Blätz (links): Der Besen verrät den Herkunftsort. Alter Herr (Mitte): Knorrig muss der Gehstock sein.Domino (rechts): Die Pritsche verschafft Ordnung und Respekt. Bilder Josias Calvadetscher
Blätz (links): Der Besen verrät den Herkunftsort. Alter Herr (Mitte): Knorrig muss der Gehstock sein.Domino (rechts): Die Pritsche verschafft Ordnung und Respekt. Bilder Josias Calvadetscher
Bajassmäitli (links): Heisst es nun Raffele, Rätsche oder Trülle. Hudi (Mitte): Mit Reifrock, Schirm und Henkelkorb wird es oft eng. Zigeuner (rechts): Um die Hände frei zu haben, gibt es pratgmatische Ideen.
Bajassmäitli (links): Heisst es nun Raffele, Rätsche oder Trülle. Hudi (Mitte): Mit Reifrock, Schirm und Henkelkorb wird es oft eng. Zigeuner (rechts): Um die Hände frei zu haben, gibt es pratgmatische Ideen.
Teufel I (links): Anders als bei anderen ist sein Orangensack nicht blütenweiss. Teufel II: Beide Hände voll zu tun mit der Greifschere.
Teufel I (links): Anders als bei anderen ist sein Orangensack nicht blütenweiss. Teufel II: Beide Hände voll zu tun mit der Greifschere.

Volkskultur

Chrampf mit den Requisiten

Ein Maschgrad mit leeren Händen ist kein Maschgrad. Alle führen neben dem unergründlichen Sack mit den Gaben auch Requisiten mit, die typisch zur Figur passen, aber auch ständig für rechten «Chrampf» sorgen.

Für aktive Fasnächtler gibt es einen eisernen Grundsatz: Nie in den Gaststuben Kostümteile ausziehen, wenn man nicht anderntags nach diesen im ganzen Dorf suchen muss – was einerseits zeitraubend und anderseits peinlich ist. Was aber ist mit den Requisiten, die alle Maschgraden mitführen? Tatsächlich können sie zum Problem werden, wenn man alle Hände voll zu tun hat. Dabei sind gerade diese Gegenstände typisch, ohne sie wäre ein Maschgrad nur ein halber Maschgrad.

Tannreisig oder Buselbesen

Auffallend, die Rott überragend, ist der Besen des Blätz. In Schwyz wird er aus Tannreisig hergestellt. Das hat den Vorteil, dass das Gewusel mit dem Besen im Gesicht der Zivilisten auch schon mal stechen kann, der Nachteil ist, dass der Besen christbaummässig «nadelt». Ständige Neuproduktion ist also nötig, denn Kunststoff-Äste kommen selbstverständlich nicht in Frage. In Brunnen und Steinen, vermutlich dank See- und Ried-Nähe, kommen Buselbäsen zum Einsatz. Diese werden aus dem Blütenstand des Schilfes hergestellt und halten länger, wenn sie zur richtigen Zeit geerntet und richtig gebunden werden. An allen drei Orten sah man früher oft ein Brot auf dem Besenstiel gespiesst. Diese Zweipfünder sind verschwunden, die Oberarme sind heute dafür zu schwach geworden.

Tambourin, Raffele, Pritsche

Beim Zigeuner gehört logischerweise das Tambourin dazu, das klassische Rhythmus-Instrument der Fahrenden, wie man sich dies romantisierend bei einer spanischen «Carmen» vorstellt. Ebenfalls «musikalisch» den Rhythmus des Narrentanzes begleiten kann das Bajazzo-Meitli, mit einer kleine Raffele, die manchmal auch Rätsche oder Trülle heisst. Das Domino, einst verhüllendes Wintergewand des italienischen Adels und der Kleriker, trägt einen «Tätscher» mit sich, eine Pritsche oder Klatsche. Kommt darin der Anspruch der herrschenden Klasse zum Ausdruck, um das zuschauende Volk scherzhaft züchtigen zu können? Schlägt man die Pritsche auf eine Schulter oder einen Rücken, so knallt es richtig. Die Pritsche taucht auch im Kasperli-Theater auf, bei deutschen Karnevals-Prinzen und seit dem 16. Jahrhundert beim Pritschenmeister, der bei Anlässen und besonders bei Schützenfesten für Ordnung zu sorgen hatte. Im «Ratskeller», Schwyz, wäre eine solche Szene auf einem Wandbild zu sehen, wenn das Lokal derzeit offen hätte. Der Alte Herr, die rheumageplagte Figur eines ausrangierten Aristokraten, stützt sich logischerweise auf einen knorrigen Stock. Nicht das edle Gehstöcklein wird benutzt, sondern als Karikatur davon möglichst wild geformtes schweres Naturholz.

Hudi's Schleppkünste

Das ist aber noch gar nichts gegen die Schleppkünste, welche das Hudi an den Tag legen muss. Schon der Reifrock und das künstliche «Füdle und Härz» sind zwischen zwei Stuhlreihen hinderlich, erst recht sind es die Requisiten. Das Hudi kämpft sich mit wildem Intrigieren, mit Korb und Schirm ab, und häufig auch noch mit einer Brissago. Die multifunktionale Rokoko-Biedermeier-Figur sollte drei Hände und zwei Mundwerke haben. Neben der herrlichen Belastung mit den Requisiten kommt bei allen auch noch die ganze Spendier-Ladung dazu. Am einfachsten hat es technisch das Hudi: Der offene Henkelkorb ist leicht zu bedienen und kann auch mal einfach gekippt werden. Und böse Buben, die auf Orangenklau aus sind, können schon mal mit dem Schirm in Schach gehalten werden.

Einweg-Säcke in Steinen

Bei den anderen Figuren – Blätz, Domino, Bajassmäitli und Bajassbueb und Alter Herr – steht der weisse Sack im Einsatz, der prall gefüllt mit Orangen schon mal gegen zehn Kilogramm wiegen kann. Eleganter ist da die Zigeunerin, oder der Zigeuner: Er, oder sie, trägt auch einen Sack, aber mit Tragschlaufen und meist buntem Stoff. Wobei sich letztlich die Rotten nicht nur im Narrentanz unterscheiden, sondern auch im «Gepäck»: In Steinen ist ausser beim Hudi nichts an raffinierten Tragsystemen auszumachen, da reichen Papiersäcke für die orange Munition. Sozusagen Einweg- Orangensäcke.

Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

16.02.2010

Webcode

schwyzkultur.ch/qPa65f