Margrit Schriber vor dem Bild einer Tankstelle, die als reales Urbild für die Tankstelle in «Glänzende Aussichten» gelten kann. Bild: Cornelia Bürgi
Margrit Schriber vor dem Bild einer Tankstelle, die als reales Urbild für die Tankstelle in «Glänzende Aussichten» gelten kann. Bild: Cornelia Bürgi

Literatur

Wirkkraft der Literatur gegen Prestige-Sucht

Autorenlesung mit Margrit Schriber im «Gaswerk»: Es ging um drei Romane und drei Frauen.

Wer bescheiden daherkommt, kann zuweilen mehr bewirken, als manch einer denkt. Das zeigt die in Brunnen und Küssnacht aufgewachsene, heute international anerkannte Schriftstellerin Margrit Schriber in ihren Büchern. Das zeigte auch der Autorenabend mit ihr am Freitag im «Gaswerk», Seewen. Vortrefflich organisiert hatte den Anlass der Verein SchwyzKulturPlus. Drei Romane standen im Mittelpunkt. Im jüngsten, in «Glänzende Aussichten », ist es Pia, die Ich-Erzählerin, die fast unmerklich subtil und jedenfalls in einem guten Sinn ihre Mitwelt beeinflusst. Ein Kopfschuss aus eigener Hand bleibt im Roman «Zweitbestes Glück» für die noch nicht einmal 25-jährige Stummfilmschauspielerin Leny Bider der einzige Ausweg. Es war eindrücklich, zu erleben, wie Schriber selber, eine Passage aus diesem Buch vorlesend, diese menschliche Ausweglosigkeit betonte. Und dann erst Julia Pastrana. Sie lebte Mitte des 19. Jahrhunderts und war – als Frau im Showgeschäft – behaart wie ein einsamer Älpler und klein wie ein Zirkuszwerg. Ihr Impresario Theodore Lent kam auf die böse Idee, sie dem Publikum auf drei Kontinenten in dieser Merkwürdigkeit, nämlich als «Affenfrau», zu präsentieren. Dieses Buch Margrit Schribers löste eine intensive Erschütterung aus. Noch nach ihrem Tod war Pastrana, einbalsamiert, lange Zeit in einem forensischen Institut in Norwegen, zusammen mit ihrem Kind, eingekellert. Aufgrund von Schribers Buch kam es zu einer Petition, die eine menschenwürdige Grabstätte forderte. 2013 wurden die beiden Einbalsamierten nach Mexiko überführt, woher Julia Pastrana ursprünglich auch gekommen war. So kann Literatur wirken – und, bitte sehr, Gutes tun.


Bote der Urschweiz / Daniel Annen

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

12.09.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/6bgdbj