Annina Michel, Leiterin des Bundesbriefmuseums Schwyz, vor dem Bildnis des Historikers Ägidius Tschudi. Bild Franz Steinegger
Annina Michel, Leiterin des Bundesbriefmuseums Schwyz, vor dem Bildnis des Historikers Ägidius Tschudi. Bild Franz Steinegger

Volkskultur

Konstrukteur der Schweizer Geschichte

Der Glarner Ägidius Tschudi schrieb im 16. Jahrhundert seine «Chronik der Schweizer Geschichte», welche der Schweiz eine nationale Identität gab.

Dem Vortrag «Die Konstruktion der Eidgenossenschaft» im Rahmen der Reihe «4 x Schweizergeschichte im Bundesbriefmuseum» von Museumsleiterin Annina Michel wohnten 50 Geschichtsinteressierte bei. Sie lernten einen der bedeutendsten Schweizer Chronisten kennen, den Glarner Aristokraten und Landammann Ägidius Tschudi (1505–1572). In Erinnerung geblieben ist er jedoch als Geschichtsschreiber, der das Bild der bösen Habsburger und heldenhaften Eidgenossen bis in die neueste Zeit prägte, wie Michel erläuterte. «Er hat die kollektive Erinnerung für Jahrhunderte geprägt.»

Ordnung im Aufbruch

Das 16. Jahrhundert war eine Zeit des Aufbruchs. Tschudi war wissbegierig; forschte, sammelte und ordnete, war ein Pionier der Archivforschung. Er durchwanderte das Gebiet der Eidgenossenschaft, beobachtete genau, schrieb auf, vom Klima über die Landschaft bis zur Lebensweise der Menschen. 1530 fertigte er eine erste Niederschrift an, die er ab 1550 überarbeitete. «Er verstand sich immer als Mitglied der Aristokratie und distanzierte sich vom gewöhnlichen Mann», charakterisierte Annina Michel den Menschen Tschudi. Das zeigt sich darin, dass die drei Rütli-Schwörer Landammänner waren; hingegen war Wilhelm Tell ein von Tschudi gering geschätzter Rohling. In Tschudi verschmolzen der Historiker und der Politiker: «Geschichte war eine Verlängerung seiner Tätigkeit als Politiker », sagte die Museumsleiterin.

«Dramatisch und wortgewaltig»

Als er ab 1569, nur drei Jahre vor seinem Tod, sich erneut an die Überarbeitung seiner Forschungen und Erkenntnisse machte, wandte er sich im Auftrag von Honoratioren ganz der Zeit um 1300 zu, den Ursprüngen der Eidgenossenschaft. «Er schrieb so dramatisch und wortgewaltig, dass diese Stimmung im Gedächtnis für Jahrhunderte hängen blieb.» Das war ganz im Sinne seiner Auftraggeber. Er gab dem Gebilde, das aus 13 vollberechtigten und einigen zugewandten Orten bestand und 1513 auf dem Höhepunkt seiner Macht war, ein Gesicht und eine Identität. Das war auch dringend nötig, denn die alte Eidgenossenschaft war im 16. Jahrhundert von inneren Konflikten (Stichwort Reformation) bedroht. Seine Geschichtsschreibung hatte zweierlei Absicht: Sie sollte durch die Konstruktion einer gemeinsamen Herkunft und Geschichte einerseits den Zusammenhalt fördern und Identität stiften. Andererseits wurde der Eidgenossenschaft vonseiten des Deutschen Reiches vorgeworfen, sie sei widerrechtlich entstanden. Mit Tschudis Schilderung vom bösen Habsburger Albrecht, der 1298 den deutschen Thron bestieg, und seinen tyrannischen Vögten («Gessler») konnte er durch den Freiheitskampf der Eidgenossen – vor allem in Morgarten – Gegensteuer geben, «denn der Kampf gegen Tyrannen legitimiert die Unabhängigkeit», erklärte Annina Michel.

«Begründete Annahmen»

Bei seinen Nachforschungen in den Archiven von Uri, Schwyz und Unterwalden stiess Tschudi auf «lose aneinandergereihte Episoden», die er ganz im Geist seiner Zeit ordnete. Beispielsweise im Weissen Buch von Sarnen stiess er auf Nachlässigkeiten, die er durch Jahreszahlen ergänzte. «Was heute in Historikerkreisen blankes Entsetzen auslösen würde, war zu seiner Zeit üblich. Aus Daten, Zahlen und Handlungssträngen konstruierte er seine Geschichte der Eidgenossenschaft.» Seine Geschichtsschreibung basiere auf «begründeten Annahmen, einem gängigen Arbeitsinstrument in der Zeit des Humanismus». Er habe sich zwar an Vorlagen orientiert, «Fehler wurden jedoch durch Annahmen ausgebügelt». Seine Botschaft war: «Handelt wie die Vorväter», wobei er bis auf die Helvetier zurückgriff. «Nicht alles, was Tschudi berichtete, lässt sich historisch belegen. Sein Vermächtnis ist die Schaffung einer nationalen Identität und eines Selbstverständnisses, das uns bis heute prägt», wertete Annina Michel die Bedeutung des Glarners.

Bote der Urschweiz (Franz Steinegger)

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Brauchtum / Feste

Publiziert am

23.02.2015

Webcode

schwyzkultur.ch/ydUXHA