Die Schriftstellerin Gertrud Leutenegger freute sich, an ihrer Lesung in Schwyz Bekannte wiederzusehen. Bild: Silvia Camenzind
Die Schriftstellerin Gertrud Leutenegger freute sich, an ihrer Lesung in Schwyz Bekannte wiederzusehen. Bild: Silvia Camenzind

Literatur

In Leuteneggers neuem Roman brennt Lesbos

Auf Einladung der Volkshochschule Schwyz las Gertrud Leutenegger am Donnerstag vor 30 Personen in der Kantonsbibliothek.

Es hatte etwas Meditatives: Gertrud Leutenegger las mit ihrer klaren Stimme aus ihrem neuen Buch «Späte Gäste ». Man tauchte ein wie bei einer Meditation, mit Bildern, die verwischen und zu eigenen Gedanken werden. Und man fragt sich: Wie ist man jetzt dahingekommen? «Literatur ist ein Ort, in dem man hin und her gehen kann», sagte die 1948 in Schwyz geborene Schriftstellerin später während der Lesung. Das Fremde wird bei ihr plötzlich vertraut und das Vertraute wieder fremd. Der Rahmen gibt eine Villa nahe der Grenze zu Italien, in der die Erzählerin eine Nacht verbringt, eine Totenwache. Sie reiste in den Süden, um Abschied zu nehmen von Orion, ihrem Partner während langer Zeit. Zwischen Schlafen und Wachen pendelt sie zwischen Gegenwart und Vergangenheit. An der Wand sieht sie ein Fresko der Tellskapelle, doch der Berg ist der Ätna. Schöne und hässlichen Fasnachtsfiguren tauchen auf. Die hässlichen sind plötzlich sehr viele und werden zu Flüchtlingen. Überhaupt die Flüchtlingsfrage: Gertrud Leutenegger rollt sie von innen auf. Sie will die Leserinnen und Leser existenziell bei ihren Fluchtinstinkten in ihrem Innersten erreichen. In «Späte Gäste» nimmt die Autorin die Feuer auf Lesbos vorweg. Angeschwemmte Schwimmwesten, Schuhe auf Fluchtwegen werden zu starken Bildern.

Pausen sind für Leutenegger wichtig


Leutenegger bezeichnet ihr Buch als eine knappere luzidere Form eines Romans. Auf die Frage aus dem Publikum, weshalb es lange Pausen zwischen dem Erscheinen ihrer Bücher gibt – das letzte «Panischer Frühling» erschien 2014. «Ich muss lange etwas in mir tragen», sagte die Autorin. Sie brauche diese Zeit, bis der Stoff sich in eine andere Dimension verwandle. Dann beginne sie zu schreiben. Wie in der Musik seien auch beim Schreiben die Pausen wichtig. Nicht alle Fragen wollte Gertrud Leutenegger am Donnerstagabend in der Kantonsbibliothek beantworten. Einmal sagte sie zu Moderator Daniel Annen: «Das sind so Bilder, ich wollte sie nicht auflösen.» Sie überlässt es den Leserinnen und Lesern, ihre eigenen Bilder zu machen. Im Anschluss an die Lesung signierte Gertrud Leutenegger Bücher und hatte sichtlich Freude, sich mit den Schwyzerinnen und Schwyzern zu unterhalten.

Bote der Urschweiz / Silvia Camenzind

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

19.09.2020

Webcode

schwyzkultur.ch/9McSqC