Meinrad Inglins grosses Werk bietet Diskussionsstoff: Beatrice von Matt zeigte einmal mehr auf, dass Inglin keinesfalls ein biederer Bauerndichter ist.
Meinrad Inglins grosses Werk bietet Diskussionsstoff: Beatrice von Matt zeigte einmal mehr auf, dass Inglin keinesfalls ein biederer Bauerndichter ist.

Literatur

Matinee über Inglin in Zürich

Meinrad Inglin erzählt von Natur und bäuerlichem Leben. Solche Räume sind aber nicht konservative Verherrlichung, sondern Gegenpole zu den Auswüchsen einer modernen Zivilisation. Das wurde gestern an einer Matinee in der Zürcher Tonhalle deutlich.

Man war also in Zürich. Dazu passend verwies Inglins Biografin Beatrice von Matt gleich zu Beginn in einem kurzen Einführungsvortrag auf den gross angelegten Roman «Schweizerspiegel», der zu grossen Teilen in dieser Stadt spielt. Doch neben dem Städtischen gibt es bei Inglin auch einsame «Heimetli», Dorfpfarrer mit lispelndem Beichtgeräusch, ländliche Beizen mit wabernden Rauschschwaden. Vielleicht aus solchen Gründen ist Inglin einigen Lesergenerationen als biederer Bauerndichter erschienen. Beatrice von Matt zeigte, wie wenig das so stimmen kann.

Gegensätze Inglins

Zwar kommt Inglin aus dem Dorf Schwyz, diesem «stolzen Kantonshauptort», zu seiner Zeit stark katholisch geprägt. Aber nicht eine autoritäre Beichtstuhlmoral war dem Schwyzer Schriftsteller zukunftsträchtig, sondern ein christlicher Sozialismus, eine Liebesgemeinschaft. Zwar hatte er die Bauern gern, ebenso ein Glas Wein in einer heimatlichen Beiz und die Wildnis schon gar. Aber Verherrlichung ist das nicht. Auch die Bauern haben ihre Mühe mit ihren kargen Daseinsbedingungen, und die ländlichen Lebenswelten mit ihren Nahhorizonten sind nicht verschont von bösen Machenschaften zwischen Menschen. Die Natur ohnehin: Sie kann in ihrer wilden Kraft ganz katastrophal in diese Lebenswelten einbrechen. Sie ist bei Inglin oft das ganz Andere, nicht Fassbare. Die Spur der Menschen verliert sich im Schnee … und da irgendwo kommen wir in eine Geheimniswelt, der kann die Zivilisation nicht mehr beikommen. Ihr gegenüber werden unsere menschlich-politischen, imVerhältnis zur grossen Natur menschlich willkürlich gesetzten Grenzen fadenscheinig. Denn da wird eine andere Grenze deutlich, gesetzt von der Macht der Natur: die unseres irdischen Lebens, der Tod.

Die Willkür unserer Zivilisation

Sehr schön zeigt die Fadenscheinigkeit, auch die Willkür unserer Zivilisation Inglins berühmte Erzählung vom «Begräbnis eines Schirmflickers». Im politischen Grenzbereich zwischen zwei Gemeinden ist ein heimatloser Schirmflicker erfroren. Wo genau? Jedenfalls: Die eine Gemeinde möchte die Verantwortung für das Begräbnis der andern zuschieben – allerdings nur so lange, bis das Begräbnis möglicherweise testamentarisch vermachtes Geld abwirft. Da kippt der politische Wille in sein Gegenteil, die Grenzziehungen bekommen eine neue Bedeutung. Jetzt würden beide Gemeinden gern begraben. Die scheinbar zivilisierte moderne Menschengemeinschaft möchte offensichtlich aus dem Effizienzdenken möglichst viel ausquetschen, per Reglement möglichst alles ihr gerade Passende einquetschen und damit verquetschen, was doch humane Menschengemeinschaft wäre, was Leben, Vitalität ermöglichen müsste – eben das, was in der Natur zum Vornherein mächtig treibt und wirkt. A propos Vitalität: Beatrice von Matt brachte Beispiele, wie die Vitalität bei Inglin gern im Tanz durchbricht. So auch in der Erzählung «Näzl und Wifeli». Beatrice von Matt zeigte, wie Inglin auch da die archaische Sennentuntschi-Sage ganz realistisch mit Sexualformen der modernen Zivilisation, etwa dem Fetischismus, verquickt.

Hervorragende Lesung



Die beiden genannten Erzählungen wurden hervorragend gelesen vom Urner Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart, hervorragend, weil er den Humor und das Heimlich-Unheimliche dieser Texte herausschälte. Überdies verwob er den Dialekttonfall und die deutsche Hochsprache so klug ineinander, dass sein Vortrag wie ein Spiegel der Inglin’schen Verbindung von geschliffener Erzählkunst und volkstümlichem Nährboden wurde. Passende Musik Und wie akkurat die gebotene Musik dazu passte! «D’Sagemattler» spielten Tanzmusik aus Unterägeri von 1887. Dieser musikalische Vortrag geriet immer wieder in einen prächtig rhythmischen Schwung. Zugleich konnte er wunderbar gesangliche Melodieführungen hervorheben. Da und dort intensivierte sich die Musik zu furiosen Crescendi, da und dort wurde das Majestätische wieder in leisere Passagen, ja förmlich in einen Misterioso-Stil zurückgenommen.

Vorschau

Beatrice von Matt wird am

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

15.03.2011

Webcode

schwyzkultur.ch/auqLQu