Endo Anaconda alias Andreas Flückiger, ein Wortakrobat in vielen Gefielden, tritt am 2. März in Einsiedeln auf. Bild: Michael Schär
Endo Anaconda alias Andreas Flückiger, ein Wortakrobat in vielen Gefielden, tritt am 2. März in Einsiedeln auf. Bild: Michael Schär

Musik

Ein Telefonat mit Endo Anaconda

Vom Klimawandel über No Billag bis hin zur Frauenquote im Bundesrat, alles wurde durchgenommen. Endo Anaconda sprach gar von der Schwarzen Madonna, die er vor seinem Auftritt in Einsiedeln besuchen wird.

Ich habe ja schon geahnt, dass es kein alltägliches Telefoninterview werden würde. Als mich Endo Anaconda pünktlich wie eine Schweizer Uhr um halb elf anrief, war ich allerdings noch überzeugt davon, dass ich einige von meinen Fragen fürs Interview brauchen könnte.


Nicole Auf der Maur: Grüezi Herr Flückiger... Sagt Ihnen überhaupt noch jemand Herr Flückiger?


Endo Anaconda: Ja, die Steuerbehörde. (lacht)


Und ansonsten sind Sie der Herr Anaconda?


Ich habe mir diesen Künstlernamen zugelegt, damit bei mir nicht immer das Telefon klingelt. Mittlerweile habe ich ein Handy, so hält sich der Sturm in Grenzen.


Halten Sie sich selber auch den Spiegel vor?


Ja, ununterbrochen. Ich finde, es ist das Geheimnis vom Blues, dass man sich über sich selber lustig macht. Ich halte nicht von Fingerzeigliedern. Meine Texte haben immer etwas liebevolles, sie beinhalten viel Selbstkritik.


In welchen Momenten ertappen Sie sich am ehesten dabei, selber zur Gesellschaft Ihrer Texte zu gehören?


Das zieht sich durchs ganze Werk. Die Lieder betreffen mich und sie betreffen die Gesellschaft. Und ich verehre in meine Texten die Frauen – immer aus einer Position, in der sie nicht komisch dastehen.


«Endosaurusrex» heisst Ihre CD. Wie ein fleischfressender Dinosaurier fallen Sie über die Gesellschaft her...


Das tue ich nicht. Dann müsste ich ja als Künstler die Möglichkeit haben, etwas zu verändern. Und das kann ich nicht. Wenn sich die Leute mit Foodporn und Katzenbildli ablenken und sich gleichzeitig die grössten Sorgen über den Klimawandel machen, muss ich das aber in meinen Texten thematisieren.


Ihre Texte sind kritisch.


Mein Ziel ist es in erster Linie, Menschen zu unterhalten. Dazu gehört allerdings, dass man realistisch bleibt. Ich könnte die Menschen auch mit Heimatliebe unterhalten. Doch diejenigen, die von Heimweh singen, sind diejenigen, die gar nicht erst gehen. Der Einfluss von uns auf die Welt ist gering, der Einfluss der Welt auf uns hoch. Bei mir hört die Schweiz nicht in Liechtenstein auf. Aber ich will nicht predigen. Und das heisst auch nicht, dass ich nicht gerne Volksmusik habe.


Es ist faszinierend, wie Endo Anaconda die verschiedensten Themen in einen Textfluss bringen kann und gegeneinander aufwiegt oder einfach so im Raum – irgendwo zwischen seinem und meinem Telefon – stehen lässt. Er spricht über den Klimawandel, schwindende Gletscher, das Glück in der Schweiz, aber auch über sein Geldpech in der Schweiz. Mittlerweile hab ich meinen Fragebogen für Endo Anaconda beiseite geschoben. Meine Fragen sind zusammenhanglos geworden. Wir sind bei seiner katholische Erziehung angelangt.


Ihre katholische Erziehung prägte Sie?


An mir ist ein Prediger verlorengegangen. Es ist wichtig, Lebenshilfe geben zu können. Es ist wichtig, zu lachen und gleichzeitig zu kapieren. Ich weiss, dass gewisse Menschen nicht mehr an meinen Konzerten auftauchen. Es kommt halt jeder mal an die Kasse. Ich bin einfach «gradusä».


Auch zum Thema No Billag...


Da muss man was sagen! Es geht mir hier weniger um den Kulturauftrag. Durch No Billag würde unsere Meinungsvielfalt eingeschränkt, kritischer Journalismus ginge verloren. No Billag ist politisch gefährlich. Wir wollen doch keine italiensichen oder amerikanischen Verhältnisse. Wir brauchen eine unabhängige Presse und Justiz.


Ihre Prognose für die Abstimmung?


No Billag wird abgelehnt. Sonst sind wir alle «nid ganz bachä». Es kann nicht sein, dass derjenige, der Geld hat, die Medien bestimmt. Eine Annahme wäre das Ende der Demokratie. Ja, es wäre katastrophal. Wir haben ein Land, das in vier Landessprachen aufgeteilt ist. Es ist wichtig, dass die SRG viersprachig ist. Es ist wichtig für den Zusammenhalt. Rumantsch braucht es im Fernsehen.


Was wünschen Sie sich ansonsten für die Schweiz?


Fünf Bundesrätinnen. Wir haben schon zu lange eine männliche Dominanz.


Zu einem ganz anderen Thema. Zu Ihren Konzerten. Sie treten am 2. März im Mauz-Club in Einsiedeln auf. Kennen Sie Einsiedeln?


Ich war grad für eine Reportage vom Schweizer Magazin für Reisekultur, «Transhelvetica», in Einsiedeln unterwegs. Einsiedeln gefällt mir sehr. Ich werde vor dem Konzert sicher der Schwarzen Madonna wieder die Aufwartung machen. Sie übt auf mich eine Faszination aus. Ich zünde eine Kerze an und meditiere etwas. Dazu muss man sagen, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin. Was der Bruder Franz sagt, bringt mich allerdings fast dazu, wieder beizutreten. Er ist der bisher beste Papst.


Endo Anaconda könnte man den ganzen Tag zuhören. Er spricht viel, er spricht so, dass man ihm gerne zuhört. Die Worte sprudeln nur so aus diesem Menschen heraus. Dies ist wohl genau der Punkt, wieso Tausende von Menschen in den letzten knapp 30 Jahren immer und immer wieder an seine Konzerte pilgerten. Sie sind fasziniert von seinen Auftritten, von seinem Charisma. «Ich freue mich auf Einsiedeln. Ich habe eine Hammerband, ich bin richtig glücklich», ergänzt der Musiker und Autor, der seit einigen Monaten mit einer neuen Hasen-Formation aufritt.


Letzte Frage, Herr Flückiger. Welche Musik hören Sie momentan privat zu Hause?


Johnny Cash – «American Recordings». Und Klassik. Vor allem osteuropäische. Ich habe einen Plattenspieler gekauft und mir eine Klassikdiskothek aus Brockenhäusern zugelegt. Wenn man selber Rockmusik macht, kann man nicht immer Rockmusik hören. Schon gar nicht sich selber.


Bote der Urschweiz / Nicole Auf der Maur

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

21.02.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/bkUGxs