Die «Alpentücher» von Sybille Eberhard zeigen im Scherenschnitt-Stil auch Biker, Postkartenstempel oder Taschenmesser.
Die «Alpentücher» von Sybille Eberhard zeigen im Scherenschnitt-Stil auch Biker, Postkartenstempel oder Taschenmesser.
Auch die Kollektion «Senits» interpretiert klassische Elemente neu.
Auch die Kollektion «Senits» interpretiert klassische Elemente neu.
Neu trifft auf Alt: Marceline Berchtolds Schürzenkleid im Oberwallis.
Neu trifft auf Alt: Marceline Berchtolds Schürzenkleid im Oberwallis.

Volkskultur

Erhalten Trachten moderne Chance?

Interessiert sich die heutige Modewelt für Stoffe, Design, Schmuck und Machart der traditionellen Trachten? Wie könnten «moderne Trachten» aussehen? Mindestens im Ansatz hat gestern ein Ausstellungs- Gespräch im Forum Schweizer Geschichte Antworten gegeben.

Als wunderbare Ergänzung zum Eidgenössischen Trachtenfest hat das Forum Schweizer Geschichte in Schwyz in einer Wechselausstellung «Trachten auf dem Laufsteg» erarbeitet und konzipiert. Der Titel sagt es: Nicht nur Präsentation und Erläuterung von historischen Trachten waren beabsichtigt, sondern auch eine Umsetzung in die Aktualität, auf den Catwalk der aktuellen Mode, war das Ziel.

Ideen fliessen hinüber

In einem Ausstellungsgespräch haben dazu gestern Museologin Marianne Gächter und sieben junge Designerinnen und Designer ihre Entwürfe, Ideen, ihre bisherigen Arbeiten, ihre Situation und ihre Pläne zu dieser Thematik vorgestellt. Unterschiedlich stark haben sie sich tatsächlich von Elementen aus der Trachten-Tradition inspirieren lassen. Eingang in neue Kreationen fanden so Trachtenstoffe, Motive, Ornamente, Schmuck oder generell der klassische Stil der meisten Trachten. Die bei Frauentrachten oft dominante Bedeutung der Schürze zum Beispiel wurde in einem Modell zum ganzen Kleid weiterentwickelt, die hohe Taille findet sich in klassisch wirkenden Kostümen wieder, Stickerei-Motive auf neuen Stoffen oder die sehr frohen Farben der Appenzeller Trachten in Schals. Keine Berührungsängste haben auch die «Alpentücher», die im Scherenschnitt-Stil auch Biker, Postkartenstempel oder Taschenmesser zeigen, nicht nur Geissen und Kühe.

Einige Ideen haben überrascht: Knöpfe aus Einfränklern an Herren-Jacken, ein nur geklebtes und genietetes Kleid, Adidas-Streifen im Sinne von zeitgenössischen Motiven aus «Sport-Trachten» oder neu Faserpelz, der im Trachtenstil verarbeitet wird. Spürbar wurde auch, dass neue Kreationen durchaus auf der riesigen Tradition und Qualität der Schweizer Textilwirtschaft aufbauen könnten.

Keine Mengen-Produktion

Bei all diesen Beispielen fällt aber auf, dass sie meist Unikate, Mass-Anfertigungen und ganz sicher nie über die Kleinserie hinausgekommen sind. Trachten-Elemente – einmal von denEdelweiss-Hemden abgesehen – haben es bis heute nicht in die Alltagsmode geschafft. Auch wenn es einzelne Labels, Produktionen und Ethno-Boutiquen mit einem kleine Sortiment gibt: Die «neue Trachtenmode» ist bis heute exklusiv geblieben. Von einer kommerziellen Produktion ist man weit entfernt. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Europa wird von Textilien überschwemmt, bisherige Kreationen waren zu wenig alltagstauglich, zu teuer und nicht immer bequem genug.

Keine Selbstbestätigung nötig

Ein weiteres Argument liefern vermutlich das Trachtenwesen und die damit verbundene soziologische Struktur selber. In Bayern, Süddeutschland oder Tirol finden sich serienweise «neue» Trachten im Alltag. In der Schweiz überhaupt nicht. Dies hat damit zu tun, dass die Trachtengremien jede moderne Interpretation ablehnen, obwohl die Urform der Tracht dadurch nicht gefährdet würde. Und zweitens ist in diesen erwähnten Regionen ein wesentlich grösserer Identifizierungsdruck vorhanden: Tirol gegen Wien, Bayern gegen Preussen. In der stark föderalistisch strukturierten Schweiz war es gar nie notwendig, dass sich zum Beispiel Schwyz von einem dominanten Zürich abgrenzen musste.

Das von Kuratorin Pia Schubiger versiert moderierte Gespräch war interessant und hat Ansatzpunkte dazu geliefert, wie sich Trachtenelemente in der aktuellen Mode etablieren könnten. Nicht optimal war dagegen die akustische Situation, wegen zu leisen Stimmen im langgezogenen Raum haben nicht alle alles mitbekommen.



Trachten auf dem Laufsteg

22.05.–17.10.2010
Di–So 10–17 Uhr
Forum Schweizer Geschichte Schwyz

Weitere Infos

- www.trachten-laufsteg.ch

- www.tuchinform.ch
Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

16.08.2010

Webcode

schwyzkultur.ch/ETDdUs