und ein Stück Reflexion. Der «Meitsch» durchlebt ein Schwyz, wie man es sich heute fast nicht mehr vorstellen kann. Auffallend ist beispielsweise, wie gelebte Religiosität eine grosse Rolle gespielt hat und wie man sich heute nur noch über angebliche Wunder wundern kann. Oder die Sommerlager, die ersten Konzerte, die Reise nach Italien, die Fasnacht mit den Japanesenspielen, den scheu erlebten Tanzkurs, das Flaschendrehen der Jugend im Wald oder wie die Mädchen unter sich eine Geheimsprache entwickelt haben – alles sehr spannend. Zusammenfassend erlebt man, wie das Schwyz von damals, über alles gesehen, doch unglaublich konservativ und spiessig gelebt hat. Alles vorbei, ausser das Brauchtum, das nach wie vor archaisch und unverändert geblieben ist. Der Roman wirkt wie ein Blick durch das Fenster der Vergangenheit.
Die Kinder lebten sehr autonom
Die von der Autorin geschilderte Mädchenjugend spielt sich jedoch in einem sozialen Umfeld ab, wie das viele damals nicht erlebt haben. Insofern ist es auch eine Schilderung des Milieus aus einer Unternehmerfamilie und wie der Einstieg in eine Welt der Musik verlaufen ist. Wie der im städtischen Umfeld aufgewachsene Moderator Alain Claude Sulzer an der Vernissage feststellte, seien die Schwyzer Kinder damals offenbar sehr autonom aufgewachsen, mit vielen Freiheiten. Die Helikoptereltern waren noch nicht erfunden, die Jugend hat alle Gefahren selber überstanden. Im Unterschied zu einem klassischen Romankonzept fehlt der klare Handlungsstrang. Ausser man lässt die sehr detaillierten Beobachtungen eines heranreifenden Mädchens auf dieser Zeitschiene als Handlung gelten. Eine Art natürliche Dramaturgie ergibt sich aus all den Schilderungen wie in kleinen Erzählungen. Dieses Angebot wird bei vielen Schwyzerinnen und Schwyzern dazu führen, dass sie sich selber als Figuren im Text erkennen oder wissen, wer gemeint ist. Die einen wird dies freuen, andere werden es mit Staunen und Überraschung zur Kenntnis nehmen, wenige werden sich betroffen fühlen. An der gut besuchten Vernissage in der Kantonsbibliothek Schwyz stellte Moderator Sulzer zum Schluss jene Frage, welche alle im Saal auch gestellt hätten: Gibt es Folgeromane? Contratto, fast etwas verlegen, gab sich zurückhaltend. Sie könne schlecht erfinden, meinte sie, womit gemeint ist, dass sie keine Fiktionen schreiben würde, sondern Erinnerungen. «Was vielleicht gefährlich ist, wenn man die Leute dann erkennen kann.»
Bote der Urschweiz / Josias Clavadetscher
Autor
Bote der Urschweiz
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- Literatur
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